Das Landgericht Köln hat, wie berichtet, die Beschneidung eines Vierjährigen verurteilt. Die muslimischen Eltern hatten sie als religiöses Ritual gewollt, ein muslimischer Arzt hatte sie ausgeführt. Das Urteil unterscheidet: Die Tat sei rechtswidrig, aber den Täter treffe keine Schuld. In diesem Richterspruch sieht Robert Spaemann "einen beispiellosen Angriff auf die Identität religiöser Familien" (ZEIT Nr. 28/12). Was bewegt ihn, dermaßen heftig das Urteil zu kritisieren?

Die Antwort gibt er gleich im ersten Absatz. Er sieht "einen mächtigen Trend innerhalb der westlichen Welt", der im Urteil Ausdruck finde, und fordert dagegen "Widerstand". Denn das "eigentliche" Motiv, meint Spaemann, das "hinter dem Urteil und vor allem hinter der Argumentation seiner öffentlichen Verteidiger" steckt, sei dies: "Das Hintergrundargument scheint mir zu sein, dass religiöse Erziehung von Kindern überhaupt verschwinden müsse, weil sie die spätere religiöse Selbstbestimmung präjudiziere und beeinträchtige."

Ich bestreite das. Die drei Richter, der Staatsanwalt, die "öffentlichen Verteidiger" des Richterspruchs – unter ihnen allen ist vermutlich nicht einer, der etwas gegen religiöse Erziehung einzuwenden hätte. Was sie verurteilen, ist allein die empathielose Bagatellisierung dessen, was man wehrlosen Kindern mit der Beschneidung antut, und die darin liegende Missachtung des Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit. "Dass ohne anfängliche Fremdbestimmung es nie eine Selbstbestimmung geben kann" (Spaemann), das ist zweifellos wahr – aber es ist kein Argument für das Recht der Eltern, ihrem Kind die Vorhaut abzuschneiden. Wer dieses Recht bestreitet, kann dennoch entschieden dafür sein, dass Eltern ihre Kinder zu einem "Leben im Glauben" erziehen.

Es will auch niemand "die Eingliederung in eine religiös begründete Gemeinschaft" verhindern. Manche Juden und Muslime nehmen durchaus am Leben ihrer Gemeinde teil, scheuen aber die Vorhautamputation und wollen sie der späteren Entscheidung ihres Sohnes überlassen. Der Geistliche wird die religiöse Betreuung des Kindes gewiss nicht verweigern. Wenn den Eltern dennoch eine solche Intoleranz begegnen sollte, dann könnte man ihnen nur raten, sich abzuwenden und ihrem Standpunkt treu zu bleiben.

Die Richter und die Verteidiger des Kölner Urteils haben nichts dagegen, dass ein "Initiationsritus" die religiöse Erziehung einleitet. Eine symbolische Beschneidung, etwa durch Berührung der Vorhaut mit einem Messer, würden sie genauso gutheißen wie das Übergießen mit Wasser bei der Kindstaufe. Kurzum, Spaemann wittert Feindseligkeit gegen die "religiöse Erziehung von Kindern", wo seine Gegner in Wahrheit nur fordern, dass man Grundrechte respektiere und Gesetzen gehorche.

Spaemann relativiert das Recht auf körperliche Unversehrtheit, indem er es der Abwägung gegen die "Religionsfreiheit" und das "Erziehungsrecht" aussetzt. Das ist nur insofern richtig, als man erwägen muss, ob eines dieser anderen Rechte die Körperverletzung, obwohl medizinisch nicht indiziert, zu begehen erlaubt. Was die Religionsfreiheit betrifft, so stellt der Artikel 140 des Grundgesetzes klar, dass "Rechte und Pflichten ... durch die Ausübung der Religionsfreiheit weder bedingt noch beschränkt" werden. Das bedeutet: Die Ausübung unserer Religion erlaubt uns auch nicht den kleinsten Eingriff in fremde Rechte und entbindet uns von keiner Rechtspflicht. Darum begeht das Delikt der unterlassenen Hilfeleistung, wer fromm seinen Rosenkranz weiterbetet, obwohl ein Unglücksfall seine Hilfe erforderlich macht.

