Das Kölner Landgericht hat die Beschneidung eines kleinen Kindes für strafbar erklärt. Dieses Urteil ist entweder ein Fanal für die Befreiung von Millionen von Kindern der ganzen Welt, oder es ist eines der Ungeheuer auf Goyas enigmatischem Stich "Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer". In diesem Fall sollte es allerdings wiederum ein Fanal sein, nämlich für den Widerstand gegen einen mächtigen Trend innerhalb der westlichen Welt.

Das Urteil hat, wie zu erwarten, eine lebhafte Diskussion hervorgerufen. In Diskursen dieser Art hängen die Ergebnisse meistens ab von der anfänglichen Verteilung der Begründungspflicht beziehungsweise der Beweislast. Sie liegt, wo es mit rechten Dingen zugeht, bei demjenigen, der gegen eine bestehende Normalität einen Anspruch durchsetzen will. Anders kann es nicht gehen. Etwas, was ist, bedarf keiner Rechtfertigung über die Widerlegung der gegen es vorgebrachten Gründe hinaus. Anders wäre Leben gar nicht möglich. Wer gegen eine etablierte kulturelle Normalität argumentiert, macht in der Regel eine andere Normalität und Normativität geltend, nämlich die "natürliche". Das ist insbesondere in Europa der Fall, wo seit den Griechen des 5. Jahrhunderts vor Christus unterschieden wird zwischen dem aufgrund menschlicher Satzungen und Traditionen Geltenden und dem "von Natur Rechten".

Dieser Gedanke eines Naturrechts war bestimmend für die mittelalterlichen Scholastiker. Er beflügelte die europäische Aufklärung, bis er im 19. Jahrhundert durch den Kulturrelativismus infrage gestellt wurde. Die Grundrechte des deutschen Grundgesetzes sind so etwas wie die teilweise Kodifizierung des Naturrechts. Die körperliche Unversehrtheit spielt dabei eine besondere Rolle, weil über ihre Verletzung leichter universeller Konsens zu erreichen ist als für subtilere Verletzungen.

Im Kölner Urteil geht es um den scheinbaren Konflikt zweier oder auch dreier Grundrechte. Grundrechte sind nie absolut. Sie finden ihre innere Begrenzung an anderen Grundrechten. Der Grundsatz der Kunstfreiheit impliziert nicht das Recht, fremde Wände ohne Zustimmung des Eigentümers zu bemalen. Das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit impliziert nicht das Recht auf Menschenexperimente oder auf verbrauchende Embryonenforschung. Uneingeschränkt ist nur die Pflicht zur Achtung der Menschenwürde. Dieses Recht kollidiert nicht mit der Menschenwürde anderer. Es besagt ja nur, dass bei Beeinträchtigungen des Lebens eines Anderen dieser Andere als er selbst Gegenstand von Zumutbarkeitserwägungen sein muss. "Jeder zählt" – auf diese einfache Formel lässt sich das Prinzip der Menschenwürde bringen.

Grundrechte hingegen unterliegen häufig einer Güterabwägung. So auch der Beschneidungsfall. Abgewogen werden müssen nämlich das Erziehungsrecht der Eltern, die Religionsfreiheit und das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Eine Einschränkung des Elternrechts ist bereits im Grundgesetz festgeschrieben. Dieses Recht kann entzogen werden, wenn Eltern ihrer Erziehungs- und Förderungspflicht nicht – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – nachkommen; das heißt beispielsweise, wenn ihre das Kind betreffenden Entscheidungen nicht das Kindeswohl im Auge haben.

Als Initiationsritus verleiht die Beschneidung die Eingliederung in eine sowohl religiös als auch ethnisch begründete traditionelle geschichtliche Gemeinschaft, also zum Beispiel die des jüdischen Volks und der jüdischen Religionsgemeinschaft. Für gläubige Juden wird durch diesen hochsymbolischen Akt der geoffenbarte Wille Gottes erfüllt.

Nun ist aber dieser Akt mit einer Körperverletzung verbunden, ebenso wie zum Beispiel jede Impfung. Die Verletzung ist aber geringfügig. Sie entspricht in ihrer Schwere zum Beispiel einer Masernimpfung, die bekanntlich von manchen Ärzten abgelehnt wird und bei der es Recht der Eltern ist, zu entscheiden, welcher Schulmeinung sie sich im Interesse des Kindes anschließen. Wo es sich um die Genitalverstümmelung von Mädchen handelt, ist der Zweck, dem sie dient, der Frau sexuelle Lust zu verweigern. Hier liegen die Dinge klar. Wer glaubt, dies dem Willen Gottes schuldig zu sein, muss den Geltungsbereich des Grundgesetzes verlassen. Hier kann es keinen Pardon geben. Ähnliches würde gelten in Bezug auf die frühere chinesische Praxis, die Füße der Mädchen zu verkrüppeln – außer denen der Bauernmädchen. Oder denken wir an das Kastratentum mit dem Ziel, den Stimmbruch von Männern zu verhindern.