Eine solche Konstellation, in der Beethoven als Ideenkünstler geradezu umworben wird, muss Goethe revolutionär erschienen sein. Und er war sensibel genug, um aus den vielleicht nur beiläufigen Kommentaren seiner Umgebung herauszuspüren, dass ihm da womöglich sogar eine Konkurrenz erwuchs – in Gestalt eines Komponisten, der den Anspruch erhob, in den höchsten Kreisen wie ein Napoleon der Musik zu verkehren. Dabei hatte er selbst, Goethe, ein halbes Leben gebraucht, um als »Excellenz« respektiert und als Dichterfürst gewürdigt zu werden, und war darüber in seinem hierarchisch-ständischen Denken befangen geblieben.

Dies verdeutlicht eine Begebenheit, die durch Bettina von Arnim auf uns gekommen ist. Die ebenso geistreiche wie umtriebige Schriftstellerin hatte viel dafür getan, um die beiden Genies zumindest im Geiste zusammenzubringen und als beider Muse akzeptiert zu werden. Jahre später erzählte sie dem Fürsten Pückler-Muskau von einem gemeinsamen Spaziergang Goethes und Beethovens in Teplitz, auf welchem den beiden der kaiserliche Hofstaat entgegengekommen sei. »Bleibt nur in meinem Arm hängen, sie müssen uns Platz machen, wir nicht!«, habe Beethoven gesagt, während Goethe »mit abgezogenem Hut« beiseitegetreten und daraufhin von Beethoven gescholten worden sei: »Auf Euch hab’ ich gewartet, weil ich Euch ehre and achte, wie Ihr es verdient, aber jenen habt Ihr zu viel Ehre angetan!«

Das klingt reichlich anekdotisch, hat aber innere Wahrheit – im Gegensatz zu einer anderen gern erzählten Anekdote. Als Goethe und Beethoven während eines Kurspaziergangs auf Schritt und Tritt gegrüßt wurden, habe der Dichter nicht ohne Eitelkeit bemerkt, ein solcher Bekanntheitsgrad sei ihm doch ein wenig lästig, worauf Beethoven erwidert habe, Excellenz möge sich nicht aufregen: »Das gilt vielleicht mir.«

Am 27. Juli verlässt Beethoven Teplitz, Goethe reist wenig später ab, nicht ohne drei Gedichte auf die ihm huldvoll begegneten Majestäten zu hinterlassen, allen voran den Kaiser: »Er kommt! Er naht! – Wie fühlt bei diesem Schalle / Die Seele gleich sich ahnungsvoll bedingt! …«

Beide ziehen bald ein Resümee ihrer Begegnung. Goethe berichtet seinem Freund, dem Berliner Komponisten Carl Friedrich Zelter, am 2. September: »Beethoven habe ich in Töplitz kennen gelernt. Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt; allein er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar gar nicht unrecht hat, wenn sie die Welt detestabel findet, aber sie dadurch freilich weder für sich noch für andere genußreicher macht. Sehr zu entschuldigen ist er hingegen und sehr zu bedauern, da ihn sein Gehör verläßt, das vielleicht dem musikalischen Teil seines Wesens weniger als dem geselligen schadet. Er, der ohnehin lakonischer Natur ist, wird es nun doppelt durch diesen Mangel.«

Beethoven urteilt härter.

Während er seinem Leipziger Verleger Härtel zunächst noch freudig mitteilt, Goethe habe vage versprochen, für ihn »etwas zu schreiben«, informiert er Härtel schon am 9. August aus Franzensbrunn (wo es so kalt sei, »daß man schreiben könnte: am 9ten November 1812«): »Göthe behagt die Hofluft zu sehr – mehr als es einem Dichter ziemt. Es ist nicht vielmehr über die lächerlichkeiten der Virtuosen hier zu reden, wenn Dichter, die als die ersten Lehrer der Nation angesehn seyn sollten, über diesem Schimmer alles andere vergessen können.«

