So sehen Sieger eigentlich nicht aus. Antonis Samaras steigt wenige Stunden nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse aus einer deutschen Limousine. Draußen wartet schon die Menge. Der Chef der Nea Dimokratia (ND) wirkt irritiert. So viele Journalisten, so viele Menschen. Er schaut sich mühsam lächelnd um. Verhaltener Applaus brandet auf, einige rufen. Samaras hebt die Hand, aber nur, um seine Augen vor dem Blitzlichtgewitter zu schützen. Er geht im Gewühl eine Freitreppe hoch, der Applaus verliert sich. Dann spricht er in einem geschlossenen Saal. Die früher übliche Wahlparty fällt aus.

Antonis Samaras ist der neue starke Mann Griechenlands . Doch wer in diesem Land gewinnt, scheint schon verloren zu haben. Oppositionspolitiker der linken Syriza wirken geradezu erleichtert, dass ihre Partei nicht stärkste Kraft geworden ist. Griechenland ist hoch verschuldet, wird vielleicht bald die Pensionen und Staatsgehälter nicht mehr zahlen, die Auflagen aus Brüssel nicht einhalten können. Die griechische Industrie ist in der Globalisierung weggebrochen. Die Finanzmärkte meinen, die ganze Euro-Zone an Griechenland messen zu müssen. Alle Welt schaut hierher, Börsenkurse und Anleihezinsen folgen dem Wahlbarometer in Athen . Eine schwere Last für Antonis Samaras und seine Partei, die Hellas in der Vergangenheit mit in die Misere geführt hat. Können sie Griechenland erneuern? Und vor allem, können sie sich selbst verändern?

Im Gartencafé des Athener Münzmuseums sitzt Renos Haralambidis, mit 42 Jahren einer der jüngeren ND-Kandidaten bei diesen Wahlen. Er ist eine Ausnahmeerscheinung, nicht nur des Alters, des offenen Kragens und der dunklen Haare wegen. Er ist Schauspieler und Filmregisseur. Künstler verlieren sich sonst nicht in die sehr maskuline, konservative ND. Wenn Haralambidis mit alten Parteimitgliedern spricht, sieht er in ihren Gesichtern die Frage: »Wie kommt der bloß hierher?« Haralambidis wurde von Antonis Samaras geholt, als dieser in der ND-Regierung bis 2009 Kulturminister war. Es spreche für den 61-jährigen Samaras, dass er die Partei für Künstler öffne, sagt Haralambidis. So habe der Parteichef die Basis der ND vor dieser Wahl weiter verbreitert – und deshalb fast dreißig Prozent geholt.

Angstkampagne gegen die Sozialisten

Die Nea Dimokratia hat sich von der Wahlschlappe des 6. Mai erholt, auf rund 18 Prozent war die Volkspartei da abgerutscht. Danach war es Samaras gelungen, die rechtspopulistische Laos-Partei komplett in die ND zu holen und einige prominente ND-Politiker zurückzugewinnen, die seinetwegen zuvor die Partei verlassen hatten. Mit einer Angstkampagne gegen die sozialistische Syriza-Partei von Alexis Tsipras konnte Samaras das konservative Bürgertum mobilisieren und alle, die um ihre Spareinlagen und Griechenlands Zugehörigkeit zu EU und Euro-Zone fürchten. Er stilisierte die ND zur echten Pro-Euro-Partei. Zu Hilfe kam ihm dabei der Mythos: Gründer der ND war Konstantin Karamanlis, der Griechenland vor über dreißig Jahren in die EU führte. Zu den großen Alten der Partei gehören Europäer wie Helmut Kohls Freund Konstantin Mitsotakis. Diese Ahnengalerie ehrt und verpflichtet Samaras. Als er am Wahlabend oben auf der Freitreppe des neoklassizistischen Zappeion-Palastes stand, sagte er zu seinem Freund Haralambidis: »Auf diesen Moment habe ich zwanzig Jahre lang gewartet.«

Antonis Samaras ist in Europa kein Unbekannter. Vor ziemlich genau zwanzig Jahren nervte er, damals als griechischer Außenminister, die Europäer mit seiner Kompromisslosigkeit im Streit um die Benennung der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien. In den neunziger Jahren gründete Samaras eine nationalpopulistische Partei und spaltete damit die Nea Dimokratia. Nach dem Scheitern seines politischen Irrgangs näherte er sich der ND wieder an. Jetzt muss Samaras nicht nur eine Koalition mit der Pasok und der Demokratischen Linken , sondern ganz Griechenland hinter dem Reformkurs vereinigen. Kann er das?

