Denk nicht mal dran!«, warnte der ältere Bruder, als Rafi ihm seinen Plan verriet. Der Onkel erklärte: »Du bist ein Träumer!«, wobei er Rafi nur mit halbem Ohr zuhörte. Verrücktheiten eines Kindes, dachte er bei sich. Die Mutter dagegen schaute ihrem Sohn lange in die Augen. Der 17-jährige Rafi ist ihr Kleinster. »Mein Junge«, sagte sie ernst, »du wirst uns alle ins Unglück stürzen.«

Der Tag, an dem die Welt in Jabreel, einem Vorort von Herat, Afghanistan, aus ihrer Ordnung bricht, ist der 6. Juli 2011, ein Mittwoch. An diesem Tag entschließen sich Rafi Mohammed und seine heimliche Freundin Halima Mohammedi, ihren Liebesplan allen Warnungen zum Trotz durchzuziehen. Dieser Plan ist denkbar schlicht. Halima, deren Familie die Liebe des Mädchens zu Rafi nicht billigt, verlässt am Nachmittag das Haus ihrer Schwester, in der Hand das Handy, das sie ihr gestohlen hat. Sie tritt auf die Straße und wartet auf den jungen Mann, der zur vereinbarten Uhrzeit mit einem Wagen kommen und sie mit ihrer Einwilligung entführen soll. Doch Rafi ist nicht pünktlich, er ist im Verkehrschaos stecken geblieben, also ruft sie ihn an und fragt, wo er denn bleibe. Das Zeitfenster zur Flucht ist klein, jeden Moment kann Halimas Abwesenheit bemerkt werden. Deshalb spricht Halima ganz aufgeregt und mit viel zu lauter Stimme. Auf diese Weise erfahren die Umstehenden von Halimas Plan – und solche Pläne sind in Afghanistan gefährlich.

Es sind vor allem junge, auf Kundschaft wartende Rikschafahrer, die nun hören, dass sich ein Mädchen aus Jabreel ohne Erlaubnis der Eltern mit einem Jungen davonmachen will – noch dazu mit einem Jungen, der nicht einmal aus dem Viertel kommt.

Als Rafi endlich vorfährt und Halima einsteigt, blockieren plötzlich ein halbes Dutzend Rikschas den Weg. Hunderte aufgebrachter Menschen umringen den Wagen. Hände greifen ins Innere des Toyota, zerren an Rafi, kratzen ihm blutende Wunden. Rafi wehrt sich, doch immer mehr Hände drängen durch die Wagentür nach, reißen ihn schließlich heraus, in den Staub der Straße. Bevor seine Ohren sich mit warmem Blut füllen, hört Rafi noch die Rufe. »Hängt sie auf! Tötet sie!«

Fäuste schlagen auf ihn ein, Füße treten ihn, in den Bauch, die Rippen, auf den Kopf. Rafis Nase bricht, die Augen schwellen zu, er windet sich schreiend. Die Masse der Schläger füllt die Straßenkreuzung. »Sie hätten die beiden umgebracht«, erinnert sich später der Polizeikommandeur gegenüber der ZEIT. Seine Männer sind es, die das Paar schließlich dem Mob entreißen.

Hastig werden Rafi und Halima auf die Wache in Sicherheit gebracht. Doch die wütende Menge drängt nach. Eine Wand aus Körpern drückt gegen das Metalltor der Polizeistation. Alles gerät außer Kontrolle. In den Straßen von Jabreel wird jetzt geschossen. Unter die Demonstranten mischen sich auch Soldaten der afghanischen Streitkräfte auf Heimaturlaub, sie schleudern Handgranaten auf die Wache. Längst kämpfen die acht Polizisten, die sich im Gebäude verschanzen, nicht mehr nur um das Leben des unglücklichen Paares, sondern um das eigene. Als alles vorbei ist und Halima und Rafi knapp mit dem Leben davongekommen sind, haben Polizisten versehentlich einen 19-jährigen Schüler erschossen, Dutzende Menschen verhaftet, zahllose verletzt. Und aus Jabreel steigen Rauchsäulen auf.

