Wenn Eric dreißig Mal am Tag zu seinem Banknachbarn Alex sagt: "Sei still, Alex, hör auf, Geräusche zu machen, schreib die Aufgaben in dein Heft", dann bewundert man Eric für seine unglaubliche Freundlichkeit, wünscht ihm aber auch, dass er nicht immer neben Alex sitzen muss. "Solche Kinder sind für mich natürlich ein Puffer", sagt Dopp. "Sie verschaffen mir Luft, mich um andere kümmern zu können." Die Schwierigkeit des Lehrers besteht nur darin, auch genügend Zeit für Eric zu finden. Manchmal wundert sich Dopp, dass die Eltern seiner Klasse nicht aufbegehren, so gar nicht infrage stellen, ob der gemeinsame Unterricht wirklich allen zugute kommt. Über die Hälfte der Familien lebt von Sozialleistungen und Bildungsgutscheinen. Wenn sie hören, die Klasse werde in etlichen Stunden von zwei Lehrern unterrichtet, nicken sie nur.

"Einen angstfreien Schulbesuch" hatte sich die Mutter von Kayhan für ihren autistischen Sohn gewünscht. Für den Vater war es wichtig, dass der Junge "Teil der Gesellschaft wird, denn kein Schutzraum kann ein Leben lang aufrechterhalten bleiben". Kayhan geht gern zur Schule, auch wenn er oft allein ist, vor allem in den Pausen. Wenn er auf dem Schulhof geärgert wird, kann er sich aber inzwischen auf die Unterstützung seiner Mitschüler verlassen: "Der gehört zu uns, lasst ihn in Ruhe." Und wenn er beim Brennball behauptet, er sei nicht abgeworfen worden, obwohl das gar nicht stimmt, und der Sportlehrer sagt: "Gut, dann musst du nicht raus", dann runzeln die Kinder der gegnerischen Mannschaft nur kurz die Stirn. Kayhan ist eben Kayhan.

Von Bremens Bildungssenatorin hat seine Mutter gehört, dass kein Kind mehr ohne Abschluss bleiben solle. "Was heißt das nun für meinen Sohn?", fragt sie sich. In vier, fünf Jahren wird sie es wissen. Dann wird sich zeigen, ob der Inklusionsgedanke tatsächlich in die Verantwortung der gesamten Gesellschaft übergegangen ist. Ob es eine Alternative zur Sackgasse Behindertenwerkstatt in Kayhans Leben geben wird. Noch hört man wenig darüber, woran der Erfolg der Inklusion am Ende überhaupt gemessen werden soll.

*Namen der Kinder (außer Kayhan) geändert