Zu verschlossen, zu kompliziert

Manche in der ND zweifeln daran. Samaras sei zu distanziert, zu wenig empathisch, zu verschlossen und kompliziert, sagen seine Kritiker hinter vorgehaltener Hand. Im Gespräch meide er oft die Augen seines Gegenübers. Renos Haralambidis, der Freund und Künstler, sieht das anders: »Er mag manchmal etwas scheu sein, aber das liegt auch an seinem Respekt vor der historischen Herausforderung.« Für viele Griechen sei er glaubwürdiger und ernsthafter als der 37-jährige Demagoge und Polit-Jungstar Tsipras . Samaras sei ein »erfahrener Kämpfer«.

Die Behauptung der ND, es ginge im Wahlkampf um Griechenlands Anker in Europa und den Euro für Hellas, war tatsächlich ein kluges Täuschungsmanöver. Denn auch die linksradikale Syriza wollte nie die Euro-Zone verlassen . Wohl aber versprach sie, über die Spar- und Reformauflagen der EU neu zu verhandeln . Das will die ND ebenfalls, nur etwas weniger jungforsch als die Syriza.

Wie wird Samaras kämpfen?

Antonis Samaras hat eine Reihe von Wirtschafts- und Finanzberatern, zu denen ein gewendeter Trotzkist und radikaler Steuersenker genauso gehören wie ein langjähriger EU-Kommissar und der Ökonom Christos Staikouras. Staikouras sitzt in seinem Abgeordnetenbüro am Syntagma-Platz und erzählt von Samaras’ Plänen. Die engen Vorgaben des Memorandums will der ND-Chef in Verhandlungen mit der Europäischen Union lockern. Die Ziele sollen erhalten bleiben, der Weg dahin soll verändert werden. Samaras will die Renten wieder auf den Stand von 2009 anheben, dem Jahr, in dem die ND abgewählt wurde. Die Zahlung von Arbeitslosenhilfe soll um ein Jahr verlängert werden, die Löhne sollen auf keinen Fall weiter sinken. Eine Lohnuntergrenze ist geplant. Die Staatsausgaben sollen steigen, um so die Wirtschaft anzukurbeln. Schon das dürfte reichen, um die Sparwächter aus Brüssel zu irritieren. Am meisten aber werden sie sich wohl an den von Samaras geplanten Steuersenkungen stören, die schwer an die Gaststättenpflege der deutschen FDP erinnern. Innerhalb von drei Jahren soll die Mehrwertsteuer um vier Prozent sinken, für Hoteliers und Restaurants sogar mehr als halbiert werden.

Antonis Samaras wird für seine Pläne neues Geld brauchen, zumal die chaotischen Wochen der Doppelwahlen Griechenland finanziell schwer belastet haben. Es war Samaras, der vor allen anderen auf vorgezogene Wahlen gedrängt hatte und die Technokraten-Regierung partout nicht bis 2013 stützen wollte. Von griechischen Banken wurden seit der Wahlankündigung knapp 100 Milliarden Euro Spareinlagen abgezogen . Obendrein hatten die Bürger vor der Wahl einen zweimonatigen Steueraufschub erhalten , der ein Riesenloch in die Staatskasse gerissen hat. Der Haushalt ist von einem satten Plus im März von 2,3 Milliarden Euro ins Minus gerutscht. Samaras wird also die EU als erstes um weitere Hilfen bitten müssen.

"Wir sind mitten in einer Überlebensschlacht"

In einer Woche wird der neue griechische Premier in Brüssel auf die Riesen treffen, die sein Land am Leben halten und zugleich mit Spar- und Reformauflagen piesacken. Samaras ist in Brüssel bisher als der schwierige Oppositionsführer bekannt, der sich lange Zeit geweigert hatte, die Sparpläne der EU mit abzusegnen.

