Pink slime, rosa Schleim, sind fein gemahlene, hoch erhitzte Schlachtungsreste von Rindern, die Hamburgern beigefügt werden. Das macht die Buletten billiger.

Etwas Ähnliches gibt es nun im Journalismus. Um auch in der digitalen Zukunft glänzende Gewinne einzustreichen, krempeln Verleger in den USA den klassischen Journalismus um: Sie sparen Reporter und Redakteure ein, die den Content, also den Inhalt, liefern und Geld kosten. Zu viel Geld, finden die Verlage. Eine ganze Branche arbeitet nun daran, das zu ändern.

Dazu zählt Journatic, ein Unternehmen, das Journalisten engagiert, um Lokalnachrichten, Sportberichte und Nachrufe zu schreiben, als Quelle dienen ihnen häufig öffentlich zugängliche Internetseiten von Polizei, Vereinen, Organisationen oder Behörden. Das Ergebnis verkauft Journatic dann an Zeitungen wie die Chicago Tribune, den San Francisco Chronicle oder New York Newsday . Journatic und seine Schwester-Website Blockshopper, die über Immobilien berichtet, wurden 2006 von Brian Timpone und Eddie Weinhaus gegründet. Timpone ist Absolvent der Missouri School of Journalism, Weinhaus hat an der London School of Economics graduiert. Journatic zahlt zehn Dollar pro Stunde, brutto und ohne Krankenversicherung.

Aber offenbar besorgen sie sich ihren Stoff häufig sogar noch billiger. Das fand Ryan Smith heraus, ein freier Journalist aus Chicago, der für beide Websites Artikel redigierte. Die waren, so fiel ihm auf, voller Fehler und in schlechtem Englisch geschrieben. Als er sich bei seinem Chef darüber beschwerte – den er nie zu Gesicht bekam; die Kommunikation fand meist über YouTube statt –, meinte der, er solle doch nachsichtig sein, denn diese Schreiber säßen schließlich auf den Philippinen. Weil die Leser in Amerika darüber aber die Nase rümpfen würden, würden die Artikel unter amerikanischen Pseudonymen erscheinen – so wie sich die Callcenter-Mitarbeiter aus Indien Jill oder Jack nennen.

Smith wandte sich an This American Life, ein Magazin im öffentlich-rechtlichen Radio, und an das Journalismus-Institut Poynter. Die Journalisten dort stellten fest, dass die Filipinos nur 35 bis 40 Cent pro Artikel bekämen und dass Journatic auch aus Osteuropa, Brasilien und Afrika beliefert würde. Journatic-Gründer Timpone verteidigte seine Firma: Die Filipinos schrieben keine Artikel, sagte er zu This American Life. Sie sammelten nur Informationen und tippten dann ein paar Absätze als "ersten Entwurf". Er sieht sich auf einer Mission, den Journalismus zu retten. Seine Leute in Übersee wühlten sich durch Unmengen von Daten, die von Rathäusern, Polizeistationen oder Sportvereinen ins Netz gestellt würden, das entlaste die Journalisten vor Ort, die nun investigativ arbeiten könnten.

Journatic hat Erfolg: Die Chicago Tribune beschäftigte einmal 40 Lokaljournalisten, die die Vororte abdeckten. Über Journatic bekommt das Blatt nun ein Vielfaches an Content geliefert, und die Website wird öfter angeklickt, bei deutlich geringeren Kosten, denn die Hälfte der Lokalreporter wurde entlassen. Und so expandiert Journatic weiter. Für die Firma arbeiten allein in Amerika 50Angestellte und 200 Freiberufler. Alle sind angewiesen, am Telefon so zu tun, als säßen sie in der Stadt, über die sie berichten. Timpone will bald 100.000 Artikel pro Woche für "Dutzende von Auftraggebern" produzieren. Zwar sprangen einige Zeitungen ab, als herauskam, wo der Content herkommt, aber das schlägt nicht sonderlich zu Buche. Als Reaktion verzichtet Journatic nun gänzlich auf Autorenzeilen.

Auf die Spitze treibt es Demand Media, gegründet von Shawn Colo und Richard Rosenblatt, dem früheren Vorstand von MySpace. Demand Media verknüpft Content mit Auftritten bei Social Media. Den Schreibern, die 15 bis 20 Dollar für einen Artikel bekommen, werden die Themen vorgegeben. Und zwar solche, die sowohl hohe Klickwerte als auch hohe Anzeigenvolumen versprechen. Zu Demand gehören auch die Ratgeber-Website ehow.com und cracked.com. Demand verwaltet zudem zehn Millionen Domainnamen. Derzeit bewirbt sich die Firma bei Icann um neue Endungen wie .gay, .actor oder .democrat. Anfang 2011 ging Demand Media an die Börse, die Firma ist heute eine knappe Milliarde Dollar wert.

Auch Narrative Science wird bald an die Börse gehen, vermutet die Investmentbank Goldman Sachs. Die Firma sitzt ebenfalls in Chicago, die Gründer Kristian Hammond und Larry Birnbaum stammen aus Uni-Kreisen – Hammond, ein Professor für Computerwissenschaften, hat das Artificial Intelligence Laboratory der University of Chicago gegründet, während Birnbaum an der Northwestern University Medienwissenschaft lehrte. Auch Narrative Science will Journalismus kostensparend revolutionieren: mit Robotern. Die Firma bietet von Computern geschriebene Stücke an, ursprünglich über Sportereignisse, inzwischen aber auch über Finanzen, in Kooperation mit dem Wirtschaftsmagazin Forbes. Seit Neuestem schreibt die Software auch Restaurantkritiken aus Quellen im Internet zusammen. Dem Computermagazin Wired sagte Hammond, in 15 Jahren würden 90 Prozent aller Artikel von Computern produziert; und in fünf Jahren bekäme der erste Roboter den Pulitzer-Preis.

Wer nun glaubt, Computer berichteten wenigstens objektiv – weit gefehlt. Den ersten Auftrag bekam Narrative Science von einem Sportsender, der Berichte über Football haben wollte. Bald beschwerte sich der Sender, dass die großen Teams – mit den meisten Fans – nicht immer positiv dargestellt würden. Das Programm wurde daraufhin nach den Wünschen des Senders manipuliert. Das Gleiche geschah, als Narrative Science anfing, über Schulsport zu schreiben, denn die Eltern wollten nicht über die Fehler ihrer Kinder lesen. Auch das wurde korrigiert. Vor einigen Jahren wollten US-Zeitungskonzerne Geld sparen, indem sie Eltern selbst über die Sportwettbewerbe ihrer Kinder berichten ließen. Davon hört man inzwischen verdächtig wenig.