Da ist sich die Hochschulpräsidentin mit ihren Kritikern einig, deren Argumentation allerdings in eine andere Richtung weist. Die Gegner der Akademisierung fürchten um das Profil der akademischen Bildung. "Die Erstausbildung ist nicht Angelegenheit der Hochschulen", sagt Felix Rauner, Leiter der Forschungsgruppe Berufsbildungsforschung an der Universität Bremen. Er plädiert dafür, die Berufsausbildung der Hochschule voranzustellen und vor allem die Durchlässigkeit des Bildungssystems zu erhöhen, um so auch Berufstätigen ohne Abitur den Weg an die Hochschule zu ebnen. Aber auch dann müsse klar zwischen akademischen und dualen Studiengängen für Berufstätige differenziert werden, da andernfalls das Wesen der Hochschulen verwässert werde. "Das ist eine völlig andere Bildungstradition. Wenn man sie auf die berufliche Bildung überträgt, richtet sie Schaden an", sagt Rauner.

Akademisierung als Gefahr für die Qualität der Pflegekräfte?

Zumindest sei es in anderen Ländern durchaus üblich, sagt Felix Rauner, dass Bachelorabsolventen nach ihrem Abschluss noch eine Berufsausbildung absolvierten. "Nach dem Motto: Now I have a Bachelor's degree but I don’t have any skills.‹" Johannes Singhammer, CSU-Gesundheitsexperte und Vizevorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag, steht Veränderungen im Ausbildungssystem ebenfalls skeptisch gegenüber. "Wir haben bereits eine gute Ausbildung im Pflegebereich." Das duale Berufsbildungssystem in Deutschland werde von vielen anderen Ländern übernommen. "Es ist in keiner Weise zu rechtfertigen, dieses erfolgreiche Modell jetzt zu schleifen."

Die Befürworter rechtfertigen dies allerdings nicht nur mit einer höheren Qualifikation, sondern auch mit ganz praktischen Verbesserungen: bessere Bezahlung und Imagegewinn. Gerade freiberufliche Hebammen kämpfen zurzeit für eine Aufstockung ihrer seit Jahren gleichbleibend niedrigen Honorare, die, verbunden mit dramatisch steigenden Berufshaftpflichtprämien, viele von ihnen in jüngster Zeit zur Aufgabe zwingen. Nebenbei, so Franz Wagner, könne eine Akademisierung die Pflegeberufe auch für höher qualifizierte Interessenten attraktiver machen.

In der Realität allerdings ist bislang völlig ungeklärt, wie die Hochschulabsolventen im Vergleich zu ihren nichtakademischen Kollegen arbeiten und bezahlt werden sollen. Befürchtungen werden laut, man werde ein Bachelor-Proletariat ausbilden, das zwar höher qualifiziert sei, aber letztlich für dasselbe Geld dieselbe Tätigkeit ausübe. Denn derzeit weiß keiner, wo die Mittel für eine bessere Bezahlung herkommen sollen. Selbst diejenigen, die die akademische Konkurrenz ausbilden, müssen zugeben, dass hier ohne eine Umstellung der Tarifstrukturen Probleme schwelen, die drängend werden, sobald es über Modellstudiengänge hinausgeht.

Das studierte Pflegepersonal könnte Aufgaben von Ärzten übernehmen

Eine bessere Bezahlung müsse nicht zwangsläufig zu einer Verteuerung des Gesundheitssystems führen, versichert indes Anne Friedrichs. Durch eine Verbesserung der Behandlung könne man bessere Krankheitsverläufe erzielen – und damit Einsparungen. Außerdem könnte das Pflegepersonal Aufgaben von Ärzten übernehmen, die im Schnitt viermal so teuer seien.

Doch bei der künftigen Rolle der Mediziner stellt sich bereits das nächste Problem. Manche Ärzte und vor allem Ärztevertreter fürchten angesichts der Qualifizierungsoffensive in den benachbarten Berufen um ihre Pfründen. Bislang allerdings machen die Bachelorabsolventen in den Gesundheitsberufen nur einen geringen Anteil aus – nicht nur wegen der geringen Anzahl der Studiengänge, sondern auch weil sie noch eine relativ junge Erscheinung sind. In Bochum sind die ersten 30 Hebammen-Studentinnen derzeit im vierten Semester. Bis sie das Skills Lab verlassen und sich dem Arbeitsmarkt stellen, wird es noch mehr als ein Jahr dauern.

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