Das Urteil ist gesprochen, und Josef K. ist auf der Flucht. Durch den Hinterausgang verlässt er das Landgerichtsgebäude. Seine Anwälte bugsieren ihn in ein Auto. Josef K. liegt auf der Rückbank, das Jackett seines Verteidigers über dem Gesicht. Zu einer Autobahnraststätte wollen seine Anwälte ihn fahren, dort wird sein Bruder ihn übernehmen. Der wird ihn fortbringen. Raus aus Trier, raus aus der Eifel, raus aus Deutschland. Josef K. ist freigesprochen, obwohl er einen Menschen getötet hat. Die Tat ist unbestritten, nur – der Mordvorwurf ließ sich nicht erhärten, und Totschlag ist verjährt. Jetzt muss K. untertauchen.

Nach Hause kann er nicht mehr. Aufhängen sollte man ihn, sagen sie dort. Die Dorfbewohner aus jenem Örtchen, in dem er bisher lebte und in dem er jeden mit Namen kennt. Ein-, zweimal die Stunde fährt die Polizei langsam an seinem Bauernhof vorbei, um mögliche Übergriffe zu verhindern. Manchmal bewegt sich hinter der Gardine im Küchenfenster eine schmale Gestalt. Es ist K.s Mutter, eine Frau von mehr als 90 Jahren. Sie sitzt da und wartet. Auf ihren Sohn, der neun Monate lang in Untersuchungshaft saß. Für eine Tat, die er vor langer Zeit begangen hat und für die er jetzt zur Rechenschaft gezogen worden ist. Gottes Mühlen mahlen langsam, aber stetig, sagt der Volksmund. Um Josef K. zu zermalmen, brauchten sie dreißig Jahre.

Es war der Abend des 24. August 2011, an dem die Gerechtigkeit über Josef K. kam. Wolfgang Schu, Kriminalhauptkommissar aus Trier, steht im Fernsehstudio, in dem die Sendung Aktenzeichen XY … ungelöst produziert wird. Soeben ist der Einspieler abgelaufen. Ein kurzer Film, der in wenigen Minuten zusammenfasst, welches Verbrechen aufgeklärt werden soll. Der Kurzfilm, der Schus Fall skizziert, ist untypisch für die Sendung. Statt eines Verbrechens sieht der Zuschauer einen nachgestellten Film über ein junges Paar, das unglücklich verliebt ist. Eine Liebesgeschichte, so alt wie die Menschheit: Reicher Bauernsohn verliebt sich in armes Mädchen aus dem Nachbardorf. Der Vater des jungen Mannes ist gegen die Verbindung. Das Mädchen, Lolita Brieger, damals 18 Jahre alt, wird schwanger. Deshalb gibt es Streit zwischen ihr und dem Bauernsohn, der hin- und hergerissen ist zwischen seiner Liebe und seinem Elternhaus. Plötzlich verschwindet die junge Frau. Sie sei auf dem Weg zu ihrem Freund gewesen, sagt der Sprecher aus dem Off, und im vierten Monat. Seither hat es kein Lebenszeichen von Lolita gegeben. An die dreißig Jahre ist das her.

Vor neun Jahren hat Schu die Akte Brieger auf den Tisch bekommen. Die Polizei überprüft routinemäßig alte Fälle, um sie mithilfe moderner Technik oder neuer Hinweise vielleicht doch noch zu lösen. Über tausend Seiten umfasste Lolitas Akte damals. Bereits 1982 hatte die Polizei den Liebhaber der verschwundenen jungen Frau und dessen Vater befragt, Zeugen aus dem Umfeld vernommen. Nichts.

Der Ermittler war sich sicher: Es gibt einen Mitwisser

Fünf Jahre lang war der Fall Lolita Brieger dann in der Vermisstenkartei der Trierer Polizei verschimmelt. Erst 1987 wurde endlich eine Sonderkommission zusammengestellt, die der Frage nachgehen sollte, ob Lolita etwa Opfer eines Tötungsdelikts geworden sein könnte. Der ehemalige Liebhaber der Vermissten, Josef K., und dessen Vater wurden wiederum vernommen. Es gab Widersprüche in den Aussagen. Doch zur Anklage gegen einen der beiden reichte es nicht. Noch im selben Jahr wurde das Verfahren eingestellt.

Jetzt sollte also Schu ein drittes Mal die Akte prüfen. Auf neue Untersuchungsmöglichkeiten, neue Ermittlungsansätze. Schu befragte Zeugen, forschte, ließ DNA-Tests machen, die es in den Achtzigern ja noch nicht gegeben hatte. Trotzdem: Eindeutige Hinweise auf einen Täter tauchten nicht auf, ebenso wenig wie Lolitas Leiche. Was blieb, war die Akte, die für Schu ein Buch voller Hinweise war. Ein Verdacht keimte schnell in ihm, irgendwann war er für den Kriminalbeamten Schu zur persönlichen Gewissheit geworden. Lolita Brieger, da war Schu sicher, war einem Verbrechen zum Opfer gefallen. Und noch etwas: Schu glaubte zu wissen, wer der Täter war. Mehr noch: Er war sich sicher, es gab einen Mitwisser. Es gibt ihn noch.

