Aus Perm am Ural wollten die jungen Leute immer fort. Vor hundert Jahren nahm es Tschechow zum Vorbild der langweiligen Garnisonsstadt im Osten, in der sich die drei Schwestern seines Dramas verzweifelt nach Moskau sehnen. Als die Permer nach dem Ende der Sowjetunion plötzlich gehen konnten, gingen so viele, dass Perm seinen Status als östlichste Millionenstadt Europas verlor. Vor vier Jahren begann die neuerliche Wende. Seither arbeiten ein visionärer Kurator und ein ehrgeiziger Gouverneur daran, Perm zum aufregendsten Ort Russlands zu machen. Sie haben ein Museum für zeitgenössische Kunst eröffnet und wollen die öde Industriestadt in einen Hort der Avantgarde verwandeln – eine Kulturrevolution von oben, die nicht jeden begeistert.

Da ist zum Beispiel Pawel Gudjanow. Er wartet an der Ecke zur Leninstraße. "Die haben sie fast vollständig okkupiert", sagt der junge Mann, hier müsse man auf jedem Meter mit einem Ungetüm rechnen. Er meint nicht die Hochhäuser der achtziger Jahre, nicht das mächtige Hotel Ural an der viel befahrenen Straße, sondern die Skulpturen, mit der die Hauptstädter sein geliebtes Perm verschandelt haben! Das erste Ungetüm sitzt auf dem Flachdach der Kreisphilharmonie, eines quaderförmigen Konzertsaals mit großen Fenstern. Es ist eine mannshohe Figur, eine Art Streichholzmännchen, knallrot lackiert. Das Männchen hat keinen Kopf und reckt den rechten Arm in die Höhe. Es sieht für westliche Verhältnisse eher harmlos aus.

"So etwas kann man doch nicht Kunst nennen! Nun sagen Sie doch selbst!" Gudjanow kontrolliert mit strengem Blick, ob die Scheußlichkeit auf dem Dach bei seinem ausländischen Gast angemessenes Entsetzen auslöst. Ein enthauptetes Männchen, das die Hand wie zur Abstimmung hebt, sei eine Beleidigung der Abgeordneten des Kreisparlamentes, sagt er. Und da stünden noch drei rote Männchen auf der Wiese. Zusammen hätten die hässlichen Objekte des Designers Andrej Ljublinski umgerechnet 10.000 Euro gekostet!

Pawel Gudjanow will die Leninstraße von "Ungetümen" befreien.

Pawel Gudjanow ist 29 Jahre alt, Informatikdozent. Vom Kurzhaarschnitt bis zu den polierten Spitzen seiner Lederschuhe wirkt er sehr akkurat. Die wilden Anschuldigungen und Verschwörungstheorien, die aus ihm herausplatzen, scheinen gar nicht recht dazuzupassen. "Diese Kunst ist unmoralisch und niederträchtig, weil sie sich nicht an traditionellen russischen Werten orientiert", sagt er. Marat Gelman, dieser Museumsdirektor, dieser arrogante Kunstheini aus Moskau, stülpe der Stadt nicht nur seinen Geschmack über: "Er will das Bewusstsein der russischen Gesellschaft zerstören!"

An umstrittenen Kunstwerken mangelt es nicht. Vor dem Sitz des Gouverneurs steht die übergroße Silhouette eines Mannes, wie aus dem Display eines iPhones herausgeschnitten. Und auf dem Rasen vor der Kreisbibliothek liegt ein angebissener Riesenapfel mit Fruchtfleisch aus Klinkersteinen. Für Gudjanow ist das Müll. Wir laufen noch bis zum meterhohen P aus Baumstämmen auf der Kreuzung beim Bahngleis. Gudjanow nennt es den "Hocker", weil der Buchstabe im Kyrillischen wie ein Hocker aussieht: ∏. Eine gigantische Holzverschwendung!

Gudjanow steht mit dieser Meinung nicht allein. Er kämpft in einem politischen Klub namens "Das Wesen der Zeit" für die Wiederauferstehung der Sowjetunion und den Abzug der Kunst aus Perm. "Wir bekämpfen die Kulturpolitik des Gouverneurs, der die Stadt für teures Geld mit geistloser, unrussischer Kunst überschüttet", sagt Gudjanow. Perm, findet er, war besser so, wie es war.

Rote Männchen mit dem Schriftzug "Ruhm der Arbeit"

Die Stadt am Ural war drei Jahrhunderte lang ein ziemlich unspektakulärer Vorposten der Zivilisation. Es gibt Kalisalz und Metalle in der Gegend, Perm wuchs in Quadraten parallel zum Strom der Kama, des größten Nebenflusses der Wolga. Zu Sowjetzeiten verschwand die Stadt von der Landkarte, um die streng geheime Raketenfabrik vor Spionen zu schützen. Heute sitzt der Ölkonzern Lukoil hier, die Region ist Nettozahler in der russischen Föderationskasse, und über die Schlaglöcher huckeln teure Geländewagen.

Stolz war die Stadt immer auf die Ballettschule, das Opernhaus und die staatliche Kunstgalerie, die seit eh und je in einer ehemaligen Kirche untergebracht ist und ihre kleine Sammlung niederländischer Meister und russischer Avantgardisten aus Platzmangel gar nicht zeigen kann. Unter zeitgenössischer Kunst verstand man in Perm die realistischen Landschaftsbilder mit Birken und Zwiebelturmkirchen, die von den Mitgliedern der örtlichen Zweigstelle der russischen Künstlervereinigung gemalt werden. Als Kunst im öffentlichen Raum galten die Denkmäler aus Granit oder Bronze, die entweder Lenin oder Puschkin ehren oder die Kriegshelden im Kampf gegen den deutschen Faschismus.