Man sieht: Die zwei Jahrhunderte, die hier aufeinanderstoßen, lassen sich so leicht nicht überbrücken. Und dass Goethe Beethovens Genie zu dessen Ärger nicht wirklich wahrzunehmen weiß, die Musik vielmehr weiterhin vor allem dort wertschätzt, wo sie sich ihm in dienender Funktion zeigt, vermag auch ein am Klavier ebenso »energisch« wie »innig« tätiger Virtuose nicht zu ändern. Goethe kann nur mit dem Wort »köstlich« reagieren und verweigert Beethoven damit indirekt die Anerkennung als gleichberechtigter Künstler.

Man sollte jedoch die Lernfähigkeit des Dichters nicht unterschätzen. Im Alter hört er nicht nur »von fern das Meer brausen«, als ihm Zelter von der Berliner Wiederaufführung der Bachschen Matthäus-Passion durch Felix Mendelssohn Bartholdy im März 1829 berichtet. Vielmehr reagiert er auch erstaunlich enthusiastisch, als ihm der jugendliche Mendelssohn 1830 – drei Jahre nach Beethovens Tod – die Fünfte persönlich auf dem Flügel darbietet. Da findet der Achtzigjährige diese Musik »sehr groß, ganz toll«: »Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein. Und wenn das nun alle die Menschen zusammenspielen!«

Vielleicht musste der Antipode erst gestorben, das eigene Werk abgeschlossen und jegliche Etikette unwesentlich geworden sein, bevor ein genialischer Vertreter der Enkelgeneration – »Du bist mein David« – dem Alten in Weimar etwas von der Größe Beethovens vermitteln konnte.

Bleibt Platz für ein Postskriptum, das ein Beethoven-Verehrer womöglich zur Hauptsache des Teplitzer Sommers 1812 erklären würde: ein Hinweis auf Beethovens Fortsetzungsbrief an die »Unsterbliche Geliebte«, deren Identität bis heute ungeklärt ist. Die Brieffolge vom 6. und 7. Juli, die mit der Anrede »Mein Engel, mein alles mein Ich« beginnt und mit dem Ausruf »Welche Sehnsucht mit Thränen nach dir – dir – dir – mein Leben – mein alles – leb wohl – o liebe mich fort – verkenne nie das treueste Herz deines Geliebten L.« schließt, ist zwar ohne Jahres- und Ortsangabe. Jedoch hat die Beethoven-Forschung mit kriminalistischem Spürsinn herausgefunden, dass sie aus dem Jahr 1812 und aus Teplitz stammen muss. Auch über die Adressatin wird bis heute leidenschaftlich spekuliert: War es Therese von Brunsvik, Antonie Brentano oder die Fürstin Maria Anna von Liechtenstein? Letztlich bleibt die ganze Begebenheit in ein wohltuendes Dunkel gehüllt: Selbst wenn man den Namen des »Engels« kennte, wüsste man nicht, ob die Briefe überhaupt abgesandt wurden, denn die Originale fanden sich in Beethovens Nachlass.

Offen bleibt ferner, ob die intensive »Beziehung«, welche der Wortlaut nahelegt, von den Partnern tatsächlich gelebt oder von Beethoven nur fantasiert wurde. Man muss sogar erwägen, dass die erregte Sprache – gleich der des »Heiligenstädter Testaments« – Züge der Stilisierung trägt. Wünschen wir Beethoven ohne weiteres Bohren, dass er damals einige Momente höchsten Glücks erlebt haben möge! Und vergegenwärtigen wir uns, dass er im folgenden Jahr 1813 den äußeren Höhepunkt seiner Laufbahn feiern konnte: als am 8. Dezember Wellingtons Sieg und die Siebte Sinfonie aufgeführt wurden und Wien ihm zu Füßen lag.

Goethe vollendete in diesem Jahr den dritten Band von Dichtung und Wahrheit und schrieb das Gedicht Gefunden: »Ich ging im Walde so für mich hin...«