Wenn es gut läuft, ist es so, als gäbe es ihn gar nicht. Die Opposition benimmt sich staatstragend, aber wird in den Umfragen dafür nicht belohnt. Die Kanzlerin ist trotz aller Rumpeleien in der Koalition die Größte, jedenfalls im Vergleich zu ihren möglichen Herausforderern. Das sind die Zeiten, in denen die Öffentlichkeit nichts hört und sieht vom Kanzleramtsminister. Dann aber passiert es immer wieder, dass schräge Worte aus dem sonst so stillen Mann sprudeln: Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen. Oder: Die Transaktionssteuer kommt eh nicht. Dann fällt der Koalition ein dicker Klotz auf die Füße, losgetreten ausgerechnet von demjenigen, der in der Regierung eigentlich für den reibungslosen Ablauf zuständig ist: der Kanzleramtsminister, auch Chef BK genannt, Ronald Pofalla.

Dann muss Angela Merkel, so wie in dieser Woche, zu den Verhandlungen über den Fiskalpakt nach Brüssel fahren, ohne schon die Zustimmung des Bundestags im Gepäck zu haben und damit als starke Kanzlerin auftreten zu können. Dann kann der Bundestag erst am Freitag um 17 Uhr abstimmen, die Abgeordneten müssen länger in Berlin bleiben, die mächtigste Frau Europas muss vom Gipfel nach Hause hasten und alle sind mal wieder sicher, wem sie das zu verdanken haben: Merkels Problemfreund Pofalla.

Nicht der Bundeskanzler leitet das Kanzleramt, sondern der Kanzleramtsminister, er ist Vorposten, Strippenzieher, Ingenieur der Macht – wenn es gut läuft. Wenn sich die Großprojekte von der Energiewende bis zu Europa häufen und es nicht gut läuft, dann stellt sich die Frage: Was macht er eigentlich, der Kanzleramtsminister? Und wer ist überhaupt dieser Ronald Pofalla?

Wie der Vatikan mit Abtrünnigen gehe der Minister mit Kritikern um, heißt es

Harmlos sieht er aus: mittelblond, mittelgroß, Seitenscheitel, randlose Brille, Anzug und Krawatten in gedeckten Farben. Fleißig, sachkundig, parteiisch, Merkels Diener, 110 Prozent CDU. Das sind Beschreibungen, die man hört, wenn man mit anderen Politikern über Pofalla spricht. Auf den ersten Blick scheint er ein typischer Vertreter der Merkel-CDU zu sein. Interessanter ist, was an Pofalla alles nicht typisch ist: Er ist ein CDU-Karrierist mit einer Sozen-Biografie und ein Jurist ohne Abitur. Er war mal der Frechste der Jungen Wilden, bevor er der Bravste von ihnen wurde. Er ist einer der wenigen, die von Helmut Kohl begnadigt wurden. Er ist zweimal kinderlos geschieden, ein Funktionär mit einem Hang zum Ausrasten. Er ist nicht der beste Kanzleramtsminister. Aber sein Einfluss auf die Kanzlerin ist größer, als die meisten denken.

Wie der Vatikan mit Abtrünnigen, so gehe Pofalla mit Kritikern um, heißt es in der CDU. "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen!", fuhr Pofalla seinen Parteifreund Wolfgang Bosbach an, als der im Oktober vergangenen Jahres nicht für den Rettungsschirm stimmen wollte. Das bürgerliche Publikum war entsetzt, die Insider weniger, sie kannten das von Pofalla schon. Eine Parteifreundin hat ihm nach einem seiner cholerischen Ausfälle mal das Du entzogen.

Oft kamen die Kanzleramtsminister aus dem Beamtenapparat, häufig waren sie Staatssekretäre. Nie zuvor kam einer aus dem lautesten Amt einer Partei, dem des Generalsekretärs, ins leiseste Spitzenamt der Regierung. Als Generalsekretär war Pofalla zur Lachnummer geworden, ein Opfer seines Jobs und der Kabarettisten. Er hat eine Konsequenz daraus gezogen: Als Kanzleramtsminister ist er zum Phantom geworden. Keine Interviews, keine Talkshowauftritte, kaum Hintergrundgespräche mit Journalisten.

Seinem Selbstwertgefühl hat das nicht geschadet, im Gegenteil, politische Gegner erleben an Pofalla eher ein irritierend unerschütterliches Selbstbewusstsein. Es ist das Selbstbewusstsein dessen, der sich aus widrigen Verhältnissen nach oben gearbeitet hat, der beinhart sein Ziel verfolgt. Mitunter übersieht er dabei, dass andere auch ihre Ziele haben.

