Es ist eine Geschichte wie aus einem russischen Roman des 20. Jahrhunderts: Da arbeitet ein jüdischer Fotograf viele Jahre wacker im Zarenreich, in Minsk und St. Petersburg, erst diskriminiert, dann allmählich angesehen, aber keineswegs legendär. Nach der Revolution wird er eines Tages zum neuen Führer in den Smolny-Palast gebracht, von dem er eine Porträtaufnahme anfertigt – sein Lenin macht den mittlerweile schon fast 50-jährigen Schöpfer über Nacht berühmt. Millionenfach wird das Foto verbreitet und selbst als Briefmarkenmotiv verwendet. Nun kommen sie alle in sein Moskauer Atelier, die Künstler, Gelehrten, Politiker und Schriftsteller, alle wollen sich ablichten lassen. Und er wird zum Starfotograf der neuen Epoche: Moissej Nappelbaum.

Doch das Romanhafte in seinem Leben beginnt da im Grunde erst: Wie durch ein Wunder entgeht er dem Terror der Stalin-Ära, während so viele seiner Kunden verfemt, verhaftet und vernichtet wurden. Ausgerechnet der Zeugnis ablegende und Seelen ergründende Fotograf, dem sich selbst die Mächtigen für stundenlange Porträtsitzungen unterwarfen, überlebt. Selbst die antisemitische Paranoia des Diktators, die Ende der vierziger Jahre vollends ausbricht und neue Verhaftungswellen auslöst, übersteht Nappelbaum; seine Tochter hingegen kommt für drei Jahre ins Lager. Erneut hatte der Vater Glück: Er konnte sie wiedersehen – hochbetagt stirbt er erst 1958.

Einen zentralen Teil seines Werks präsentiert nun die Berliner Galerie Berinson mit ihrer Ausstellung von Moissej Nappelbaums Porträts der sowjetischen Geisteswelt. Vor zwanzig Jahren erwarb der Galerist Hendrik Berinson seinen ersten Vintage Print von Nappelbaum; seither entstand allmählich eine beachtliche Sammlung, zu der im Herbst ein Katalog erscheinen wird. An die fünfzig seltene Originalabzüge zeigen bedeutende Persönlichkeiten der Jahre zwischen 1920 und 1950 – und endlich kann man auch hierzulande diesen kaum bekannten, doch so bedeutenden Fotografen entdecken. Die Sammlung möchte der Galerist Berinson nun als Ganzes verkaufen, möglichst an eine bedeutende Institution (Preis auf Anfrage).

Entscheidend war für den jungen Nappelbaum, der mit 14 Jahren in seiner Heimatstadt Minsk eine Ausbildung zum Fotografen begonnen hatte, ein Besuch in der Moskauer Tretjakow-Galerie. "Hier war mein Lehrer! Rembrandt! Der Gott des Chiaroscuro!", so schilderte der Fotograf später seine künstlerische Erweckung. Nach einer Studienreise durch die USA kehrte er 1895 nach Minsk zurück, wo er ein Atelier eröffnete. 1910 siedelte er nach St. Petersburg über, erste Erfolge mit seinen Porträts stellten sich ein. Doch erst unter dem roten Stern begann sein eigener weithin zu leuchten.

Typisch für seine expressiven Porträts sind tatsächlich die Hell-Dunkel-Mischungen, die in langwieriger Prozedur und in genialer Lichtregie im Studio entstanden, unter Verzicht auf Tageslicht, mit Schatten im Gesicht oder an der Wand. Ob frontal oder im Profil, ob bloß Gesicht oder mit Körper: Jedes Mal ergeben sich phänomenale Charakterstudien, in scheinbarer, jedoch geduldig erarbeiteter Natürlichkeit. Nachlässig der Anzug, in den Fingern die Zigarette: Sorgfältig arrangierte Nappelbaum seine Porträtierten; gerne zeigt er dabei ihre Hände. Raucher präsentierten sich ohne Scheu: Der burschikos-proletenhaft auftretende Bildhauer Wladimir Tatlin ließ die Fluppe 1928 gleich im Mundwinkel, der melancholische Bohemien Ilja Ehrenburg hatte die Pfeife in der Hand.

Und ernsthaft schaut sie durchweg, die russische Intelligenzija der Sowjetepoche: die großen, dunklen, so tiefgründigen Augen des Dichters Boris Pasternak beispielsweise, der 1929 zu Nappelbaum ins Studio kam; stechend, ja fast manisch hingegen der Blick des bedeutenden Physikers Pjotr Kapiza – Angst und Wahn der Epoche darin. Leidend schaut auch der sowjetische Großschriftsteller Maxim Gorki 1930; dass sein Künstlername übersetzt "der Bittere" lautet, leuchtet vor diesem Bild unmittelbar ein.