»Was wird nur aus uns werden?«, hatte Halima am Vorabend ihren Rafi am Telefon gefragt, und er hatte ihr versprochen: »Es wird alles gut. Irgendwann werden sie uns verzeihen.« Zwei Jahre lang hatten Rafi und Halima an ihren Fluchtplänen gefeilt, sie in nächtelangen Telefonaten besprochen, darüber gelacht, geweint, verschiedene Varianten im Geiste durchlebt und wieder verworfen. Beide sind 17 Jahre alt, er ein Tadschike und damit Sunnit, sie eine Hazara und daher Schiitin – Angehörige zweier Stämme, die seit Jahrzehnten verfeindet sind. Aber sie haben in sich etwas entdeckt, das die meisten ihrer Verwandten, ja die meisten Afghanen nie kannten und das viele fürchten wie einen bösen Fluch: die Liebe.

Der Richter verurteilt sie zu einem Jahr Gefängnis – nur weil sie sich trafen

Nie zuvor war Afghanistan in so großer Umwälzung. Überall im Alltag lösen sich die alten Werte auf. Die Mobiltelefone machen jeden für jeden erreichbar, über alle Lehmmauern hinweg. Die Leute sehen Filme aus Indien, ungeheuerliche Bilder, auf denen Menschen einander küssen und zärtlich berühren. Männer und unverschleierte Frauen begegnen sich zu Zehntausenden in Universitäten und in Fabriken, die an den Stadträndern hochgezogen werden. Menschen, die nach den Konventionen einander nie hätten begegnen dürfen, lernen sich jetzt kennen – und lieben. Und ein Teil der Jugend definiert sein Lebensglück neu: den Ehepartner selber wählen, den Beruf oder auch nur die Art, die Haare zu frisieren.

Andere Jugendliche klammern sich verzweifelt an das Althergebrachte. Sie kämpfen gegen den Bruch mit den Traditionen, sie tun es mit Worten, mit Stöcken, mit Messern, mit Gewehren. »Wir erleben gerade ein schockierendes Anwachsen der Gewalt«, klagt Suraya Subhrang, die Sprecherin der Menschenrechtsorganisation Afghan Independent Human Rights Commission. Es herrscht Krieg in Afghanistan – aber nicht nur der gegen die Taliban, von dem die ganze Welt weiß. Ein zweiter, stiller Krieg tobt in den Familien. Die Fronten dieses Krieges verlaufen nicht an Hügelketten oder Flüssen entlang, sondern durch die Wohnzimmer, durch die Schlafzimmer, durch die Kinderzimmer afghanischer Familien, und sie werden selten öffentlich. Dieser neue Krieg wird mit dem Abzug der Nato nicht enden. Dieser Krieg hat gerade erst begonnen.

»Du hast nicht auf mich gehört«, sagt Rafis älterer Bruder. Die beiden sitzen mit gesenkten Schultern auf dem betonierten Gefängnishof in Herat. Rafi meidet den Blick des Älteren. Er sieht über die Mauerkrone, wo am Himmel Nato-Flugzeuge Kondensstreifen ziehen. »Mutter weint jede Nacht. Sie faucht deine kleinen Schwestern wegen jeder Kleinigkeit an.« Der Plan, mit dem Rafi und Halima sich die Freiheit erzwingen wollten, hat sie hinter die Mauern der »Besserungsanstalt für Jugendliche« gebracht. Es ist jetzt Ende Oktober. Vier Monate sind vergangen, seit das Paar in Jabreel vom Mob gestoppt wurde. Dieselben Polizisten, die sie gerettet haben, führten sie später in Handschellen und Fußketten hierher. »Ihr habt das Gesetz gebrochen«, sagten sie ihnen. Die Anklage lautete auf »versuchten vorehelichen Geschlechtsverkehr«, nach Paragraf 29 Strafgesetzbuch. Seither leben Rafi und Halima im selben Gebäude, aber streng getrennt in unterschiedlichen Trakten. Seit ihrer Festnahme haben sie sich nicht gesehen.

