Bei der Versicherung
Therapierte haben es schwer, sich gegen Berufsunfähigkeit abzusichern

Wer eine Versicherung gegen Berufsunfähigkeit abschließen will, muss sich auf Herz und Nieren prüfen lassen. Denn die Versicherer möchten vor allem sich selbst absichern und Überraschungen von vornherein ausschließen: Ist etwa schon beim Antrag auf eine Versicherung zu ahnen, dass der Antragsteller seinen Beruf nicht bis zur Rente ausüben kann, sondern vorher aufhören muss? Gibt es eventuelle verborgene Risikofaktoren? Besonders allergisch reagieren die Versicherer in diesem Zusammenhang auf psychische Probleme in der Krankengeschichte. Kein Wunder – in bis zu 40 Prozent aller Fälle sind seelische Erkrankungen der Grund für eine Berufsunfähigkeit.

»Wer aktuell eine Psychotherapie macht, hat praktisch keine Chance, eine Versicherung abzuschließen«, sagt Géza Huber vom Bund der Versicherten (BdV). »Man muss aber auch psychische Krankheiten aus den vergangenen fünf bis zehn Jahren angeben.«

Auf solche Fälle hat sich zum Beispiel der Versicherungsmakler Helge Kühl spezialisiert: »Früher wurden die meisten Anträge abgelehnt. Das wird jetzt allmählich besser.« Manche Versicherer lassen sich immerhin zu einem Vertrag bewegen, der psychische Ursachen vorläufig von einer Leistung ausschließt und eine Nachprüfung vereinbart. »Das ist natürlich ein Risiko für die Versicherten«, sagt Kühl. Zudem würden oft auch psychosomatische Erkrankungen ausgeschlossen. »Da stellt sich dann zum Beispiel die Frage, ob ein Bandscheibenvorfall psychisch bedingt ist.«

Zumindest einige Versicherer differenzieren mittlerweile: Handelt es sich bei einer Therapie um eine einmalige Behandlung, etwa weil jemand den Tod eines Angehörigen verarbeiten muss? Oder geht es um ein wiederkehrendes Leiden? »Bei vielen Versicherern kann man schon ein Problem kriegen, wenn man im Studium vier Therapiestunden wegen Prüfungsangst hatte«, sagt Helge Kühl. Die positiven Effekte einer Psychotherapie – die ja das Risiko einer Berufsunfähigkeit eher senken hilft – würden dagegen in der Branche nicht diskutiert, sagt Géza Huber vom BdV: »Die Versicherer leben lieber mit unentdeckten Depressiven.«

Tricksen bringt jedenfalls nichts. »Eine Therapie zu verschweigen ist fatal«, warnt der BdV-Fachmann. Es besteht dann nämlich kein Versicherungsschutz, und schnell sind 10.000 Euro an Beiträgen weg. Mancher Antragsteller überlegt da, die Behandlung zu verschieben, bis der Versicherungsvertrag unter Dach und Fach ist. »Das habe ich schon von einigen Kunden mitbekommen«, erzählt Kühl. Damit das funktioniert, müsse die Therapie aber sehr weit hinausgeschoben werden. Zudem werde der Versicherer prüfen, ob ein psychisches Problem nicht doch schon vorher bestand. Außerdem: Wer über eine Therapie nachdenkt, braucht meist dringend Hilfe. Daher sagt der Versicherungsmakler: »Gesundheit geht immer vor Versicherung!«

Stefanie Schramm

Am Arbeitsplatz

Am Arbeitsplatz
Gerüchte über psychische Probleme können die Karriere behindern

Das Schild ist so unauffällig beigefarben wie die Hauswand, an der es hängt. »Praxis für Psychotherapie« steht darauf – neben den Klingelschildern der Bewohner des Mehrparteienhauses, dem Eingang eines Kinderladens und eines Friseursalons. »Wir haben keine besonderen Vorkehrungen getroffen, damit unsere Patienten ungesehen in die Praxis kommen, aber wer unser Haus betritt, könnte auch ein ganz anderes Ziel haben, das macht es einigen sicher leichter«, sagt Eva-Maria Schweitzer-Köhn, die hier in Berlin seit 20 Jahren ihre Patienten empfängt. »Auf dem Land ist das wahrscheinlich noch schwieriger, aber auch in einer Großstadt wie Berlin sind psychische Krankheiten nach wie vor stigmatisiert.«

Eine von Schweitzer-Köhns Patientinnen nahm lieber einen einstündigen Anreiseweg zur wöchentlichen Sitzung in Kauf, als das Risiko einzugehen, in der eigenen Umgebung beim Gang zur Therapeutin erkannt zu werden. Ihrer Schwiegermutter sagte die Frau, sie müsse wegen Rückenproblemen zur Massage. Auch in einschlägigen Internetforen wie med1.de oder gesundheitsfrage.net herrscht die Meinung vor, dass man eine Psychotherapie lieber geheim halten sollte.

