Bei der Verbeamtung
Der Staat will sehr genau wissen, mit wem er einen Vertrag auf Lebenszeit schließt

Unter Lehramts- und Jurastudenten kursiert die besorgte Frage: Kann ich nach einer Psychotherapie noch Beamter werden? Oder nimmt es der Staat ähnlich genau wie die Versicherer, die einem zum Teil schon wegen ein paar Behandlungsstunden gegen Stress im Studium Probleme bereiten (siehe oben)?

"Das ist eine Grauzone", gibt Hans-Werner Rückert zu, Leiter der psychologischen Beratungsstelle der FU Berlin. Der Staat will nämlich sehr genau wissen, mit wem er einen Vertrag auf Lebenszeit schließt. Beamtenanwärter müssen deshalb zur Untersuchung und zur Befragung zum Amtsarzt; der wiederum kann sie um eine Schweigepflichtentbindung bitten und dann Krankenkassen, Ärzte und Therapeuten kontaktieren. Da bleibt dann nichts geheim. Dennoch hält Rückert die Angst vieler Lehramtsanwärtern für übertrieben.

Ähnlich sieht es Thomas Hilbert, Sprecher des Fachausschusses Amtsärztlicher Dienst beim Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes: "Anwärtern, die schon einmal psychische Probleme hatten, wird nicht der Kopf abgerissen." Dass etwa schon eine Behandlung wegen Prüfungsangst zum Ausschluss führen könne, sei "absoluter Quatsch". Das Thema sei zum Glück weitgehend "enttabuisiert".

Allgemein gelte, dass die Amtsärzte jeden Fall einzeln zu bewerten suchten, sagt Hilbert. "Wenn jemand eine schwere Persönlichkeitsstörung oder eine Schizophrenie hat, ist das natürlich ein ernstes medizinisches Problem, das gegen eine Verbeamtung spricht." Eine Depression hingegen, vor allem eine einzelne Episode, müsse kein Hindernis sein. "Und eigentlich spricht es ja für jemanden, wenn er oder sie eine Therapie gemacht hat." Ähnlich wie bei Versicherungen gilt auch bei der Verbeamtung: Therapien nicht verschweigen. "Wenn das herauskommt, kann es im Extremfall zur Entlassung führen", sagt Amtsarzt Hilbert.

Wer dennoch Sorge habe, könne seine Therapiestunden selbst zahlen, um einen Eintrag in die Krankenkassen-Akten zu vermeiden, sagt Studentenberater Rückert. Bei weniger schwerwiegenden Problemen könne man die Zeit bis zur Verbeamtung überbrücken, indem man statt eines Arztes eine Beratungsstelle aufsuche.

Manche Therapeuten notieren zum Schutz des Patienten auch abgeschwächte Diagnosen. "Da wird zum Beispiel eine andere, weniger schwere Störung angegeben oder der Schweregrad abgemildert; es werden bei mehreren Diagnosen die leichteren zuerst genannt oder einige Zusatzdiagnosen einfach gar nicht erwähnt", sagt der Psychologe Stephan Mühlig von der TU Chemnitz, der 300 Anträge bei den Krankenkassen mit den vertraulichen Berichten der Therapeuten verglich. In der Grauzone der Gesundheitsprüfung für Beamte können solch diagnostische Kniffe durchaus einen Unterschied machen.

Stefanie Schramm