Die für die europäische Kultur wichtigste und zugleich bedrohlichste Veränderung ist aber den europäischen Nationen überhaupt noch nicht bewusst. Ich spreche von der eindeutig bevorstehenden Gefahr einer Marginalisierung der europäischen Kultur. Denn die Explosion der Weltbevölkerung im Laufe des 20. Jahrhunderts ist noch immer nicht beendet! Gleichzeitig finden aber in allen europäischen Nationen Überalterung und Schrumpfung statt. Unsere Geburtenraten liegen seit Jahrzehnten weit unter der Bestandserhaltung.

Zweihundert Jahre haben die Europäer und Nordamerikaner das Schicksal fast der ganzen Welt bestimmt, sie hatten im 19. Jahrhundert sogar China kolonisiert. Aber seit dem Beginn des vorigen Jahrhunderts ist die Weltbevölkerung um 400 Prozent gewachsen, von 1,6 Milliarden auf 6 Milliarden Menschen. Und sie wird bis zur Mitte dieses Jahrhunderts auf 9 Milliarden Menschen ansteigen. Die Bevölkerung der europäischen Nationen zusammen wird in diesem Zeitraum auf ganze 7 Prozent der Menschheit absinken. Und keine der europäischen Nationen wird auch nur ein einziges Prozent ausmachen. Der Anteil der Europäer an der globalen Wertschöpfung wird binnen vier Jahrzehnten auf 10 Prozent absinken – 1950 hatte er noch 30 Prozent ausgemacht.

Die demografischen Veränderungen werden auch die USA betreffen; denn in der Mitte dieses Jahrhunderts werden Latinos und Afroamerikaner die Mehrheit der Wählerschaft darstellen. Und sie werden weniger außenpolitisch an Weltordnung und Weltmacht interessiert sein als vielmehr an innenpolitischer Gleichheit der sozialen Chancen.

Die Konsequenz für uns Europäer ist heute bereits ziemlich deutlich zu erkennen: Entweder setzen wir unsere Finanzkrise fort und kämpfen als einzelne Staaten um unser nationales Schicksal – mit schwindender Aussicht auf Erfolg. Oder wir finden zurück zum Konzept des fortschreitenden europäischen Verbundes.

Es gibt zwingende Gründe für die europäische Integration

Aber auch dann ist der Erfolg nicht binnen weniger Jahre zu erwarten. Wir brauchen Vernunft und Tatkraft – und Geduld. Denn nicht nur unsere Ökonomie ist gefährdet. Auch die kulturellen Werte der Europäer, die Würde und die Freiheitsrechte jedes einzelnen Menschen, die Werte der Aufklärung und der demokratische Sozialstaat stehen auf dem Spiel.

Wir Europäer stehen im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts vor einer notwendigen Erkenntnis: Während seit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gute, ja zwingende Gründe der europäischen Geschichte uns zur Absicht der gegenseitigen Integration der Völker Europas geführt haben, während die große Hilfe Amerikas dabei von entscheidender Bedeutung gewesen ist, so werden in diesem Jahrhundert die weltweiten Prozesse uns Europäer gebieterisch zum Zusammenschluss drängen.

Wir werden dabei trotz Hitler, trotz Kolonialismus und Imperialismus, trotz Stalin, trotz Nero die Werte der alten Griechen und des Hellenismus festhalten, festhalten an Cicero und Marc Aurel, festhalten an den europäischen Grundwerten und Grundschriften, festhalten am Erbe Dante Alighieris und William Shakespeares. Wir wollen weder Rousseau noch Montesquieu aufgeben, weder Erasmus noch David Hume, noch Immanuel Kant. Wir wollen Abraham Lincoln die Treue halten und ebenso der Nähe zu Nordamerika.

Wir wollen unsere nationalen Identitäten bewahren – aber wir werden sie überwölben müssen durch das gemeinsame Zusammengehörigkeitsbewusstsein der Europäer. Wir werden allerdings lernen müssen, den Aufstieg Chinas, Indiens oder Brasiliens in Gelassenheit zu ertragen – und ebenso den Aufstieg Indonesiens und ebenso anderer muslimischer Staaten. Und die Europäische Union wird kaum zu einer Weltmacht zusammenwachsen.