Dort wird ganz praktisch um Rat gefragt: Er wolle sich im Anlagenbau bewerben, könne aber wegen seiner Therapie einmal die Woche erst eine Stunde später zum Dienst kommen, schildert ein User sein Problem. Die Forumsteilnehmer schlagen Ausreden vor: Die Oma zum Arzt bringen, das Kind abholen, Bluttests wegen Diabetes. Alles scheint besser als das Offenlegen einer psychischen Behandlung.

»Ich weiß, dass auch einige meiner Patienten lieber angeben, zum Arzt oder zur Krankengymnastik zu gehen, und ich würde nie jemanden dafür tadeln«, sagt Schweitzer-Köhn. »Eine Therapie ist eine private Sache, das will und muss man nicht jedem erzählen und schon gar nicht dem Arbeitgeber.«

Bei stationären Aufenthalten oder längeren Krankschreibungen sei es ebenfalls ratsam, den Grund zu verschweigen. Auch wenn sie das offiziell natürlich nicht dürfen, kann es passieren, dass Kollegen ihr Wissen später gegen den Betroffenen verwenden. Mancher Arbeitnehmer redet da lieber von einer Knie-OP oder einem Bandscheibenvorfall. »Allerdings kann es einen zusätzlichen Druck schaffen, eine erfundene Geschichte aufrechtzuerhalten, das tut auf Dauer nicht gut«, sagt Schweitzer-Köhn. »Ich versuche darum immer, Zeiten mit den Patienten zu finden, die außerhalb der Arbeitszeiten liegen, bei denen keiner fragt.« Die Abendtermine in ihrer Praxis sind daher besonders begehrt, und Schweitzer-Köhns eigener Arbeitstag endet später als der vieler anderer: Der letzte Patient geht um 20 Uhr.

Katrin Zeug

Bei der Verbeamtung

Bei der Verbeamtung
Der Staat will sehr genau wissen, mit wem er einen Vertrag auf Lebenszeit schließt

Unter Lehramts- und Jurastudenten kursiert die besorgte Frage: Kann ich nach einer Psychotherapie noch Beamter werden? Oder nimmt es der Staat ähnlich genau wie die Versicherer, die einem zum Teil schon wegen ein paar Behandlungsstunden gegen Stress im Studium Probleme bereiten (siehe oben)?

»Das ist eine Grauzone«, gibt Hans-Werner Rückert zu, Leiter der psychologischen Beratungsstelle der FU Berlin. Der Staat will nämlich sehr genau wissen, mit wem er einen Vertrag auf Lebenszeit schließt. Beamtenanwärter müssen deshalb zur Untersuchung und zur Befragung zum Amtsarzt; der wiederum kann sie um eine Schweigepflichtentbindung bitten und dann Krankenkassen, Ärzte und Therapeuten kontaktieren. Da bleibt dann nichts geheim. Dennoch hält Rückert die Angst vieler Lehramtsanwärtern für übertrieben.

Ähnlich sieht es Thomas Hilbert, Sprecher des Fachausschusses Amtsärztlicher Dienst beim Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes: »Anwärtern, die schon einmal psychische Probleme hatten, wird nicht der Kopf abgerissen.« Dass etwa schon eine Behandlung wegen Prüfungsangst zum Ausschluss führen könne, sei »absoluter Quatsch«. Das Thema sei zum Glück weitgehend »enttabuisiert«.

Allgemein gelte, dass die Amtsärzte jeden Fall einzeln zu bewerten suchten, sagt Hilbert. »Wenn jemand eine schwere Persönlichkeitsstörung oder eine Schizophrenie hat, ist das natürlich ein ernstes medizinisches Problem, das gegen eine Verbeamtung spricht.« Eine Depression hingegen, vor allem eine einzelne Episode, müsse kein Hindernis sein. »Und eigentlich spricht es ja für jemanden, wenn er oder sie eine Therapie gemacht hat.« Ähnlich wie bei Versicherungen gilt auch bei der Verbeamtung: Therapien nicht verschweigen. »Wenn das herauskommt, kann es im Extremfall zur Entlassung führen«, sagt Amtsarzt Hilbert.

Wer dennoch Sorge habe, könne seine Therapiestunden selbst zahlen, um einen Eintrag in die Krankenkassen-Akten zu vermeiden, sagt Studentenberater Rückert. Bei weniger schwerwiegenden Problemen könne man die Zeit bis zur Verbeamtung überbrücken, indem man statt eines Arztes eine Beratungsstelle aufsuche.

Manche Therapeuten notieren zum Schutz des Patienten auch abgeschwächte Diagnosen. »Da wird zum Beispiel eine andere, weniger schwere Störung angegeben oder der Schweregrad abgemildert; es werden bei mehreren Diagnosen die leichteren zuerst genannt oder einige Zusatzdiagnosen einfach gar nicht erwähnt«, sagt der Psychologe Stephan Mühlig von der TU Chemnitz, der 300 Anträge bei den Krankenkassen mit den vertraulichen Berichten der Therapeuten verglich. In der Grauzone der Gesundheitsprüfung für Beamte können solch diagnostische Kniffe durchaus einen Unterschied machen.

Stefanie Schramm