Der PVC-Fußboden schlägt Wellen. Die Tür des Nachtschranks schließt nicht, der Lack am Bettgestell blättert ab. Ein Zimmer im Krankenhaus von Sokolov, einst Falkenau, in Nordwestböhmen: 350 Betten, 60 Ärzte, 8 unbesetzte Arztstellen. Die dermatologische Abteilung der Klinik musste bereits schließen. »Ich hatte schon Bewerber, die sind lieber die 30 Kilometer weiter gefahren bis nach Deutschland. Dort sind die Gehälter nun mal höher«, sagt der Personalchef Martin Kuržeja.

Wenn er von seinem Büro über die Stadt blickt, sieht er viele schwere Maschinen zwischen graubraunen Kratern stehen. Braunkohletagebau. Nicht gerade eine verlockende Umgebung. »Dabei hat sich in den vergangenen zehn Jahren hier viel getan«, sagt er. Gerade haben sie für das Krankenhaus eine neue Kantine gebaut und modernere medizinische Geräte angeschafft. Trotzdem gehen viele Ärzte lieber nach Deutschland als nach Sokolov.

Für solche Regionen werden Europas offene Grenzen zum Problem. Allein 2011 haben fast 450 Mediziner Tschechien verlassen, schätzt die dortige Ärztekammer, vor allem Internisten und Chirurgen. »Die Auswanderung von medizinischem Personal aus den neuen Mitgliedsstaaten hat seit der EU-Erweiterung zugenommen«, stellt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fest. Löhne, Ausstattung und Möglichkeiten zur Weiterbildung locken viele nach Deutschland.

Für Hochqualifizierte, also auch Mediziner aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten, ist der hiesige Arbeitsmarkt schon seit 2004 offen. Seit 2011 gilt die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit für alle außer Bulgaren und Rumänen. Damit ist es noch einfacher geworden, in Deutschland als Arzt zu arbeiten: Ein medizinisches Examen und fortgeschrittene Sprachkenntnisse reichen aus. Nach Informationen der Bundesärztekammer kommt jeder vierte ausländische Arzt mittlerweile aus Ostmitteleuropa, und die Tendenz ist steigend.

Gleichzeitig aber wandern auch Mediziner aus Deutschland ab. In den vergangenen zehn Jahren hat sich diese Bewegung nach WHO-Angaben fast verdreifacht. Ärzte flüchten vor langen Arbeitstagen, Bürokratie, Hierarchien – meist in die Schweiz, nach Österreich und in die Vereinigten Staaten. Deshalb sind Zuwanderer hierzulande so begehrt. In ihren Heimatländern werden die Probleme mit der medizinischen Versorgung derweil immer größter.

Wenn Kuržeja aus Sokolov nach Ärzten sucht, die ins Ausland gegangen sind, könnte er sie in Hartmannsdorf finden. Vom dortigen Diakoniekrankenhaus Chemnitzer Land bis nach Tschechien sind es nur etwa 100 Kilometer, und doch liegen Welten dazwischen. Über der Eingangshalle mit dem Springbrunnen spannt sich eine Glaskuppel, die Zimmer sind frisch renoviert. Der Oberarzt auf der Intensivstation heißt Ondřej Zíka. Schon 2004 ist er von Jihlava, der Ort liegt im Herzen Tschechiens, nach Hartmannsdorf gezogen. »Mich haben die vielen Bereitschaftsdienste gestört; das ist in Deutschland besser«, sagt er. Ein Facharzt verdient in Tschechien im Schnitt monatlich 2.800 Euro brutto, in Deutschland bekommt er mindestens 2.000 Euro mehr.