Manche Architekten wiegeln ab. In Wahrheit, sagen sie, sind doch die unendlich vielen Fertighäuser schuld, lauter ungeschlachte Wohnparadiese im Finca- und Toskanastil, die das Land mit Hässlichkeit überziehen. Andere Architekten machen die Bauindustrie verantwortlich, die in ihrem Betonwahn alles Schöne niederwalzt. Dritte wiederum verfluchen die renditesüchtigen Großinvestoren, die lauter Gewerbeparks, Einkaufszentren und stumpfe Bürohauskomplexe hochziehen. Doch hier, auf den Immobilienseiten des Internets, werden sie alle widerlegt. Hier lässt sich die Schuld nicht den Billigheimern und auch nicht den anonymen Investmentfonds zuschieben. Hier mangelt es nicht an Geld, nicht an Zeit und Aufwand. Hier bauen Bürger, überaus begütert und durchaus weltgewandt. Ihnen allein verdankt sich das luxuriöse Elend.

Nun gut, so ganz stimmt das nicht. Genau genommen hat Deutschland nicht nur ein Eliten-, es hat auch ein Architektenproblem. Denn irgendjemand hat das alles ja vor gar nicht mal allzu langer Zeit entworfen, geplant, genehmigt. Und es waren nicht etwa die Stararchitekten, die sonst gern für die Verwahrlosung der gestalterischen Sitten angeklagt werden, nein, es waren Normalarchitekten. Gut ausgebildet an deutschen Hochschulen, in allen Rechts- und Statikfragen bestens bewandert, allesamt Mitglieder der Architektenkammern – und doch bauen sie Häuser, dass man sie am liebsten gleich hinter gewaltigen Tujahecken verstecken möchte. Wenn aber selbst viele Fachleute ihr Fach nicht mehr beherrschen, wenn sie kaum etwas verstehen vom rechten Maß und angemessener Form, was bleibt dann noch? Wie kommt man heraus aus der Hässlichkeitsfalle?

Manche sagen: Wir brauchen mehr Vorschriften! Wenn die Menschen das Schöne nicht mehr kennen, dann müssen wir es diktieren. Und vielleicht stimmt das, vielleicht lässt sich das Schlimmste so verhindern. Doch richtig glücklich wird man wohl nicht damit. Schon heute gibt es viele neue Häuser, die der Konvention gehorchen und der Tradition nicht abhold sind. Ich denke auch da an das Haus von Christian Wulff. Wer für einen neuen Regionalismus kämpft, wer von Angemessenheit spricht und innig dafür plädiert, die Architekten müssten endlich den Kontext wieder wahr- und ernst nehmen, der muss einräumen: All das wurde hier, in Großburgwedel, beherzigt – und trotzdem ist ja der schnöde Biedersinn nicht unbedingt das, was man sich für die Städte und Dörfer wünscht.

Wenn es aber nicht an mangelnder Bescheidenheit liegt, nicht daran, dass sich unbedingt einer hervortun will mit innovativen, experimentellen Kabinettstückchen, wenn ausnahmsweise auch nicht der Kapitalismus schuld ist oder die Politik und auch nicht die üblichen Sachzwänge ins Feld geführt werden können, was ist dann der Grund dafür, dass viele Häuser so unschön geraten? Meine Vermutung: Es liegt am mangelnden Geschmack.

Wenn immer die Experten über das Planen und Bauen diskutieren, werden vor allem die technischen und bezifferbaren Aspekte der Architektur ventiliert. Es geht um Fragen der Ökonomie, um Gesetze und Verordnungen und um politische Verantwortung, um Verkehrs-, Wohn-, Handels-, Bodenrechts- und Parzellierungsfragen – und all das prägt und bestimmt das Bauen ja tatsächlich. Und doch sind Architektur und Stadtbaukunst am Ende nichts, was aus Verordnungen und Strukturrastern erwächst. Sie lassen sich nur, und das ist die Krux, als ästhetische Erfahrung beschreiben, als Kunst des Empfindens, der Sinnlichkeit, kurzum als eine Frage des Geschmacks.

Der Soziologe Klaus Theweleit hält den guten Geschmack für das "diskreditierteste aller Orientierungsmittel" überhaupt. Zu oft wurde als geschmacklos geschmäht, was der gesellschaftlichen Mehrheit schlicht nicht ins Raster passen wollte. Da heute aber dieses Rasterlose, das Individualisierte und Abweichende zum Ideal der Mehrheit avanciert ist, lässt sich Geschmack kaum noch als ausgrenzender Kampfbegriff verstehen, eher als einer, der es auf Verständigung anlegt.

Deshalb sage ich: Architektur ist Geschmackssache. Und ich meine damit den Geschmack als eine Form sozialer Intelligenz. Immanuel Kant sprach von einem "sensus communis", von einem Gespür für das, was viele Menschen verbindet. Nur ein Architekt mit einem solchen Sensus wird ermessen können, wie seine Gebäude ankommen, welche Rücksichten sie nehmen, welche Konventionen sie negieren sollen.