Zu Recht betont Spaemann, dass das Recht der Eltern, über "Pflege und Erziehung der Kinder" zu bestimmen (Art. 6 Abs. 2 GG), vom "Wohl des Kindes" begrenzt wird (§ 1627 BGB). Das Kind ohne gesundheitliche Notwendigkeit körperlich zu verletzen ist natürlich gerade gegen sein Wohl gerichtet. Hier beruft sich nun mancher darauf, dass die Beschneidung für das Kind zum Ausgleich der körperlichen Schädigung die seelischen und sozialen Vorteile der religiösen Integration mit sich bringe. Aber diese Integration ist nicht anzuerkennen als Förderung des Kindeswohls und darum auch untauglich, den Beschneidungsakt zu rechtfertigen. Man sieht das schon daran, dass das Familiengericht niemals die Nichtintegration als "Gefährdung des Kindeswohls" bewerten und niemals die Taufe oder die Beschneidung des Kindes zur Pflicht machen würde.

Jeder hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit

Elterliche Entscheidungen, die die Religion des Kindes betreffen und im Rahmen des Grundgesetzes liegen, positive wie negative, sind ohne Auswirkung auf das Kindeswohl. Sie sind insoweit neutral, denn man kann schlechterdings nicht wissen, was auf lange Sicht für die Entwicklung des Kindes herauskommt, wenn Eltern es in eine Glaubensgemeinschaft einbinden oder dies gerade vermeiden.

Den "beispiellosen Angriff auf die Identität religiöser Familien", den Spaemann behauptet, hätte das Landgericht allenfalls dann unternommen, wenn es mit seinem Urteil der Freiheit der Eltern, ihr Kind beschneiden zu lassen, gegen Gesetz und Recht Grenzen gezogen hätte. Spaemann erkennt das und versucht, die Beschneidung als eine Lappalie, vergleichbar einer Masernimpfung, erscheinen zu lassen. "Falls man die Sache überhaupt zu einem Grundrechtskonflikt hinaufsteigern will, kann die Abwägung nur zugunsten der Freiheit der Eltern ausfallen."

Unvoreingenommene Erwägungen auf dem Boden des Grundgesetzes ergeben allerdings genau umgekehrt die Pflicht der Eltern, die Beschneidung zu unterlassen. Sie bestätigen das Kölner Urteil, das Rafael Seligmann als "Provinzposse" verhöhnt hat. Andere aber loben es, zum Beispiel Memet Kiliç, integrationspolitischer Sprecher der Grünen: "Ich verstehe das Urteil als Denkanstoß, der der Justiz in einem säkularen Staat durchaus zukommt. Wenn alle Religionen gemeinsam sich gegen den Richterspruch wenden, kommt bei mir der Verdacht auf, sie verteidigten ihren eigenen Machtbereich. Die Glaubensgemeinschaften, die auf den Stammvater Abraham zurückgehen, fordern zum Gebrauch der Vernunft auf. Das heißt: Neue Einsichten erlauben es, alte Praktiken zu ändern."

Was folgt daraus? Wer sich mit den Problemen der Vorhautabtrennung vorurteilsfrei befasst und den Mut hat, die Beschneidungstradition zu kritisieren, der muss Spaemanns Verharmlosung entgegentreten. "Die Entfernung der Vorhaut", so zum Beispiel Matthias Franz, Facharzt für psychosomatische Medizin an der Universität Düsseldorf, "stellt ein Trauma dar und kann zu erheblichen körperlichen, sexuellen oder psychischen Komplikationen und Leidenszuständen bis ins Erwachsenenalter führen."

Nichts gegen die Beschneidung! Nur verlangen Vernunft und geltendes Recht, dass man sie auf medizinisch notwendige Fälle beschränkt und den Betroffenen selbst entscheiden lässt, sobald er dies eigenverantwortlich kann. Jeder hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit. So sagt es das Grundgesetz, verbindlich für uns alle, die wir in Deutschland leben – unabhängig von Religion und Weltanschauung.