Wenn ein Regierungschef seinem Land ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft in Aussicht stellt, ist das eine große Sache. Wenn es sich dabei um den britischen Premier handelt, umso mehr. David Cameron hat es vergangenen Sonntag in einem Zeitungsartikel getan. Wann er ein solches Referendum abhalten lassen will, schrieb er nicht. Aus gutem Grund: Er weiß, dass die meisten Briten für einen Austritt stimmen würden, wenn man sie heute danach fragte. Cameron aber will (noch) in der EU bleiben, das Thema Volksabstimmung hat er daher stets vermieden. Bis jetzt.

Die Briten haben sich aus geografischen und historischen Gründen nie so europäisch gefühlt wie die Deutschen oder Franzosen. Sie haben eine pragmatische Haltung zu Europa, keine politische oder gar idealistische: Die EU ist für sie ein Wirtschaftsraum. Nirgendwo sonst ist die Zahl der Euroskeptiker so groß wie auf der Insel. Und in keiner anderen Partei sind sie so zahlreich vertreten wie bei Camerons Tories. Die Euro-Krise verstärkt ihren Leidensdruck: Sie glauben, dass jetzt die Gelegenheit sei, um Großbritanniens Beziehung zu Europa neu zu ordnen. Seit mehreren Monaten setzen sie ihren Vorsitzenden unter Druck.

Im Oktober rebellierten 81 konservative Abgeordnete im Parlament gegen Cameron, weil sie eine Volksabstimmung zu Europa durchsetzen wollten. Der Arbeitsminister Iain Duncan Smith und der Londoner Bürgermeister Boris Johnson schlossen sich der Forderung an. Vergangene Woche haben hundert Abgeordnete Cameron einen offenen Brief geschrieben, diese Woche hat der ehemalige Verteidigungsminister Liam Fox eine Rede zu dem Thema gehalten. Die meisten der EU-Gegner setzen sich mit der EU zwar nicht auseinander, wollen sich dafür aber umso mehr von ihren "Fesseln lösen".

Camerons Artikel war eine Antwort auf diese Kritiker, "rohes Fleisch für die Hinterbänkler", wie ein Analyst sagt. Der Premierminister wollte seine Partei beruhigen und die Referendumsfrage in den Raum stellen, um sie aufzuschieben: Er will die Krise nutzen, um für Großbritannien mehr Rechte aus Brüssel zurückzugewinnen. Danach kann das Volk abstimmen, so hat er es inzwischen erklärt. Tatsächlich hat er das Gegenteil erreicht: Das ganze Land spricht nun darüber; Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Briten über die Mitgliedschaft ihres Landes in der EU abstimmen möchte, am besten bald.

Je länger die Krise dauert, desto enger rücken die Länder der Euro-Zone zusammen. Und desto weiter rückt Großbritannien ab. Traditionell wünschen sich die Briten ein starkes Europa, das ihnen so wenig wie möglich abverlangt. Aber nun funktioniert dieser Opportunismus nicht mehr: Der Wirtschaftsraum kann nur durch Solidarität gerettet werden. Das nach Bevölkerung drittgrößte Land Europas manövriert sich selbst an den Rand. Es droht sich zu isolieren.

David Cameron bezeichnet sich selbst als "pragmatischen Euroskeptiker", seine Haltung zur EU ist widersprüchlich. Einerseits betont er immer wieder, wie wichtig das Bündnis für sein Land sei. Die britische Wirtschaft leidet unter einer anhaltenden Rezession und kann sich nur erholen, wenn es Europa auch tut: 40 Prozent der Exporte gehen in die Euro-Zone, mehr als drei Millionen Arbeitsplätze hängen daran. Stets fordert Cameron seine europäischen Kollegen dazu auf, enger zusammenzuarbeiten, die Schulden zu teilen und mehr Geld in Rettungsschirme zu investieren.

Andererseits tritt Cameron bei den Brüsseler Krisengipfeln vor allem als Mister No auf: Er hat Nein gesagt zur Fiskalunion, zur Finanztransaktionssteuer und zuletzt zur Bankenunion. Dadurch nimmt Cameron immer weniger Einfluss auf Entscheidungen, die auch sein Land betreffen, wie beispielsweise die Regulierung der Finanzindustrie. Er will nicht Teil der Integration sein, die er gleichzeitig von anderen verlangt. Das macht ihn in Brüssel nicht gerade beliebt.