Allerdings wusste der Kripobeamte auch, dass es nicht leicht sein würde, diesen Menschen zum Reden zu bringen. Es war viel Zeit vergangen. Wer so lange schweigt, würde es weiter tun. Aktenzeichen XY … ungelöst ist Schus letzter Versuch. Ein letztes Rütteln am Gewissen eines kleinen Dorfes in der Eifel. Jenes Dorfes, in dem Lolita Brieger lebte und in dem auch jeder jeden kennt. Vielleicht würde es gegen alle Wahrscheinlichkeit doch neue Hinweise geben, vielleicht würde der Verdächtige einen Fehler machen. Die polizeiliche Telefonüberwachung des Josef K. lief bereits seit Tagen. Später würde vor Gericht zu hören sein, dass Josef K. Lolita am Telefon »Fraumensch« nennt, dass er im Gespräch mit seinen Nachbarn von »es« und »dat« spricht und damit sie meint. Kein einziges Mal nennt er ihren Namen.

Der Moderator von Aktenzeichen XY … ungelöst nickt Wolfgang Schu zu. Das ist sein Zeichen. Jetzt kommt es darauf an. Die Sendung wird live ausgestrahlt, er hat nur einen Versuch.

Nah, immer näher zoomt die Kamera auf das Gesicht des Kriminalhauptkommissars. Jede Falte des 56-Jährigen wird sichtbar. Schu blickt ernst. Durch seine Brille fixiert er die Zuschauer. Kein Zwinkern, kein Zucken. Als würde er jedem einzelnen gegenüberstehen. Auf einmal atmet er tief durch. Dann spricht er ihn an, ohne seinen Namen zu nennen. Ihn, den er für den Täter hält: »Wenn Sie zuschauen, bedenken Sie doch bitte die unerträgliche Situation für die Angehörigen. Insbesondere für die fast 80-jährige Mutter, die nach 29 Jahren endlich wissen will, was ihrer Tochter zugestoßen ist.«

In Frauenkron, einem kleinen Dorf in der Eifel, sitzt die alte Frau in ihrem Ohrensessel und lauscht den Worten des Kommissars, der aus dem Fernseher spricht. Sie kennt den Beamten, erinnert sich noch daran, als er das erste Mal an ihrem Küchentisch gesessen hat. Ein Polizist mit einer angenehmen Stimme und schönem schwarzen Haar. Inzwischen sind die Haare des Kommissars grau, und seine Worte jagen ihr Schauer über den Rücken.

Ganz still ist es in der kleinen Stube des alten Bauernhauses. Auf der Couch sitzt Lolitas Schwester Petra, daneben ihr Bruder Markus. Fast scheint es, so erzählt es Petra später, als hielten sie alle miteinander den Atem an. Lolita. »Vatern« hat sie so getauft, weil er die gleichnamige Schlagersängerin so mochte. Es ist ihre Lolita, von der sie dort reden. Es ist ihr Kind, auf das die alte Frau so sehr wartet. Seit jenem Tag.

Der 4. November 1982 ist grau und neblig. Lolita Brieger arbeitet bis mittags in der Näherei Werdel. Zu Fuß geht sie nach Hause. Dort will sie nur kurz bleiben, eine Arbeitskollegin wird sie danach mit nach Scheid nehmen, zu ihrem Josef, dem Vater ihres ungeborenen Kindes. Es sind nur ein paar Schritte bis zu ihrer Zweizimmerwohnung in der Kletterbachstraße. Seit dem Sommer wohnt sie hier. Bei den Eltern hat sie es nicht mehr ausgehalten. Dauernd gab es Streit mit dem Vater. Heinz Brieger hatte eine Menge gegen die Beziehung zwischen Lolita und ihrem Josef einzuwenden, überhaupt hatte er oft etwas gegen die Liebschaften seiner Töchter. Der ist nichts für dich, hieß es immer. Ende der Diskussion. Immer wenn ihr Vater von Montage nach Hause kam, gab es Krach. Meistens, so erzählen es Familienangehörige, hatte er da schon ein paar Bier im Bauch. Manchmal musste Lolita fühlen, weil sie nicht hören wollte, weil sie zum Beispiel ihren Josef, den sie »Jüppchen« nannte, nicht aufgeben wollte. Das letzte Mal schlug der Vater sie so hart, dass Lolita ihre Sachen gepackt hat und gegangen ist.

Wenn er Lolita heiratete, würde Josef den Hof verlieren

Kurz vor ein Uhr mittags, so rekonstruierten es die Strafverfolger, verlässt Lolita ihre Wohnung. Steigt ins Auto der Arbeitskollegin ein. Es ist nicht besonders kalt draußen, recht mild für November. Lolita trägt nur einen grünen Armeeparka mit Kapuze, einen dünnen Pullover mit V-Ausschnitt, ein kariertes Hemd und die Schwangerschaftshose mit dem rot-weißen Pepitamuster, die sie sich selbst genäht hat.

