Der amerikanische Schriftsteller Don DeLillo beschrieb vor zehn Jahren in seinem Roman Cosmopolis genau das als düster-poetische Dystopie, was heute gang und gäbe, fast schon Allgemeinplatz ist: das Ende der New Economy. In einer langen Reise durch die Nacht schickt er seinen Protagonisten, den superreichen, supermächtigen und supereinsamen Eric Packer, zuerst zum Friseur und dann in den Tod. Er beschreibt, wie das Paradies, das sich die Helden der Finanzwirtschaft geschaffen haben, Stretchlimousinen mit Marmorböden eingeschlossen, sich in ein Gefängnis verwandelt hat und wie dem Menschen, der es gewohnt ist, in Geld zu denken und zu fühlen, der eigene Körper und der seiner Mitmenschen, einschließlich dessen seiner Ehefrau, vollkommen fremd werden. Eric Packer lässt nur den Arzt in sich hineinsehen, und der hat eine asymmetrische Prostata erkannt. Wenn nicht auch kleinste Symptome Metaphern wären, hätte das weiter nichts zu sagen. An diesem Tag tötet Eric Packer einen seiner Bodyguards und wird selber von einem Mörder gejagt.

Kein Regisseur kann diesen Roman verfilmen, nicht obwohl, sondern gerade weil er schon so sehr wie ein innerer Film funktioniert. Man muss wohl eine andere Methode als die der herkömmlichen Übertragung von einem Medium ins andere finden. Zum Beispiel innerhalb von sechs Tagen ein Drehbuch schreiben, indem man die Dialoge des Romans, die in der Tat von eigentümlichster Faszination sind, zusammenstellt, ein paar Dinge weglässt und dann die entstandenen Dialogblöcke durch geeignete Einstellungen miteinander verbindet. Auf diese Weise begegnen sich Film und Literatur auf Augenhöhe, keines von beiden unterwirft sich dem anderen. So schnell kann man das Drehbuch zu einem Meisterstück von Film schreiben, jedenfalls wenn man sehr mutig, sehr souverän, sehr David Cronenberg ist.

Der letzte Tag im Leben des Eric Packer beginnt wie alle anderen, mit Zahlenreihen auf Computerbildschirmen, Besprechungen mit seinen Mitarbeitern, Demonstrationen seiner Macht. Dann wird dieser Tag immer seltsamer, nicht nur weil die Fahrt in der Luxuslimousine beständig unterbrochen wird, bis tatsächlich nichts mehr vorwärtsgeht. Der amerikanische Präsident weilt in der Stadt, der Sufi-Rapper Brutha Fez wird unter Tränen zu Grabe getragen, und eine wachsende Schar von Demonstranten gegen das Finanzkapital okkupiert Teile der Stadt. Packers fahrbare Kommandozentrale wird demoliert und beschmiert, seine Bodyguards schwärmen aus, denn da draußen ist jemand, der ihm den Tod geschworen hat. Er trifft mehrfach seine Frau, die weder zu ihm in die Limousine steigen noch ihn zum Bleiben in der äußeren Welt überreden kann, er lässt sich ärztlich untersuchen, pflegt seine Gangster-Kontakte. Und erschießt einen Bodyguard mit dessen superintelligenter Waffe. Doch auch damit kann Eric Packer sich nicht mehr befreien, seine vorletzte Station ist der Friseurladen, in dem er sich schon als Kind die Haare hat schneiden lassen. Der letzte Versuch, heimzukommen. Dann steht er, in einer zwanzigminütigen Szene, in einem Kampf auf Leben und Tod seinem Mörder gegenüber. Jetzt zählt jedes Wort.

Was können wir noch begehren, wenn sich alles in Geld verwandelt?