Schlecht ist das, wenn es zum Beispiel darum geht, eine der größten politischen Krisen in der Geschichte der Republik zu bewältigen. Wochenlang hatte die Opposition auf ein Zeichen aus dem Kanzleramt gewartet, wie man sich eine Einigung über die künftige Ausgestaltung der europäischen Finanzordnung vorstelle. Fehlanzeige. "Hör mal", sagte SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier irgendwann zu seinem Kollegen Volker Kauder von der CDU, "ist ja schön, wenn ihr das allein hinbekommt, aber ich höre, ihr braucht eine Zweidrittelmehrheit."

Mehrere Wochen vergingen, bis Kanzleramtsminister Pofalla zu einem Termin erschien: Er habe nicht viel Zeit, die Opposition könne nun aber zwei Stunden lang Fragen stellen. Bei der SPD fühlte man sich nicht ernst genommen. Einige Wochen später hatte die SPD eine Finanztransaktionssteuer in das Paket über den Fiskalpakt hineinverhandelt. Die Börsensteuer komme eh nicht, wurde Pofalla zitiert, der Verhandlungserfolg fiel zusammen wie ein Soufflé. Zwar ließ der Kanzleramtschef eilig dementieren, doch der Schaden war da. Bei SPD und Grünen wurde Pofallas Botschaft so dechiffriert: Wir verarschen die Opposition. Ab jetzt, so der Beschluss, gelte das Prinzip Leistung nur noch gegen Vorkasse. Typisch Pofalla – stöhnten viele in der Koalition.

Pofalla, sagt einer aus dem Kanzleramt, der ihn lange kennt, tue sich schwer mit Zwischentönen. Loyal sein, aber durchblicken lassen, dass man seinen eigenen Kopf hat, das bekomme Pofalla nicht hin, da fehle ihm das Geschmeidige. Also hat er sich für die Öffentlichkeit abgeschaltet. Doch hinter den Kulissen rumpelt es weiter. Kein Kanzleramtsminister könnte das Betreuungsgeld als gute Idee verkaufen, aber dass eine Koalition sich ein Jahr lang öffentlich darüber zerlegt, das könnte man vermeiden.

Daraus den Schluss zu ziehen, es käme auf Pofalla nicht an, wäre trotzdem falsch. Asymmetrische Demobilisierung hieß das Konzept, mit dem Ronald Pofalla als Generalsekretär im Bundestagswahlkampf die SPD lähmte. Der Ansatz lautete, verkürzt gesagt: Klau den anderen ihre Themen und bring ihre Wähler damit dazu, dass sie entweder zu Hause bleiben oder es in Erwägung ziehen, auch mal dich zu wählen. Für Pofalla war es nicht bloß eine Wahlkampfstrategie, es war DIE Strategie, er war so stolz darauf, als wäre es sein Kind. Bei der FDP ätzen sie, Pofalla verfolge die asymmetrische Demobilisierung auch als Kanzleramtsminister, weil er oft früher auf die SPD-Länder zugehe als auf den Koalitionspartner.

Zu viel Mut zahlt sich nicht aus

Den Jungen hole ich in die SPD, dachte Pofallas Lehrer

Es soll ein Witz sein, aber es ist keiner. Denn es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass die asymmetrische Demobilisierung so etwas wie das grand design der Regierung Merkel geworden ist. Es ist eine gefährliche Strategie, sie führt kurzfristig zu Wahlerfolgen, aber langfristig kann sie zur Entkernung von Politik führen. Und sie führt zu der Frage, ob Pofalla wirklich nur der Diener seiner Herrin ist, oder ob in Merkels Politik womöglich mehr Pofalla steckt, als man gemeinhin annimmt. Denn dass Merkel einmal anders gedacht hat, das zeigt ihre Reformrede von Leipzig.

Weeze am Niederrhein ist, von Leipzig aus betrachtet, ungefähr auf der anderen Seite von Deutschland, hier ist Ronald Pofalla aufgewachsen und zur Schule gegangen. "Ein sehr aufgeweckter Junge", erinnert sich Eberhard Kox, sein Lehrer von der fünften bis zur neunten Klasse in der Hauptschule, selbst ein Sozialdemokrat. Pofalla sei ihm früh aufgefallen, sagt der Lehrer. "Den krieg ich irgendwann rüber in die SPD", habe er gedacht, erzählt Kox, schließlich brachte Ronald eine lupenreine Sozen-Vita mit: der Vater Holzfacharbeiter, die Mutter ging putzen. Er wurde arbeitslos, sie schwer krank, Ronald Pofalla, seine Zwillingsschwester und der ältere Bruder hatten keine leichte Kindheit. Ausgleich, soziale Gerechtigkeit, dafür habe sich Pofalla immer interessiert, sagt sein Lehrer. Doch Ronald habe auch immer gewusst, wie er im Leben weiterkomme. Und richtige Macht habe man im tiefschwarzen Weeze nur mit der CDU bekommen. Pofalla wurde Mitglied der Jungen Union, Vorsitzender des einflussreichen Bezirks Niederrhein.