Es war nie leicht gewesen, seit Lolita ihr Jüppchen im Winter des Jahres zuvor kennengelernt hatte. Sie war gerade siebzehn, er drei Jahre älter. Ihr erster richtiger Freund. Eine Beziehung, die nicht nur Lolitas, sondern vor allem Josefs Vater nicht akzeptierte. »Die Brieger kommt mir nicht auf den Hof, die hat nichts an den Füßen«, soll er gesagt haben. Denn der Sohn Josef sollte den Hof übernehmen. Das war sein vom Vater beschlossenes Schicksal. Seine Bürde. Der ältere Bruder hatte sich früh davongemacht, das andere Geschwisterkind war ein Mädchen und kam schon deshalb nicht infrage. Bleibt nur er: Josef fügt sich. Hält still. Hält durch. Aus Angst vor dem übermächtigen Vater. Eine Angst, die ihn sein Leben lang begleiten wird. Eine Angst, die, so schildert es eine Lebensgefährtin später dem Gericht, so groß gewesen sein muss, dass er sich im Alter von vierzig Jahren noch nicht getraut hat, in Gegenwart seines Vaters zu rauchen. Dabei war Josef K. senior selber Raucher.

Wenn er Lolita heiratete, würde Josef den Hof verlieren. Das Wohlwollen seines Vaters. Und, so sieht es die Staatsanwaltschaft, noch etwas anderes: seinen Status im Dorf. Briegers galten als ärmlich, Zugezogene mit sechs Kindern. Die Asozialen, heißt es. Zuerst hat Josef trotzdem zu Lolita gestanden. Am Küchentisch der Briegers hat er gesessen und mit der Faust auf den Tisch gehauen: »Ich heirate die Lolita, da kann mein Alter sich auf den Kopf stellen.« Und Lolita hatte ihm geglaubt, sie wollte ihm glauben. Sie war siebzehn und verliebt. Heimlich trafen sie sich. Im Wald gleich hinter seinem Hof, wo sie immer mit ihrem Pony ausritt. Zwei junge Leute, die ihre Liebe nicht öffentlich zeigen konnten. Im ganzen Dorf war das Paar schon Gesprächsthema. Das kann nicht gut gehen, sagten die Frauen am Gartenzaun.

Die Kollegin fährt Lolita bis nach Hallschlag. Dorthin, wo die Straße nach Scheid hinaufführt. Lolita will den Rest des Weges zu Fuß gehen. Es ist nicht weit bis zu Jüppchens Hof.

Lolita stapft den Weg hinauf. Mühsam muss es gewesen sein, denn es geht steil bergan. Es gibt nicht viele Häuser hier in Scheid, die sie nicht kennt. Kaum hundert Einwohner zählt das Dorf. Josefs Hof liegt etwas abseits. Genau in der Mitte zwischen Scheid und Frauenkron, dem Ort, in dem Lolitas Familie wohnt.

Im Sommer hatte Josef das erste Mal mit Lolita Schluss machen wollen. Der Druck seines Alten sei zu groß, er könne nicht mehr. Am selben Abend hat Lolita ihren ersten Selbstmordversuch unternommen. Mit Herztabletten vom Vater. Da war sie ein halbes Jahr mit Josef zusammen und bereits schwanger.

Als Lolita kurz nach ihrem Selbstmordversuch von zu Hause auszog, fuhr Josef heimlich jeden Abend zu ihr in die kleine Wohnung und blieb bis spät in die Nacht. Auch die Schwangerschaft hielt er geheim. Doch auf Dörfern bleibt nichts verborgen. Irgendwann erfuhr sein Vater davon. Und Josef saß in der Falle. Wieder entschied er sich gegen ein Leben mit Lolita. Am Abend bevor Lolita verschwand, beendete er die Beziehung. Endgültig.

Doch Lolita will noch einmal mit Josef reden. Über die Liebe, das Kind, die Zukunft. An dem Feldweg, kurz vor Jüppchens Hof, bleibt Lolita stehen. Ihre Schwägerin fährt mit dem Auto vorbei. Lolita hebt die Hand, grüßt. Es ist kurz nach 14 Uhr. Die Schwägerin ist die Letzte, die das Mädchen lebend sieht. Es ist Donnerstag. So steht es in den Akten.

Am Samstag ruft Lolitas Vermieterin bei Hildegard Brieger an. Lolita ist seit zwei Tagen nicht nach Hause gekommen. Mutter Brieger schickt die Schwester in die Wohnung. Die findet einen Abschiedsbrief. Es fehlt eine Anrede, die braucht es auch nicht. Der Brief ist für Josef. Lolita schreibt: »Was Du gesagt hast, hat mir ganz schön weh getan« … »Ich bin Dir im Weg und dabei ist es besser, wenn ich gehe« … »Du willst ja einen neuen Anfang ohne mich und Dein Kind«. Und dann: »Ich liebe Dich! Es grüßt Dich Dein letztes Stück Dreck«.

Die Vernehmung des Zeugen Michael S.

Am Dienstag, den 9. November 1982 um 23.15 Uhr, meldet Hildegard Brieger ihre Tochter bei der Polizei als vermisst. Der Beamte, der die Vermisstenmeldung entgegennimmt, notiert: Frau Brieger meinte, dass Selbstmordabsichten nicht auszuschließen sind. Lolita Brieger ist 1,60 Meter groß, schlank, hat blondes, schulterlanges Haar.

