Nachdem ich lange Zeit vor dem Nahblick in ferne chaotische Gebiete ausgewichen war und meine demokratiekonforme Schreibe Lob gefunden hatte (außer bei den betroffenen Regimen), beschloss ich, die Herausforderung anzunehmen und das Land, das mir zu Füßen liegt (von unserer Basler Dachwohnung aus gesehen), schonungslos anzuschauen – und zwar aus der Sicht der hier lebenden Fremden. Der Humor sollte mir dabei als Engel beistehen. Ein Rezensent schrieb "Skandal", eine Kritikerin "Provokation", allerdings jeweils mit einem "kein(e)" davor. Aber die Negation ist bekanntlich versteckte Affirmation.

Hinzu kommt der erschwerende Umstand, nicht in Konolfingen geboren zu sein – am Geburtsort meines Lieblingsschriftstellers besuchte ich bloß das Flüchtlingsheim. Auch endet mein Name nicht auf -matt, zudem kann ich weder Basel- noch ein anderes gutturales Dütsch, sondern nur Deutsch mit einem slawischen Akzent. Ein paar andere Sprachen natürlich auch, aber die wiegen den Dialektmangel niemals auf. Man kann mich folglich nicht liebevoll "Nestbeschmutzerin" nennen. Mein Tun kommt im Duden gar nicht vor. Für Nachahmer schlage ich vor: "Nestbeschmutzung durch ein Kuckucksei". Der Verlag war sich der Gefahr bewusst und hat die Warnung nicht klein, sondern gleich groß gedruckt. Der Titel Die undankbare Fremde weist auf das doppelbödige Programm hin – beide Gegenspieler, die Protagonistin und das Land, bleiben unversöhnlich bis kurz vor dem Happy End.

Seit ein paar Monaten beobachte ich Die undankbare Fremde auf ihrer Wanderschaft. Meine jugendliche Heldin sei eine "furchtbare Rotznase", "eine anstrengende Frau", erfuhr ich, und jemand mit Sinn fürs Maß rief ihr zu: "Jetzt übertreibst du’s aber." Eine futterneidische Kollegin warf mir vor, für diese Abrechnung mit der ausgezeichnet funktionierenden Schweiz hätte ich Fördergelder bekommen. Und manch ein Kritiker hat sich gewünscht, das Gemotze würde sich bald legen, aber nein, es zog sich immer weiter wie bei Thomas Bernhard, sagte eine Literaturexpertin im Schweizer Fernsehen. Sie gab zu, Freude zu haben an der nicht enden wollenden treffsicheren Bosheit. Ein mutiges Buch sei das. Sie ist allerdings eine Deutsche und rächt sich bloß für die hiesige Deutschfeindlichkeit.

Der Vorteil von einer, die nicht in Konolfingen das Licht der Heimeligkeit erblickt hat, liegt darin, dass sie nicht aus der warmen Mitte verstoßen werden kann. Fürs Motzen eine ideale Position, die kühle Luft am Rand der Gesellschaft regt das Denken an. Doch nein, der Durchzug bekomme mir nicht gut, mit den Jahren werde man bequem, hörte ich bei Lesungen: "Sie sind inzwischen hier sicher heimisch geworden." Oder streng: "Sind Sie jetzt endlich ruhig geworden?" Der ritterliche Moderator zückte gleich das Schwert: "Hoffentlich nicht!" Ein erfahrener Radiokritiker wusste Bescheid, in welch knapper Schonfrist die Emigration zu bewältigen sei. Milde Altersprosa hätte er von einer 62-jährigen Autorin erwartet. Er hat von Margarete Mitscherlich-Nielsens Erkenntnis Die Radikalität des Alters wohl noch nichts gehört.

Es hagelte Integrationsversuche. Die Forderung meiner Heldin – ein Recht auf Fremdheit – legten sich einige so aus: "Sie sind also dagegen, dass die Einwanderer sich anpassen? Wollen Sie Parallelgesellschaften?" Dabei erzählt meine Heldin bloß eine schlichte, aber unbequeme Wahrheit – dass das Hineinwachsen in eine neue Kulturhaut schmerzt und die Auseinandersetzung damit nie endet. Stellen wir uns folgende Kritik vor: "Ich hätte mir gewünscht, Romeo und Julia würden glücklich werden, und zwar schon im dritten Kapitel." Mein Roman behandelt die Liebe der anderen Art (die Heldin fühlt sich, als sei sie mit dem Gastland zwangsverheiratet), und diese kann offenbar nicht der schönen Literatur überlassen werden. Das Thema der Einwanderung ist nämlich politisch und macht Angst. Ein Obwaldner Zuhörer erklärte es so: "Wir fürchten, die Fremden könnten uns etwas wegnehmen." Wer meint, alles zu haben, sieht die Geschenke der Fremden nicht und verarmt erst recht.

Auch Betroffene schalteten sich in den Expertenstreit ein. Auf die bange Frage "Wo ist Ihre Heimat?" zitierte ich aus dem Buch: "Ich heiße Emigrazia. Meine Heimat ist Ausländerin. Von hier lasse ich mich nicht mehr emigrieren." Ein Schock für jene, die hoffen, eines Tages doch noch ankommen zu können. Nein, mein Happy End ist anders: Es ist die Annahme des ewigen Schwebezustandes. Das erfordert wachsames Balancieren am Hochseil und kann lebensgefährlich sein. Eine Kritikerin mit Exilerfahrung sah die Seiltänzerin auf dem Buchumschlag als "die Fremde schlechthin bis zur Perfektion dressiert, ihres eigenen Ichs entledigt, führt sie die beigebrachte Übung bravourös vor". In einer anderen Besprechung wurde diese Haltung als modern gewürdigt: "Zusammenbruch und Fundstücke: Die Icherzählerin ist eine Collage, die sie selber gestaltet. Das utopische Projekt unserer Zeit. Keine trügerischen Zugehörigkeiten, auch kein Fremdheitsgedusel. Eine unsentimentale Fremdheit als Wahl."