Am Vortag hat das Berufungsgericht in Herat die Haftstrafe für beide von einem halben Jahr auf ein ganzes erhöht. Das Vergehen des Paares sei besonders schwer, da es sich bereits zwei Jahre lang heimlich getroffen habe. »Glaubst du, sie weiß schon davon?«, fragt Rafi seinen Bruder. »Ich hab Angst, wie sie reagieren wird.«

»Es wäre doch das Beste, ich wäre tot«, flüstert Halima im Mädchentrakt, fünfzig Meter von Rafi entfernt. Sie schaut auf die Spitzen ihrer Finger, die Hände liegen im Schoß. Heute Morgen hat sie vom Urteil erfahren. »Sie sagen, wir sind Verbrecher. Aber das sind wir nicht.« Im Zellengang hinter ihr hallt das Brüllen der anderen Mädchen. 34 weitere junge weibliche Gefangene sind mit ihr hier eingesperrt. Ständig gibt es Streit und Zank. Zusammengepfercht auf engstem Raum, ziehen sie einander kreischend an den Haaren, schlagen sich ins Gesicht, rangeln mit der Gefängniswärterin. »Huren!«, rufen die Wärterinnen. Die meisten Insassinnen haben das gleiche Verbrechen begangen wie Halima. Sie haben sich in den Falschen verliebt.

Da ist die 15-Jährige, die einen 50-Jährigen heiraten musste und sich dann in einen gleichaltrigen Jungen verguckte. Eine andere wurde von ihrem Vater dabei erwischt, wie sie Textnachrichten mit einem jungen Mann austauschte. Das genügte den Richtern, um sie für ein Jahr einzusperren. Die Jungs sind oft ebenfalls hier in der Besserungsanstalt – unter dem Druck der Familien haben sie sich alle von ihren Freundinnen losgesagt. Alle – bis auf Rafi. Rafi sagt immer noch: »Ich liebe sie, aber sie liebt mich zehnmal mehr.« Dieser Glaube hält Halima am Leben.

Rafi und Halima sahen sich das erste Mal vor zwei Jahren in jener Eiscremefabrik, in der sie beide arbeiteten. »Seine Augen«, sagt sie. »Ihr Witz«, sagt er. Halima kommt aus einer armen Familie, ihre Mutter starb, da war sie sieben. Das Unglück verbindet sie mit Rafi. Dessen Vater ist ermordet worden, da war er noch nicht zehn. Halimas Vater heiratete wieder, doch die neue Frau verstand sich nicht mit Halima. Die beiden stritten immerzu. Die Fabrikarbeit befreite Halima regelrecht, gab ihr Luft zum Atmen. Der Fabrikant schätzt die Frauen, die er beschäftigt, und auch die Kinder. Bei diesen niedrigen Löhnen findet er nicht mehr genügend Männer für die Arbeit. Herat ist Afghanistans Industriestadt. Die Fertigungshallen wachsen weit in die Wüste am Stadtrand hinein. Motorräder und Traktoren werden hier montiert, Säfte abgefüllt und »SuperCola«. »Ich habe die Arbeit gemocht«, erinnert sich Halima. Und irgendwann, nach vielen tiefen Blicken, hat sie den entscheidenden Schritt getan. Sie steckte Rafi in einem unbeobachteten Moment einen Zettel mit ihrer Handynummer zu.

Mit Textnachrichten fing alles an

Die Tage in der Besserungsanstalt bestehen aus ummauertem Nichts. Die Leere ist Programm. Das Gefängnis wird von einer Direktorin geleitet, der die Jugendlichen nicht hart genug bestraft werden. »Wir müssen Unsittlichkeit strenger ahnden, sonst machen die das immer wieder.« Das Nichts umgibt Halima, wohin sie schaut. Die Wände sind kahl. Die einzigen Möbel in ihrem Trakt, die Metallregale im Zellengang, sind leer. Der Fernseher im Pausenraum funktioniert nicht. Die Mädchen werden von der alten Wärterin Jontab täglich um vier Uhr morgens geweckt. Sie trommelt an die Türen. So werden die Delinquentinnen früh in den Tag gezwungen, damit sie länger an der Eintönigkeit leiden. Nach dem Aufstehen gibt es für viele Stunden nichts zu tun. Beten, herumhängen, bloß nicht wieder einschlafen, sonst wirft Jontab mit dem Schlüsselbund. Um acht Uhr wird das Frühstück verteilt, Brot und ein Löffel voll Zucker. Im Sommer hatten sie Schulunterricht, doch nun ist der Direktorin das Geld ausgegangen. Von sechs Klassenzimmern ist bloß eines offen, dort erklärt ein Lehrer den Stoff der ersten Grundschulklasse. Halima, die als Einzige in ihrer Familie lesen und schreiben kann, hat vor ihrer Zeit im Gefängnis bereits die siebte Klasse besucht. Trotzdem ist sie glücklich über das bisschen Unterricht. Immerhin etwas, um das Nichts zu vertreiben.