Am nächsten Morgen beginnt die Suchaktion. Am Nachmittag meldet ein Busfahrer telefonisch, Lolita am 8. November, also vier Tage nach ihrem Verschwinden, nicht weit von Josefs Hof gesehen zu haben. Daraufhin erfolgt eine verhängnisvolle Weichenstellung: Die polizeiliche Suchaktion wird aufgrund der Aussage abgebrochen. Erst Jahre später wird klar: Der Busfahrer hat sich im Datum geirrt. Auch er sah Lolita am 4. November. An dem Tag, an dem sie verschwand.

Hildegard Brieger wartet – bis zu dem Abend von Aktenzeichen XY … ungelöst . »Vielleicht kriegen sie ihn ja jetzt dran«, sagt Petra danach. Hildegard Brieger schweigt. Sie weiß, wen ihre Tochter meint. Hildegard Brieger hatte Josef gleich verdächtigt, etwas mit Lolitas Verschwinden zu tun zu haben. In ihrem Notizbuch schreibt sie am 30. August 1983: »Habe mit Jup gesprochen in der Werkstadt um 9.30 Uhr«. Da sei sie auf Josef K. zugegangen, erzählt sie, und habe ihn gefragt, wo ihr Mädchen sei. »Woher soll ich das wissen«, war seine kühle Antwort. Es war das erste und letzte Mal seit Lolitas Verschwinden, dass sie mit Josef K. gesprochen hat. Die Jahre vergingen. Ihr Verdacht blieb. »Hoffentlich kriegen sie ihn dran.«

Es ist kurz nach zehn Uhr, als Hildegard Brieger sich mühsam aus dem Sessel erhebt. Das Alter hat angefangen, sich ihrer mehr und mehr zu bemächtigen. Letztes Jahr hat sie eine neue Hüfte bekommen, der Ischias tut weh, sie hat Wasser in den Beinen, Übergewicht. Das Leben ist anstrengend geworden. Aber noch muss die 79-Jährige durchhalten, das hat sie sich vorgenommen. »Bevor ich gehe, will ich wissen, wo unser Mädchen ist.«

Hildegard Brieger hat fünf Kinder, zehn Enkelkinder, drei Urenkel. Zwei Nachkommen fehlen. Lolita wäre heute 47 Jahre alt, ihr Kind 28. Hildegard Brieger weiß zu diesem Zeitpunkt, dass ihre Tochter wahrscheinlich nicht mehr lebt. Doch auch wenn der Verstand etwas anderes sagt, das Herz der Mutter hofft. Immer. Jedes Mal wenn das Telefon klingelt, jedes Mal wenn die Haustür sich öffnet, dann hofft sie, dass es Lolita sei. Jeden Abend hat sie Gott angefleht, er solle ihr die Tochter wiederbringen. Als Gott nicht half, fuhr sie zu einem Wahrsager nach Belgien. Lolita gehe es gut, sagte der, Weihnachten sei sie wieder zu Hause. Das war 1983. Weihnachten kam, Jahr für Jahr, Lolita nicht. Aber die Hoffnung blieb. In ihrem Kleiderschrank ganz hinten neben ihren Kittelschürzen hängt noch Lolitas guter Hosenanzug. Hildegard Brieger hat ihn aufbewahrt. Sie braucht Gewissheit.

Die alte Frau schaltet den Fernseher aus. Schlurfend geht sie aus dem Wohnzimmer über den Flur in die Küche. Es ist ihr allabendliches Ritual seit 29 Jahren. Sie geht zu dem kleinen Fenster neben der Eckbank. Auf der Fensterbank brennt eine Kerze. Seit Lolitas Verschwinden zündet sie jeden Morgen die Kerze an. Damit ihr Kind sehen kann, dass die Mutter da ist, wenn sie nach Hause kommt. Noch einmal, so wird sie es später erzählen, blickt Hildegard Brieger durch das Fenster auf die Hauptstraße, dahinter die Wiesen und Felder. Alles ist still. Brieger pustet die Kerze aus. Lolita wird auch heute nicht kommen.

Zur selben Zeit, als Hildegard Brieger zu Bett geht, trifft ein paar Orte weiter eine Frau eine Entscheidung, die alles verändern wird. Nachdem sie gemeinsam mit ihrer Mutter die Sendung Aktenzeichen XY … ungelöst gesehen hat, ruft sie bei der Kriminaldirektion Trier an. Ihren Namen will sie nicht nennen, aber sie gibt einen Hinweis. Ihre Mutter habe ihr soeben eine Geschichte erzählt, die schon seit Jahren in den Dörfern kursiert. Damals, als Lolita verschwand, habe die Mutter eines gewissen Michael S., der wiederum der beste Freund von Lolitas Liebhaber Josef K. war, erzählt, dass sie ihren spät heimkehrenden Sohn gefragt habe, wo er denn so lange gewesen sei. Der Michael habe seiner Mutter daraufhin geantwortet, dass er dies keinem erzählen dürfe.

Das ist alles. Und doch das entscheidende bisschen, das Kriminalhauptkommissar Schu brauchte. Schu wusste, dass Michael S. die schwangere Lolita Brieger einmal zum Frauenarzt gefahren hatte, als Josef verhindert war. Josef hatte seinen besten Freund Michael um diesen Gefallen gebeten. Wer jemandem so vertraut, so die Schlussfolgerung des Kommissars, vertraut ihm vielleicht noch mehr an.