Er wusste, warum. Kurz vor der Wahl hatte sich Antonis Samaras durchaus mutig einer offenen Diskussion mit erzürnten griechischen Wählern gestellt, die ihm vorhielten, er habe das Memorandum erst theatralisch kritisiert, um es am Ende dann doch zu unterschreiben. Bitterböse Blicke waren da auf ihn gerichtet. Samaras schaute zu Boden, hob beide Hände und versprach: »Ich werde nach Europa gehen und für bessere Sozialleistungen kämpfen.« Und als das Publikum ihm nicht glauben wollte, fügte er hinzu: »Ich werde nie den Tod von Griechenland unterzeichnen.«

Doch wie wird Samaras kämpfen? Renos Haralambidis nennt ihn einen harten Verhandler, »härter als die Deutschen«. Samaras habe sich unter Kontrolle, er bleibe wohl distanziert in der Deckung und stoße hervor, wenn der Moment reif sei. Die Beschreibung des Filmregisseurs passt gut zur augenblicklichen Stimmung in Athen, wo nach Lohnkürzungen und Firmenzusammenbrüchen viele auf Kampf eingestellt sind. »Wir sind mitten in einer Überlebensschlacht«, sagt Haralambidis. Der Feind sei überall. Nicht nur in Europa , sondern auch in Griechenland, »sogar in uns selbst«. Der Feind könne auch in der Verkleidung eines Freundes kommen, »dessen Geschenk vergiftet ist«. Das klingt dramatisch nach dem alten Griechenland mit seinen Politintrigen und Kulissenkämpfen. Die Europäer werden von Samaras aber wissen wollen, ob er und seine Partei gerade dieses sattsam bekannte Griechenland ändern können.

Auf die Jüngeren der ND, auf Leute wie Renos Haralambidis, wird es ankommen, soll aus der Nea Dimokratia eine moderne Partei werden. Samaras hat das erkannt, und so fördert er die Jungen, darunter Christos Dimas, den Sohn des ehemaligen EU-Kommissars Stavros Dimas. Der 32-Jährige hat seinen Wahlkreis in der Region von Korinth gewonnen. Die anderen ND-Kandidaten waren dort über 55 Jahre alt – wie die große Mehrheit der Partei und ihrer Wähler.

Er wird vielen Leuten wehtun müssen

Darin liegt die Gefahr für Antonis Samaras. Diese Wahl hat Griechenland geteilt: in alt und jung, in vorsichtig und forsch-verändernd, in Besitzstandswahrer und junge Arbeitslose , in Nea Dimokratia und Syriza.

Wenn Samaras in wenigen Wochen aus Brüssel mit einem vielleicht abgemilderten Spar- und Reform-Memorandum zurückkehrt, wird der Verteilungskampf aufs Neue losgehen. Kürzt der Premier die Renten oder die Jugendprogramme? Streicht er bei den Altersheimen und Krankenhäusern oder bei den Schulen und Universitäten? Entlässt er bei Kürzungen im Staatsdienst vor allem Ältere, oder stellt er einfach keine Jungen mehr ein?

Die ND ist eine Partei des überkommenen griechischen Systems. Erst recht, wenn sie nun mit der grünspansozialistischen, alten Pasok koaliert. Die beiden Parteien werden vielen Leuten wehtun müssen, die sie mit ihrer Klientelpolitik dereinst eingestellt und versorgt haben. Es wird Alexis Tsipras, dem Jugendidol der Syriza, kaum schwerfallen, gegen Samaras’ Entscheidungen auf den Straßen mobilzumachen.

Antonis Samaras wird seine wenigen jungen Leute in der Partei brauchen, um auf Dauer erfolgreich sein zu können. Ob die Nea Dimokratia sich darauf ausreichend vorbereitet hat, darf man zumindest bezweifeln.

Renos Haralambidis, der Künstler, ist übrigens nicht ins Parlament gekommen. Vor ihm auf der Liste standen altgediente Parteihaudegen. Erst wenn die irgendwann mal ausfallen sollten, darf er nachrücken.