»Was hat sie gesagt?« Rafi, im Jungentrakt, ist nervös. Er durfte seit vier Monaten nicht mit ihr sprechen. Die Direktorin behauptet, das wäre gegen das Gesetz. Er wippt mit den Füßen. »Liebt sie mich noch? Steht sie zu mir?« Die Platzwunden in seinem Gesicht sind verheilt. Fingerbreit wächst ihm Flaum über der Oberlippe. Er spricht in kurzen, abgehackten Sätzen, manchmal verschluckt er vor Aufregung Wörter. »Wir sind so rein wie die Milch unserer Mütter.«

Als sie sich gegenseitig Textnachrichten auf ihre Handys schickten, begannen sie sich als Paar zu fühlen. Flüsternd geführte endlose Telefonate. Anfänglich ein Kichern und Albern, doch dann wurden die heimlichen Gespräche immer ernsthafter. Sie redeten miteinander, wie sie bisher mit niemandem hatten reden können. Sie erzählten einander von ihren Schwächen. Halima klagte Rafi, wie sehr sie unter ihrer Stiefmutter leide. Die behandle sie wie ein kleines Kind, obwohl sie selbst nicht viel älter sei. Rafi erzählte ihr von seinem Onkel, der sich seit dem Tod des Vater um ihn kümmert. Der es gut mit ihm meine, ihn aber nicht ernst nehme und als »Müttersöhnchen« bezeichne. Er erzählte ihr, wie sehr er im Schatten seiner beiden älteren Brüder stehe. Was die fertigbrächten, erwarte der Onkel auch von ihm.

Aber Rafi und Halima sprachen sich nicht nur: Alle paar Wochen trafen sie sich für ein, zwei Stunden, meistens in einem Park in Herat. Ein Cousin Rafis begleitete sie dabei, damit sie nicht als Liebespaar auffielen. In diesem Park geschah es auch irgendwann, dass Halima Rafi die Hand auf die Schulter legte. Ganz warm war sie und leicht wie eine Feder. Rafi weiß das noch. Er träumt bis heute von dieser Berührung. Es war die einzige in ihrer zweijährigen Liebe. Nie haben sie sich geküsst. Nie kam es zwischen ihnen zum Äußersten, das wurde sogar gerichtlich festgestellt.

Nach der Verhaftung brachten Polizisten Halima ins Krankenhaus, wo sie das Mädchen zum Jungfrauentest zwangen. Ein Arzt öffnete ihr dabei mit zwei Fingern die Vagina, untersuchte das Hymen, ob es noch intakt sei, drückte mit den Fingern gegen die Scheidenwände, um die Elastizität der Vaginalmuskeln zu prüfen. Das berichten Gerichtsmitarbeiter. Solche Untersuchungen sind international als Verletzung der Menschenwürde geächtet. In Afghanistans Rechtssystem gehören sie nach wie vor zum Alltag. Es war Halimas und Rafis Glück, dass der Arzt ihr die Jungfräulichkeit attestierte. Andernfalls hätte das Strafmaß leicht bei fünf Jahren liegen können.

