DIE ZEIT: Herr Seel, wer an Rousseau denkt, denkt an den Satz "Zurück zur Natur". Viele, auch Voltaire, verstanden das als Programm: Der Mensch solle wieder auf allen Vieren durch die Wälder kriechen.

Martin Seel: Das war schon immer falsch. Rousseau dachte gar nicht daran, sich wieder in die Arme der Natur sinken zu lassen. Er war kein Naturalist. Rousseau war ein Aufklärer. Für ihn war die Natur auch kein Vorbild, er sah sie nicht als Gesetzgeber, der uns Anweisungen erteilt.

ZEIT: Wenn die Natur kein Gesetzgeber ist, der uns sagt, wie wir leben sollen – was war sie dann für Rousseau?

Seel: Ein Mitspieler und ein Partner. Die Natur, so sah es Rousseau, verschafft uns Gelegenheiten zur Besinnung auf uns selbst. Wir können uns an unsere eigenen Fähigkeiten erinnern, an unsere Neigungen, an das "eigene Herz". Wir setzen die gedeutete Welt in Klammern. Das Hinausgehen in die Natur ist ein Abstandnehmen – wir verlassen für eine Weile die gesellschaftlichen Zustände der Unterdrückung, Entfremdung und Verdinglichung. Aber wie wir leben wollen, das müssen wir – im persönlichen wie im politischen Leben – selbst bestimmen.

ZEIT: Was ist das Revolutionäre an dieser Naturauffassung?

Seel: Rousseau kommt ohne metaphysischen Bombast aus. Er weiß, dass wir die Natur immer schon in kulturellen Begriffen denken, das heißt: dass es zu unserer Natur gehört, Kultur zu haben. Deshalb ist für ihn die Natur ein "Draußen" im Drinnen. Und wenn er vom "Naturmenschen" spricht, dann ist das für ihn bloß eine hypothetische Überlegung, um den "Kulturmenschen" kritisch in den Blick zu bekommen. Auch die Rede von einer Natur "an sich" war für ihn eine Fiktion; er wollte klären, was Natur "für uns" zu bedeuten hat.

ZEIT: Das klingt so, als sei die Natur völlig unbestimmt, nur eine Art Resonanzraum.

Seel: Was heißt "nur"? In der Natur gehen wir auf Distanz zu unseren Festlegungen und Obsessionen, auch zum Wahn der Machbarkeit. Die Begegnung mit der Natur stellt unsere Normen auf den Prüfstand. Gleichzeitig erfahren wir in der Natur, dass das, was wir als sinnvoll erfahren, unser eigener Sinn ist. Und dass die Normen, nach denen wir leben, unsere Normen sind. Die Naturerfahrung ist auch ein Gegengift gegen Bigotterie und Fanatismus. Kurzum, bei Rousseau ist das ästhetische Verhältnis zur Natur ein Umweg der Kultur zu einem freien Verhältnis zu sich selbst.

ZEIT: Aber Natur ist doch für ihn ein erhabenes Spiel der Kräfte. Sie lehrt ihn das Staunen.

Seel: Rousseau staunt über die Fülle und Varietät der Erscheinungen in der Natur. In solchen Momenten ist sie für ihn ein positiver Widerpart, der uns durch die Einheit ihrer Gegensätze anzieht. In diesem freien Spiel beständiger Variationen gelten die fragwürdigen Konventionen der Gesellschaft nicht. Rousseau entdeckt darin einen nicht zwanghaften Lebenszusammenhang, den er im Sozialen vermisst.

ZEIT: Diese Erfahrung kann man doch auch in der Stadt machen.

Seel: Sicher. Doch die Entdeckung der Stadt als Landschaft ereignete sich erst später, etwa ab 1800. Heute ist es für viele selbstverständlich, dass man in der großen Stadt Erfahrungen machen kann, die der Naturerfahrung gar nicht so fern stehen. Das liegt darin, dass – überspitzt gesagt – Natur die Natur ästhetischer Landschaft ist. Denn auch im ästhetischen Erscheinen der Stadt ist es die Varietät und Zufälligkeit eines unüberschaubaren Geschehens, das uns in den Bann zieht. Wer will, findet die naturhafte Seite der Zivilisation überall.

ZEIT: Aber richtige Natur gibt es immer seltener.

Seel: Auch das steht schon bei Rousseau. Als er die Natur im Wallis beschreibt, trifft er überall auf Spuren des Menschen, selbst dort, wo er sie gar nicht erwartet hatte. So geht es uns heute erst recht. Die "eigentliche" Natur war immer schon im Aussterben begriffen.