Die archetypische Figur des einsamen Spekulanten am Rande der Nacht steht in einer Reihe finsterer Darstellungen des Finanzkapitalismus. Man mag, vom Citizen Kane des Orson Welles ausgehend, an Oliver Stones Gordon Gekko in den beiden Wall Street- Filmen denken, an Tom Wolfes Sherman McCoy im Fegefeuer der Eitelkeiten, an Tom Hanks in Brian de Palmas Filmversion, an Bret Easton Ellis’ American Psycho Patrick Bateman, an die Crew um Kevin Spacey in Margin Call. Die ambivalente Erscheinung des Leinwand-Kapitalisten zerfiel vor unseren Augen in das Monströse und das Triviale. Das hier ist sicher das fremdeste Gesicht. Denn aus ihm ist alle Lust und Vernunft gewichen.

Dass Cronenberg Robert Pattinson, den Vampir-Star aus der Twilight- Serie, in dieser Rolle besetzt, ist mehr als nur ein kleiner Castingcoup. Immer wieder hat dieser Filmemacher ja Darsteller aus gänzlich anderen Pop-Welten in seinen höchsteigenen Kosmos geholt und sie zu überraschender Aussagekraft gebracht. Das begann mit der Porno-Actrice Marilyn Chambers, führte über die New-Wave-Pop-Diva Deborah Harry bis zum Herr der Ringe- Star Viggo Mortensen. Rob Pattinson in Cosmopolis ist keiner, der mit seiner Rolle verschmilzt, er spricht, überaus überzeugend, die Zeilen eines sehr langen, sehr schönen, sehr traurigen Gedichts.

David Cronenbergs Filme beschäftigen sich mit dem Menschen nach dem Untergang des bürgerlichen Subjekts. Mit dem Menschen, der durch genetische, mediale, maschinelle, digitale oder andere Eingriffe ein anderer geworden ist. Oder auch mehrere andere. Der Körper, die Seele und der Geist verändern sich, wenn auch nicht in die gleiche Richtung. Das "neue Fleisch", um das es in den frühen Cronenberg-Filmen oft drastisch genug ging, und der neue Geist (der, wie in Scanners, aus sich heraus tödlich sein kann und der die mittleren Filme des Regisseurs dominiert) müssten zu so etwas wie einer neuen Seele führen. Damit beschäftigt sich Cronenberg vor allem in seinen jüngeren Filmen. Was geschieht mit der Psyche in dieser unheiligen Dreierbeziehung? So ist es vielleicht kein Wunder, dass sich Cronenberg zuerst den Gründervätern der Psychoanalyse widmet und dann, unter dezidiertem Bezug auf Karl Marx, nach der Seele des Menschen im Anschluss an die letzte Transformation seiner Gesellschaft fragt. Man kann diese Frage nach der Seele als die nach dem Begehren stellen (was kann der Mensch noch begehren, wenn alles, was er berührt, sich in Geld verwandelt?) – oder als die Frage nach der Freiheit. Unter diesem Aspekt verwandelt sich der kapitalistische Archetyp in einen existenzialistischen Helden. Nicht nur in seiner Mordtat ähnelt Packer dem Meursault aus Albert Camus’ Der Fremde: Auch er begegnet jenem Empfinden, das wir uns aus lauter Effizienz für eine Zeit abtrainiert haben, dem Empfinden der Absurdität.

Am Schluss des Romans begibt sich Packer möglicherweise freiwillig in die Hände seines Mörders. Don DeLillo versucht in Cosmopolis dann doch immer wieder, Motive und Impulse seiner Figur zu erklären. So heißt es über Packer, der sich um sein Reich der kalten Dinge gebracht sieht, weil der Yen (bei Cronenberg ist es, aktueller, der Yuan) einfach nicht fallen will: "Vielleicht wollte er dieses Leben am Ende doch nicht, pleite noch einmal von vorn anfangen, ein Taxi rufen auf einer belebten Kreuzung voller drängender leitender Jungangestellter mit erhobenen Armen und clever in allen Himmelsrichtungen wirbelnden Körpern. Was aber wollte er, das nicht postum war? Er starrte ins Leere" etc. David Cronenberg hat von den letzten Abschnitten des Romans nur einen Satz verfilmt: "Im Glas seiner Uhr ist er tot, aber im realen Raum lebt er immer noch und wartet darauf, dass der Schuss fällt."