In der Geschichte von Rafi und Halima ist wunderbarerweise das Glück und das Unglück gleich verteilt. Das größte Glück ist Jamila Khisrawi, Halimas Anwältin. Die 27-Jährige gehört zu Afghanistans neuer Generation selbstbewusster Juristinnen. »Die Richter haben mich vor drei Jahren noch angebrüllt und aus dem Gerichtssaal geworfen.« Sie lacht dieses seltsame Lachen, das sie so häufig lacht und bei dem man keinen Laut hört. »Die sagten, dafür bist du als Frau viel zu emotional.« Hartnäckig haben sich Khisrawi und ihre drei Kolleginnen seither die Anerkennung der Gerichte erkämpft. Sie sind bei der deutschen Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale angestellt. Ihr Büro in Herat liegt im Stadtzentrum, an einem geheimen Ort, kein Türschild weist auf sie hin. »Wir werden permanent mit dem Tod bedroht«, sagt Khisrawi. Aus Angst gehen die Anwältinnen nie alleine vor die Tür, immer sind sie miteinander per Handy verbunden. Siebzig Prozent ihrer Mandantinnen stehen wegen moral crimes vor Gericht, wegen Sittlichkeitsdelikten.

Khisrawi betreut Mädchen, die als Kinderbräute verheiratet wurden, sich irgendwann in gleichaltrige Jungs verliebten und mit ihnen wegliefen. Sie vertritt Frauen, die entführt und über Monate vergewaltigt wurden und die deshalb wegen Ehebruchs langjährige Haftstrafen bekamen.

Es ist selten der Mann, der Vergewaltiger oder Misshandler, der vor Gericht steht, klagt Khisrawi, sondern fast immer die Frau, die vor ihrem Mann floh. Die Männer können sich häufig der Verhaftung entziehen, sie wissen, wie die Polizei zu bestechen ist. Die Frauen dagegen, die meist zu Hause sitzen, wissen das nicht. Die Fälle auf Khisrawis Schreibtisch stapeln sich, die Anzahl der Prozesse hat sich binnen eines Jahres verdoppelt.

Jamila Khisrawi hat gegen den Widerstand ihrer Familie Jura studiert, sie ist gegen allen Widerstand Anwältin geworden. »Ich weiß manchmal nicht mehr weiter«, sagt sie. Über mehrere Tage wurde sie kürzlich immer wieder von einer Frau angerufen. Ihr Mann habe sie in einem Zimmer eingesperrt. Er wolle sie töten. »Das letzte Mal sagte sie plötzlich, sie höre die Schritte ihres Mannes. Dann legte sie auf.« Seitdem hat die Anwältin nichts mehr von ihr erfahren. Jamila Khisrawi konnte nicht helfen. Das Haus der Frau lag außerhalb Herats, in einem Taliban-Bezirk. »Ich glaube, dass er sie inzwischen umgebracht hat.«

Khisrawi ist unverheiratet. »Es ist nicht einfach«, sagt sie, »in Herat einen Mann zu finden, der jemanden mit meinem Beruf als Ehefrau akzeptiert.«

Den ganzen Herbst über suchen sie und ihre Kolleginnen verzweifelt nach einem Weg, ihre Mandantin Halima vor dem Schlimmsten zu bewahren. Ihr Vater hat öffentlich angekündigt, sie nach der Haftentlassung zu töten. »Sie hat mich und die Familie in den Schmutz getreten«, sagt er mit ruhiger Stimme. »Ich bin jetzt für immer ein Mann ohne Ehre.« Nur der Tod der Tochter, so glaubt er, kann die Familienehre wiederherstellen.

Wie ein altes Uhrwerk, in vielen Jahrhunderten erschaffen, feingliedrig in seiner Mechanik, regulierte sich die afghanische Gesellschaft. Das soziale Räderwerk in diesem Land ist hochkomplex, mit vielen kleinen und großen Zahnrädern, die filigran ineinandergreifen, automatisch in ihren Abfolgen – doch diese Mechanik stockt, sie funktioniert nicht mehr. Besonders in den Städten läuft sie immer häufiger leer. Nichts greift mehr ineinander, weil viele junge Menschen die Regeln nicht mehr akzeptieren, die Zahnräder blockieren sich gegenseitig. Die Gesellschaft des Landes ächzt und stöhnt darunter, fast mehr als unter den Kämpfen zwischen den Taliban und den Regierungstruppen.