Am 8. September 2011 um 9.55 Uhr beginnt Schu mit der Vernehmung des Zeugen Michael S. Der war aufs Polizeipräsidium Trier geladen worden und tatsächlich erschienen. Schu fragt ihn über das Verschwinden Lolita Briegers aus und nach seiner Beziehung zu Josef. Michael S. antwortet knapp, seine Stimme ist leise, aber fest. Er ist nicht nervös, sitzt entspannt. Schu sieht die Szene noch genau vor sich. Über das Verschwinden wisse er nichts, sagt S., zu Josef hatte er vor einem Jahr das letzte Mal Kontakt, als sie Silage gemacht haben, auf dem Hof von S.’ Schwester.

"Ich habe ihm geholfen, das Mädchen wegzutun"

Schu fragt weiter. Ob er von Lolitas Abschiedsbrief wisse, wie Josef sich nach dem Verschwinden der jungen Frau verhalten habe. Die Antwort lautet stets gleich: »Da kann ich nix sagen.«

Um 11.00 Uhr unterbricht Schu die Vernehmung für ein persönliches Gespräch. So kommt er nicht weiter. Michael S. ist zäh. Schu muss es drauf ankommen lassen. Alles oder nichts. Er setzt S. auseinander, dass eine mögliche Verschleierung der Straftat verjährt ist. Dann sagt er: »Es gibt Hinweise, dass Sie mehr von dem Verschwinden Lolita Briegers wissen, als sie bisher gesagt haben«.

»Sie glauben also, dass ich dazu beitragen kann, die Tat aufzuklären?«

»Ja. Nur Sie können helfen. Es gibt keinen anderen.« Schu schweigt kurz, dann sagt er: »Bedenken Sie doch auch mal die Situation der Familie Brieger. Sie haben doch auch eine Tochter. Wie alt ist die?«

Eine taktische Frage. Schu kennt die Antwort.

»18 Jahre.«

»So alt wie Lolita damals. Jetzt stellen Sie sich einmal vor, Ihre Tochter verschwindet, und es gibt einen, der was weiß und nichts sagt.«

Vielleicht war es die Tatsache, dass Michael S. zum ersten Mal wirklich spürte, was es bedeuten kann, über Jahre auf sein Kind zu warten und nicht zu wissen, ob es lebt. Vielleicht war es das schlechte Gewissen, all die Jahre geschwiegen zu haben. Vielleicht auch nur die Straffreiheit. Wahrscheinlich war es alles zusammen. Um 11.15 Uhr, so steht es im Protokoll, gibt Michael S. eine Erklärung ab:

»Josef – der kam eines Tages morgens zu mir und sagte, er hätte die Lolita Brieger umgebracht. Wie, weiß ich nicht, keine Ahnung. Und dann hab ich – ich weiß nicht, wie es mir damals gegangen ist – hab ich ihm auf jeden Fall geholfen, das Mädchen, ja, so wegzutun. Das Mädchen liegt auf der Frauenkroner Müllkippe.«

»Wo lag der Leichnam vorher?«

»In Richtung Losheim steht ein landwirtschaftlicher Holzschuppen damals, und da war die drin gewesen.«

»Zu welcher Tageszeit haben Sie den Leichnam nach Frauenkron verbracht?«

»Abends im Dunkeln war es, nach acht, neun Uhr, keine Ahnung.«

»Wie war der Zustand des Leichnams?«

»Der war in eine Plastiktüte eingewickelt. Weiter weiß ich auch nix«.

»Soll das heißen, dass Sie den Körper außerhalb der Tüte nicht gesehen haben?«

»Nein, den Körper hab ich nicht gesehen«.

»Hat Ihnen Josef K. Junior gesagt, wie der Tod verursacht wurde?«

»Ja, er hat so gesagt, er hätt sie erdrosselt. Genau weiß ich es nicht.«

»Existiert diese Müllkippe noch?«

»Die Müllkippe existiert zwar noch, aber nicht mehr im Sinne einer Müllkippe.«

»Könnten Sie uns die Stelle möglicherweise noch zeigen, wo Sie den Leichnam abgelagert haben?«

»In etwa ja.«

Vor Gericht wird Michael S. später sagen, dass er sich nicht sicher sei, ob Josef K. ihm gestanden habe, Lolita erwürgt oder erdrosselt zu haben. Er wird sagen, dass er Josef K. nie gefragt habe, was genau gewesen sei. Er wird sagen, dass Josef K. und er nie wieder über »diese Sache« gesprochen hätten, so wie er selbst mit niemandem über diesen Abend im November 1982 gesprochen habe.

Wegen dringenden Mordverdachts verhaftet

Einen Tag nach der Vernehmung seines Freundes Michael, es ist der 9. September 2011, wird Josef K. wegen dringenden Mordverdachts an Lolita Brieger verhaftet, vier Wochen später beginnen die Grabungen auf der ehemaligen Müllkippe in Frauenkron.

