Groß war die Ernüchterung, als die Söhne von Konrad Adenauer das Gutachten erhielten, um das sie gebeten hatten. Nach dem Tod des ehemaligen Bundeskanzlers sollte der ehemalige Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Kurt Martin, wegen der Berechnung der Erbschaftssteuer den Wert von 39 Altmeister-Gemälden aus dessen Nachlass bestimmen. Viele Bilder waren Geschenke aus der Wirtschaft. Vor Geburtstagen teilte Adenauers Sekretariat den Vorständen größerer Unternehmen wie der Lufthansa auch regelmäßig mit, womit dem Kanzler eine Freude zu machen sei. Das Ergebnis der Schätzung fiel enttäuschend aus: Auf gerade einmal 469600 D-Mark kam Martin – deutlich zu wenig für ein Konvolut, in dem sich angeblich eigenhändige Werke von El Greco , Schongauer und Veronese befinden sollten.

Offenbar aber hatte sich Adenauer von seinem Parteifreund Heinz Kisters zahlreiche Werke als Originale andrehen lassen, deren Zuschreibungen der Überprüfung nicht standhielten: weder die angebliche Stefan-Lochner-Madonna, die in Adenauers Haus in Rhöndorf hing, noch das Männerporträt von El Greco oder das ungelenke Frauenbildnis, das der Autodidakt Kisters erst großzügig Raffael, später einfach dessen Schüler Tamagni zuschrieb.

Kisters, der Kunsthändler des Kanzlers, war empört, als ihm Adenauers Erben Unredlichkeit vorwarfen, nahm auf deren Druck hin aber 19 Bilder zurück und lieferte 13 davon schließlich bei Christie’s in London ein. Die Versteigerung im Juni 1970 wurde ein Desaster: Gerade einmal fünf Bilder konnte der Auktionator zuschlagen. Statt erwarteter sechs Millionen brachte der Verkauf gerade einmal 156000 Mark ein.

Auch der großartige dreiteilige Altar mit Haupttafel und zwei beidseitig bemalten Seitentafeln von Lucas Cranach dem Älteren, den nun Sotheby’s am 4. Juli in London aufrufen wird, hat einst zur Sammlung Adenauer gehört. Anders als bei zahlreichen anderen Werken gab es bei diesem aber nie Zweifel: Seine Entstehung lässt sich bis zur Auftragserteilung durch die Familie von Feilitzsch 1511 für die Kapelle auf dem Rittergut Kürbitz bei Plauen zurückverfolgen. Von dort erwarb es 1947 Heinz Kisters.

Wann der Katholik Adenauer den Altar des Reformationsmalers und Luther-Trauzeugen Cranach übernahm, ist nicht überliefert. Nach Adenauers Tod nahm Kisters das Werk zurück, gab es aber nicht zur Auktion bei Christie’s. Mit anderen Gemälden blieb es im Besitz der Familie Kisters. Schon vor anderthalb Jahren trennte sie sich von einem spektakulären Gemälde. Im Januar 2011 ließen die Kisters-Erben bei Sotheby’s eine Sacra Conversazione von Tizian verkaufen. Auf 20 Millionen geschätzt, ging das Gemälde damals für 16,9 Millionen Dollar an einen Privatsammler – obwohl es von Fachleuten für eine Arbeit gehalten wurde, die maßgeblich von Assistenten des Malers stammt. Für den Cranach-Altar erwartet das Auktionshaus nun bis zu sechs Millionen Pfund.