Noch 90 Jahre danach wundert man sich, wie einfach es die Mörder hatten: Am Samstag, den 24. Juni 1922, verlässt Außenminister Walther Rathenau gegen 11 Uhr sein Haus in Berlin-Grunewald, um sich im offenen Auto ins Amt an der Wilhelmstraße fahren zu lassen. Es gibt keinen Polizeischutz. Noch zwei Tage vor seinem Tod hat er, trotz höchst akuter Morddrohungen, derlei zum wiederholten Male vehement abgelehnt. Als sein Fahrer vor einer Kurve das Tempo verlangsamen muss, setzt ein anderer offener Wagen, in dem drei Männer sitzen, zum Überholen an. Kaum befinden sich die beiden Fahrzeuge auf gleicher Höhe, feuert einer der Mörder mit einer Maschinenpistole auf Rathenau ; danach wirft ein zweiter Attentäter noch eine Handgranate auf die Rückbank. Nur zehn Monate nach Finanzminister Matthias Erzberger wird ein weiterer Politiker der Weimarer Republik Opfer des politischen Mordes – wiederum gehören die Täter der rechtsterroristischen Organisation Consul an.

Und wiederum saßen die geistigen Hintermänner der Mörder auf der äußersten Rechten des Reichstags, vor allem auf den Sitzen der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), deren führender Vertreter Karl Helfferich durch seine perfiden Hetzreden und -schriften bereits Erzberger auf dem Gewissen hatte. Noch am Tag vor dem Mord an Rathenau hatte Helfferich von der Tribüne des Reichstags aus die Politik von Reichskanzler Joseph Wirth (Zentrum) und seinem Außenminister von der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) polemisch in Bausch und Bogen verdammt, freilich ohne auch nur den leisesten Ansatz einer Alternative anzudeuten. "Eine deutsche Regierung", so hatte Helfferich schließlich gefordert, "die ohne Ermächtigung des Reichstages wesentliche Bestandteile der deutschen Souveränität veräußert, gehört vor den Staatsgerichtshof!" Der rechte Scharfmacher tat wieder einmal so – Haltet den Dieb! –, als sei die Regierung der Weimarer Republik am Elend des Landes schuldig und nicht etwa die kaiserliche Kriegspolitik, an der Helfferich selbst als Staatssekretär der Finanzen maßgeblich beteiligt gewesen war.

Die Zusammenhänge zwischen Wort und Mord kannten auch die Hunderttausende, die am Tag nach dem Attentat in Berlin demonstrierten. Vor dem Reichstag, der sich am Sonntagnachmittag versammelte, waren beim Erscheinen Helfferichs Rufe zu hören: "Mörder, Mörder! Hinaus mit den Mördern!" Auch im Plenum fielen klare Worte. So rief Reichskanzler Wirth, nach rechts weisend: "Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. – Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts!"

Liest man die vielen unter Schock gesprochenen emphatischen und pathetischen Nachrufe auf Rathenau, so bestätigt sich indes die Erfahrung, dass ein solcher Mord, dass ein Martyrium das Bild des Opfers überformt, dass seiner Existenz vom Ende her eine Eindeutigkeit zugesprochen wird, die ihr so nicht zu eigen gewesen war, und dass seinem Wirken eine überlebensgroße Größe zugemessen wird. Zeitlebens nämlich war Walther Rathenau auch bei vielen, die über sein Ende zutiefst erschüttert waren, nicht unumstritten gewesen: hier die großbürgerliche Existenz eines machtvollen Großindustriellen, da die intellektuelle, ja fast metaphysische Ambition eines fundamentalen Kritikers der Wirtschaft und Politik seiner Epoche.

Bezeichnend für diese Ambivalenz der Wahrnehmung sind die Worte, die der Hamburger Bankier Max M. Warburg noch am Tag des Attentats an seinen Bruder schrieb. Der Mord habe ihn tief bewegt – und dennoch: Rathenau "blieb mir immer fremd in seiner Auffassung, weil er zu sehr auf die Außenwirkung hin arbeitete, zu eitel war und zu häufig seine Absichten änderte; er hatte eine große Combinationsgabe, aber ein ganz Großer war er doch nicht, er hatte mehr Talent als Größe, er war nicht ehrlich bis zum Äußersten und gefiel sich im Verdunkeln der Geschehnisse, anstatt Klarheit zu erstreben; es war mir körperlich direct schmerzhaft, wenn er so docierte und pathetisch paradoxierte, wo Einfachheit namentlich in der Jetztzeit für uns alle allein erträglich ist".