Es ist der 11. Tag der Grabung. Schu erzählt, er habe genau gewusst, heute ist der letzte Tag. In ein, höchstens zwei Stunden werden sie alles umgewühlt haben. 600 Quadratmeter, bis zu sechs Meter tief. Tierkadaver haben sie gefunden, Autoreifen. Aber keine Leiche. Jeden Tag war Schu vor Ort, jeden Tag hat er gehofft. Jetzt kommen ihm selber Zweifel. Als der Staatsanwalt anruft, gibt sich Schu dennoch optimistisch. »Wir finden sie!«, prophezeit er. »Deinen Glauben möchte ich haben«, antwortet der Staatsanwalt. Sie reden noch, als ein Mann von der Kreisverwaltung auf den Kommissar zurennt. »Herr Schu, kommen Sie schnell.« – »Du, bleib mal dran«, spricht Schu ins Telefon. »Ich glaube, wir haben sie.«

Schu braucht nur einen Blick, um zu wissen, dass sie aufhören können zu suchen. In einem hellgrünen Plastiksack, die offene Seite mit Eisendraht verschnürt, liegt sie. Liegt es. Das Skelett der Lolita Brieger. Es ist die selbst genähte Schwangerschaftshose mit dem rot-weißen Pepitamuster, die er erkennt, noch halb um den Beinknochen herum. Auch, wenn nur noch Gebeine übrig sind, fast alles ist an seinem Platz: Lolitas Socken sind ordentlich angezogen, ihre skelettierten Füße stecken in den Schuhen, die Schleife ist gebunden. Nur den Pullover, an dem kleine Drahtstücke haften, hat ihr jemand über den Schädel gezogen. Josef K., so wird es die Staatsanwaltschaft später rekonstruieren, habe den Anblick Lolitas, nachdem er sie in dem Schuppen vermutlich mit einem Eisendraht erdrosselt hat, nicht ertragen können, deshalb der hochgezogene Pullover.

In Schus Kopf dürfte gleich der übliche Maßnahmenkatalog abgelaufen sein: Gerichtsmedizin, Kriminaltechnik und so fort. Doch vorher muss er noch etwas erledigen. Etwas, das wichtiger ist als alles andere. Schu greift zum Telefon. Es ist Petra Brieger, Lolitas Schwester, die den Anruf entgegennimmt.

»Ja, hier Schu.« Er stockt.

»Herr Schu, sind Sie noch dran?«

»Ja, ich bin noch dran. Wir haben sie gefunden.«

Schu erzählt. Dass sie in Lolitas Parka Reste einer Geldbörse gefunden haben, ein Ticket von der Bundesbahn, gültig bis Februar 1983, einen Labellostift. Doch Petra Brieger hört nicht mehr zu. Sie weint leise am Telefon. Irgendwann legt sie auf. Mutter Brieger sitzt im Wohnzimmer, schaut fern und sieht doch nicht hin. Sie weiß es, bevor die Tochter etwas sagt: »Haben sie sie endlich gefunden.«

Lolita lag nie weit entfernt. Hildegard Brieger hätte nur vor die Tür gehen müssen, am Haus des Pastors vorbei, dann rechts den Weg hoch. 647 Schritte sind es bis zur alten Kippe. Bis zu dem kleinen Wäldchen, das darauf wuchs und auf das sie so oft geschaut hat, wenn sie im Sommer auf der Bank vor dem Haus saß. Bis zu dem Ort, an dem ihr Kind 29 Jahre lang lag. Es grüßt Dich Dein letztes Stück Dreck. »Auf einer Müllkippe«, sagt Hildegard Brieger leise.

29 Jahre lang hat Hildegard Brieger auf ihre Tochter gewartet. Genauso lange hat Josef K. mit dem Geheimnis gelebt, sie getötet zu haben. Jeden Morgen, wenn er aus seinem Schlafzimmerfenster blickte, sah er die Deponie, auf der er Lolita entsorgt hatte. Jeden Tag fuhr er am Haus ihrer Mutter vorbei. Manchmal saß die auf der Bank ihrer kleinen Veranda, ebenfalls mit Blick auf die aufgelassene Deponie. Täter und Opfer, ganz eng.

Wie hält ein Mensch das aus? Jeden Tag im Angesicht der eigenen Tat. Beinahe Tür an Tür mit der Mutter, deren Tochter er getötet hat. Der wegen Mordes angeklagte Landwirt Josef K. gibt keine Antworten. Er tut vor Gericht das, was er am besten kann und was er drei Jahrzehnte lang getan hat. Er schweigt. Er macht keine Angaben zu den Vorwürfen gegen ihn, nicht einmal Angaben zu seinem Lebenslauf. Josef K., graue Haare, Schnauzer, von normaler Statur, sitzt nur da, mit hochrotem Kopf, immer im selben schwarzen Anzug. Auch seine Haltung ist den gesamten Prozess über immer dieselbe, als wäre er tiefgefroren: Die Schultern sind nach vorn gebeugt. Seinen Blick hat er nach unten gerichtet auf seine von der Landwirtschaft schwieligen Hände, die er zu Fäusten geformt hat, die Daumen liegen oben auf. Fast scheint es, als halte er sich an etwas fest. Nur selten schaut er hoch. Ein paar Sekunden lang blickt er der Wirklichkeit ins Gesicht, dann hält er es nicht mehr aus, senkt den Kopf tief auf seine Brust, zieht sich zurück. Erstarrt wieder.

