Gib uns die Klarheit langer Tage, kurzer Nächte. Gib uns Licht. Es wird Zeit. Wochenlang war Dämmerung, wir hörten nur Stimmen, und es war gespenstisch: Kaum erhob sich jemand zu einem öffentlichen Standpunkt, drohte ein Scheiße-Sturm, kaum zwitscherte jemand eine Tagesbanalität über die Displays, schallte es in Blocklettern zurück. Kaum war jemand dafür, organisierten jene, die dagegen waren, einen Vernichtungsfeldzug. Kaum war jemand dagegen, hatte er sein Existenzrecht verwirkt. Es gibt Lynchjustiz, es gibt eine neue Feigheit vor dem Mob, einen Opportunismus vor der Community. Was ist los? Wie kommt all der Hass ins Volk?

Da wehren sich Autoren gegen Aussagen von Piraten , die die Brotlosigkeit zum Adel des Künstlers erheben, und kein Guantánamo, kein Syrien zieht so viel Verachtung auf sich wie der Versuch der Schriftsteller, den eigenen Lebensraum zu schützen, die kulturstiftende Arbeit von Verlagen anzuerkennen, auf faire Weise bestehendes Recht den neuen Vertriebsbedingungen anzupassen.

Da fordert Philipp Lahm den Fußballverband zur Kritik an der ukrainischen Menschenrechtspolitik auf, aber nicht Janukowitsch reagiert, sondern schlimmer noch: Karl-Heinz Rummenigge, ein Mann, der mit einer Bankettrede allein eine schwarz-gelbe Revolution auslösen kann. Doch als Kapitän Lahm die Stimme erhebt, kommentiert Präsident Kalle: "Das hätte er besser bleiben lassen" – bleiben lassen wie der machtgesättigte Michel Platini, der sich Lahms Intervention anschließend ebenfalls verbittet. Die Arbeit am eigenen Ego beansprucht ihn schon genug, und wenn er etwas offenbar nicht will, dann ist es: durch Kampf zum Spiel finden.

Da wird eine Stimme gekürt beim ESC in Aserbaidschan. Doch wo Protest der Landespolitik hätte widersprechen sollen, verstummte die Europäische Rundfunkunion in Opportunismus, und die Stimme von Anke Engelke allein rettete die Veranstaltung vor dem ungebrochen schönen Schein. Es geht auch anders: Indonesien protestiert gegen den Auftritt von My Gaga Lady, und die sagt ihr Konzert in Jakarta ab. Im Allgäu dagegen protestiert niemand gegen den gemeinsamen Auftritt von Helmut Markwort und Tony Marshall in My Fair Lady. Wo sind die Islamisten, wenn man sie braucht?

Für immer verstummten die Stimmen von Dietrich Fischer-Dieskau , Robin Gibb , Donna Summer . Für immer wollte man andere zum Verstummen bringen. Alles, was wir aus ukrainischen Gefängnissen sahen, waren Julija Timoschenkos aus dem vergitterten Fenster winkende Hand, ihr von Hämatomen gezeichneter Bauch in der Krankenstation. Alles, was wir aus Syrien sahen, waren Bilder neuer Massaker, neuer Leichenberge, neuer Massenmorde, über denen der Botox-Ballon von Putins Kopf schwebt, der als Wladimir, der Lupenreine, Assads Umgang mit der Opposition offenbar artverwandt dem eigenen findet und weder ein Embargo noch eine Absetzung fordern, sondern eine "politische Lösung" anmahnen, also dem Massaker nicht in den Arm fallen will.

Mubarak wurde noch verurteilt, Gaddafi exekutiert, Assad wird gerechtfertigt; für jedes Land hat die Völkergemeinschaft eine eigene Moral. Und der Westen? Zeigt sich empört. Eben. Er zeigt sich nur. Was Wunder, dass in einer Zeit, in der sich alles darum dreht, die Stimme zu erheben, zu verlieren, abzugeben oder zu verleihen, das teuerste Bild aller Zeiten verkauft wird: Der Schrei . Es könnte der letzte Schrei sein, der Schrei der Empörung oder der Aufschrei.

Aber traf der Aufschrei die FDP , die Partei, die findet, Leistung müsse sich wieder lohnen, aber mit Chatzimarkakis, Djir-Sarai, Koch-Mehrin, Mathioupoulos die meisten angefochtenen und aberkannten Doktortitel zählt?