Am vorvergangenen Freitag sitzt Pofalla im Rittersaal der Burg Linn in Krefeld, um die "Niederrhein-Eule" der Weisheit an den ARD-Journalisten Ulrich Deppendorf zu verleihen. Im Publikum sieht man viele graue Köpfe, viel Perlenschmuck, Einstecktücher, mehr CDU geht nicht.

Pofalla holt weit aus, ruft 30 Jahre Parteigeschichte auf, erwähnt, dass schon Helmut Kohl, Angela Merkel und Christian Wulff Preisträger gewesen seien. Die Burg, CDU, Kohl, Merkel, Pofalla, alles eins. Niemand käme hier auf den Gedanken, dass Pofalla genauso gut ein Sozi sein könnte. Die CDU hat in den Jahren unter Merkel ihre konservativen Konturen verloren. Sie passt jetzt perfekt zu ihm und er zu ihr. Seine Geschichte ist die Geschichte einer vollständigen Anpassung.

1989 gehörte Pofalla zu denen, die den parteiinternen Aufstand gegen Helmut Kohl unterstützten, nicht als Anführer, dazu war er damals zu wenig wichtig. Es reichte, um sich bei Kohl unbeliebt zu machen, der Kanzler verhängte seinen Bannstrahl über den Nachwuchspolitiker, der mit frechen Sprüchen auffiel. Als 1994 die sogenannten Jungen Wilden in den Bundestag kamen, Peter Altmaier, Norbert Röttgen, Armin Laschet, Eckart von Klaeden, hatte Ronald Pofalla schon seine erste Sitzungsperiode hinter sich und war nicht mehr wild. Bei der berühmten Pizza Connection, die erste Kontakte zu den Grünen knüpfte, habe Pofalla zwar mit am Tisch gesessen, aber eine tragende Rolle habe er nicht gespielt, erinnert sich einer der anderen.

Pofalla hat rasch gelernt: Zu viel Mut zahlt sich nicht aus

Die Spendenaffäre um Helmut Kohl entzweite die Gruppe. Während die anderen Jungen zur Abrechnung mit dem System Kohl aufriefen, verteidigte ausgerechnet Pofalla demonstrativ den Altkanzler und sein grundgesetzwidriges Ehrenwort. Warum bloß? Seit 1991 war Pofalla Mitglied der Anwaltskanzlei Holthoff-Pförtner, die Kohl vertrat. Pofalla, glaubt einer, der ihn lange kennt, habe aus seinem ersten Konflikt mit Kohl und den einsamen ersten vier Jahren auf der Hinterbank im Bundestag die Konsequenz gezogen: Zu viel Mut zahlt sich nicht aus. Fortan habe er sich darauf beschränkt, sein Fortkommen durch geschicktes Bewegen im Apparat zu sichern.

Was hat er, was andere nicht haben?, fragte sich mancher, als Merkel ihn 2005 zu ihrem Generalsekretär machte. "Pofalla hat eine in 30 Jahren gewachsene Übersicht über alle Winkelzüge des Parteiapparats. Er kennt die westdeutsche CDU, und er hält ihr den Rücken frei", sagt einer aus seinem Landesverband. Und Pofalla kennt seine Grenzen. Der Kanzleramtschef gehöre nicht zu denen, die insgeheim glaubten, sie seien der bessere Kanzler. Das unterscheidet ihn von einem wie Norbert Röttgen, dem früheren Umweltminister, der auch deshalb gehen musste, weil er beständig die Autorität der Kanzlerin infrage gestellt hatte.

Viele seiner Kritiker halten Ronald Pofalla für einen schlechten Kanzleramtsminister, weil er zu sehr Partei sei, weil er weiter als Generalsekretär agiere, nur jetzt ohne Lautsprecher. Wenn es so ist, dann darf man annehmen, dass das keine bloße Unfähigkeit ist, sondern Strategie. Pofalla ist kein Ideologe. Die Partei ist sein Element, aber sie war für ihn von Anfang an ein Gefäß der Macht. Die Frage ist, was von Pofallas CDU übrig bleibt, wenn Merkel und er eines Tages das Kanzleramt verlassen.

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