Jede Regung hat er vergraben, so tief wie die Leiche

Es ist Tag zwei der Hauptverhandlung. Im Zeugenstand sitzt Hildegard Brieger. In ihrem besten Kleid, die Dauerwelle der weiß-grauen Haare ist frisch. Sie hat lange darauf gewartet, den Mann, der ihre Tochter tötete, auf der Anklagebank zu sehen. Jetzt sitzt sie ein paar Meter von ihm entfernt. Sie werde ihm ins Gesicht spucken, hat sie vor der Verhandlung angekündigt, jetzt wagt sie es nicht einmal, ihn anzusehen. Frau Brieger ist nervös, unsicher. Ihren Stock hält sie so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortreten. Hildegard Brieger erzählt, wie sie und ihre Familie Ende der sechziger Jahre nach Frauenkron kamen. Und wie sie doch immer die Flüchtlingsfamilie aus Schlesien geblieben sind. Die Vorsitzende fragt nach den Familienverhältnissen, nach ihrem Ehemann, der die Kinder prügelte, nach Lolitas Selbstmordversuch. Nein, nein, das sei so alles nicht gewesen. Der Vater habe nie zugeschlagen, höchstens mal einen Klaps. Und der Selbstmordversuch ihrer Tochter? »War doch nicht ernst gemeint.« Man merkt, es ist ihr unangenehm. Auch ihr tut die Wahrheit weh. »Ich kann gleich nicht mehr«, flüstert die alte Frau ins Mikrofon. Da ist erst eine Viertelstunde vergangen. Nach einer knappen Stunde wird sie entlassen. Nicht ein einziges Mal hat Josef K. aufgeschaut. Jede Regung, so scheint es, hat er vergraben. So tief wie Lolita. »Gefühle abspalten« nennt der psychologische Gutachter das später vor Gericht. Mit jedem Jahr, das verging, muss K. sein Verbrechen unwirklicher vorgekommen sein, immer weiter weg, obwohl Lolita doch so nah war.

So kamen und gingen die Jahre, wie die Frauen in Josefs Leben. Zweimal war der 51-jährige Landwirt verheiratet, mindestens zwei weitere feste Beziehungen hat er gehabt. Nie war er allein. Bevor eine Beziehung endete, hatte er schon die nächste angefangen. Als hielte er es nicht aus, mit sich und seinen Erinnerungen. Und doch war er im Grunde immer allein. Denn auch Nähe ertrug er nicht. Immer wenn eine wirkliche Bindung zu entstehen drohte, zog Josef K. sich zurück, wurde kalt, emotionslos. Die Frauen, die vor Gericht aussagen, erzählen alle dieselbe Geschichte. Von einem Mann, der auf einmal, praktisch von einem Tag auf den anderen, abweisend wurde. Der außer sich geriet, wenn etwas nicht so lief, wie er sich das gedacht hatte. Einem Mann, der es nicht ertragen konnte, wenn Essenszeiten nicht akribisch eingehalten wurden. Einem Mann, der nachts um drei Uhr aufstand und zum Melken ging, weil irgendeine innere Unruhe ihn umtrieb und nicht schlafen ließ. Einem Mann, der seine Lebensgefährtinnen zur Arbeit antrieb, wie der Herr seine Mägde. Eine Nachbarin sagt über K., er habe die Frauen wie Kaugummi behandelt. Auf ihnen herumgekaut, bis sie keinen Geschmack mehr hatten. Dann hat er sie ausgespuckt.

Im Prozess wird klar: Josef hat keine Liebe und kein Glück gefunden. Er lebte in einer Zeitschleife und fing immer wieder von vorn an. Einen wirklichen Freund hat er nicht mehr gefunden, jede Bindung wurde zur Beziehungshölle. Er versuchte, seiner Schuld zu entkommen, und wurde auf diese Weise ihr Gefangener.

Eine von »Josefs Prinzessinnen«, wie sein Verteidiger sie nennt, ist Britta B. Auch sie hatte an jenem Abend im August die Sendung Aktenzeichen XY … ungelöst gesehen. Ein Zufall. Ihr neuer Lebensgefährte war Zigaretten holen, Britta B. saß auf ihrer Ledercouch in ihrer karg eingerichteten Wohnung, weit weg von Scheid, und zappte sich durch die Programme, als auf einmal die Geschichte von Lolita in die Wohnstube drängte. Da kamen sie wieder, die Erinnerungen. Daran, wie sie in den neunziger Jahren zwei Jahre lang mit Josef auf seinem Hof lebte, daran, wie sie irgendwann zwischen den Tischdecken eine Klarsichtmappe mit alten Zeitungsartikeln über das Verschwinden der Lolita Brieger gefunden hat. Heimlich, während Josef seinen Mittagsschlaf hielt, hat sie die Artikel gelesen. Britta B. kam von außerhalb. Sie wusste nicht, dass Josef verdächtigt worden war, wusste nicht, dass das ganze Dorf munkelte, er habe was mit dem Verschwinden der kleinen Brieger zu tun. Ihr sagte doch keiner was.

Mord ist nicht nachzuweisen, Totschlag verjährt

Irgendwann hat sie Josef dann darauf angesprochen. »Er sagte bloß, dass das eine Exfreundin von ihm wäre. Sie hätte damals 20.000 Mark Abfindung für die Abtreibung in Holland bekommen. Da sei sie auf die schiefe Bahn geraten, habe Drogen genommen und arbeite jetzt als Prostituierte in Holland.« Britta B. schüttelt den Kopf. Heute erscheint ihr die Geschichte abwegig. Damals hatte sie Josef geglaubt oder glauben wollen, wie so viele. Denn die Hollandgeschichte ist bloß eine von vielen Legenden, die Josef K. im Laufe der Jahre erfunden hat.

Legenden wie die, dass Lolita noch mehrfach in Kall gesehen worden sei, wo sie ein Haus verlassen habe. Der Kurt habe »es«, »das Fraumensch«, auch gesehen, ein halbes Jahr nach ihrem Verschwinden auf Langen am Zebrastreifen. Und auch der Kramers Fip aus Berk und der Albert hätten »dat« abends nach den Suchmaßnahmen der Polente noch in einer Telefonzelle in Hallschlag gesehen. Die angeblichen Zeugen, von denen Josef K. spricht, sind alle tot. Die Legenden schützten ihn, halfen ihm dabei, seine eigene Scheinwelt zu konstruieren. 29 Jahre lang. »Wenn du Dreck am Stecken hast, musst du stillhalten und so lange warten, bis er von alleine abfällt«, soll er zu einem Freund gesagt haben. Und Josef K. hielt still.

Die Jahre vergingen. Und beinahe sah es so aus, als würde der Dreck von ihm abfallen. Josef K. muss sich zuletzt sicher gefühlt haben. So sicher, dass er sich einen letzten miesen Triumph über die Gerechtigkeit gönnte. Vor zwei Jahren begann K. eine Affäre. Nicht mit irgendwem – nein. Josef, Lolitas Jüppchen, ging mit einer Verwandten von Lolita ins Bett. Wieder eine aus der Familie Brieger. Und wieder kam es zu einer Schwangerschaft. Doch als es fast so schien, als würde sich die Geschichte wiederholen, ließ die Frau abtreiben. Und Josef trennte sich von ihr. Das alles, so ergibt es sich aus dem Verfahren, passierte nur ein paar Monate vor Ausstrahlung der Aktenzeichen XY … ungelöst -Sendung. Also kurz bevor K. wegen seiner Tat verhaftet wurde. Beinahe so, als hätte er den Bogen jetzt überspannt.

Neun Monate lang sitzt Josef K. in Untersuchungshaft, 14 Wochen dauert die Verhandlung, 26 Zeugen werden gehört. Was am Ende bleibt, ist die Gewissheit, dass Josef K. Lolita getötet hat. Auch wenn er kein Geständnis ablegt. Aber klar wird auch, dass ihm ein Mord nicht nachzuweisen ist, weil man nicht mit Sicherheit weiß, ob Josef K.s Tat das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllte, als er Lolita Brieger das Leben nahm. Vielleicht geschah ja alles im Affekt, ein unkontrollierter Zornausbruch, bei dem Lolita durch einen unglücklichen Zufall zu Tode kam. Kein Richter kann es widerlegen. Und niemand kann mit Sicherheit sagen, ob die kleinen Drahtstücke an Lolitas Pullover früher wirklich eine Eisenschlinge bildeten. Es sind nur Knochen von Lolita übrig. Die Todesursache lässt sich nicht mehr feststellen.

Es ist wohl die Zeit, die Josef K. vor einer langen Gefängnisstrafe bewahrt hat. Mord ist ihm nicht nachzuweisen, Totschlag verjährt nach zwanzig Jahren. Für die weltliche Gerechtigkeit ist der Fall abgeschlossen. Die Strafjustiz hat K. gestellt und seine Tat öffentlich gemacht, aber sie wurde seiner zuletzt doch nicht habhaft. Sie hat Recht gesprochen, muss die Gerechtigkeit aber anderen, höheren Mächten überlassen.

Aber vielleicht half dem Josef auch das Schweigen derer, die doch mehr wussten. Nur selten bekommt man als Reporter Einlass, wenn man durch die zwei Dörfer geht. Die Türen der 299 Einwohner von Scheid und Frauenkron bleiben verschlossen, die Münder auch. »Gott weiß alles, die Nachbarn wissen mehr« steht auf einem kleinen Holzschild im Flur der Hildegard Brieger.

Am 11. Juni 2012 wird Josef K. freigesprochen und ist weg. Irgendwann, sagt sein Verteidiger, will er wieder nach Scheid zurückkehren. Auch wenn er dann im Dorf ein Aussätziger sein wird, Hildegard und Josef werden wieder Nachbarn sein. Wie einst. Vielleicht wird er wieder mit dem Trecker an ihrem Haus vorbeiknattern. Vielleicht wird Hildegard Brieger auf ihrer Veranda sitzen und auf das Wäldchen starren, wo einst die alte Deponie war. Doch nicht alles wird so sein, wie es früher war. »Ich weiß jetzt, wo mein Mädchen ist«, sagt Hildegard Brieger. Im Grab beim Vater. Vergangenen November, auf den Tag genau 29 Jahre nach ihrem Verschwinden, haben sie Lolita beerdigt. Ein schlichtes Holzkreuz: Hier ruht in Frieden Lolita Brieger. Lolita ist heimgekehrt. Doch die Kerze im Küchenfenster brennt immer noch.