Während im Gefängnis die Psychologin von Medica Mondiale mit Halima Atemübungen macht, sie lockert, mit ihr weint und sie aufmuntert, damit sie weiter durchhält, ringt die Anwältin Khisrawi draußen in der Welt um die einzig mögliche Lösung: eine Ehe mit Rafi. Unverheiratet müsste Halima ihr Leben im Frauenhaus oder in der Prostitution weiterführen. Beinahe die gesamte Familie hat mit ihr gebrochen, sie fürchten den Vater, die Schwestern dürfen nicht mit ihr reden, das haben deren Ehemänner verboten.

Nach vielen vergeblichen Telefonaten gelingt es Jamila Khisrawi, den Vater Halimas zu einem Treffen zu bewegen. Dreimal wird es anberaumt, dreimal lässt er den Termin verstreichen. Beim vierten Mal klappt es. Die Anwältin begegnet dem Vater auf sicherem Terrain, nicht im Büro, damit er ihr später nicht auflauern kann. Die Frauen laden ihn ins »Mediationszentrum« ein, so nennen die Frauenrechtlerinnen ihr mit ausgeblichenen Aufklärungsplakaten dekoriertes Besprechungszimmer in einem Regierungsgebäude. »Ich kann diese Beziehung nicht akzeptieren«, sagt Halimas Vater. »Ich bin der Spott meiner ganzen Familie.«

Die Taliban setzen neue Verbote für Frauen durch

Präsident Karsai geht auf die Taliban zu und billigt neue Verbote für Frauen

»Das ist nicht wahr«, versetzt Khisrawi. »Halima und Rafi haben keinen Sex gehabt, aus Rücksicht auf deinen Ruf.« Er wendet widerwillig den Kopf, kneift die Augen zusammen, sammelt offenbar alle Kräfte, um nicht sofort aufzustehen und zu gehen.

Es ist ein Gespräch, bei dem das Leben des Mädchens an jeder Silbe hängt. Einmal hat die Anwältin Khisrawi das Gefühl, der Vater zeige Einsicht. Wenig später ist sie wieder überzeugt: Die Klientin ist demnächst tot.

»Sie hätte es mir sagen sollen«, klagt der Vater.

»Sie hatte Angst vor dir!«

»Der Junge ist Sunnit, wir Hazara sind Schiiten. Die werden meine Tochter zwingen, ihren Ritus anzunehmen.«

»Ich kenne glückliche Ehen zwischen Schiiten und Sunniten in meiner eigenen Familie«, Jamila Khisrawi kämpft unverdrossen. »Wenn sich deine Tochter deinetwegen umbringt, wirst du wegen Mordes angeklagt.«

Ganz Jabreel schaue auf ihn, jammert der Vater. Der Ungehorsam Halimas mache die Familienmitglieder zu Außenseitern, zum Abschaum des Viertels. Was sie sich in Generationen aufgebaut hätten, ihr Ruf, die soziale Stellung – mit dem Fluchtversuch der Tochter sei alles dahin. Nach zwei weiteren Treffen schaffen es die Anwältinnen – es ist jetzt Ende Herbst – doch noch, dass er einer Hochzeit zustimmt. »Trau meinem Vater nicht«, sagt Halima in ihrer Zelle zur Anwältin. »Er wechselt schnell seine Meinung. Er hält nicht Wort.«

Mit einem Bügeleisen brennt sich Rafi im Gefängnis ein »H« für Halima in die Haut

Eine Ehe zwischen Rafi und Halima wäre die zwischen Erbfeinden. Die Hazara, zu denen Halimas Familie zählt, mongolischstämmig, leben in Herat in einer prekären Situation. Als mittellose Einwanderer werden sie misstrauisch beäugt von den alteingesessenen Tadschiken, zu denen Rafis Familie zählt. Für die sind die Hazara keine richtigen Muslime, sondern Ungläubige, die Prostitution und Sünde nach Herat bringen. Der Stamm der Hazara ist das gedemütigtste Volk Afghanistans, ihren einst unabhängigen Staat, das »Hazaradschat«, haben Tadschiken und Paschtunen vor hundert Jahren zerschlagen. Unter den Taliban waren es wieder die Tadschiken, die gegen die Hazara kämpften. In Herat leben nun Freund und Feind auf engem Raum, angelockt von Jobs und relativem Frieden.

Die ganze Stadt ist unfertig, ein einziger Rohbau, es staubt, es dampft, Baugerüste überall, es boomt, alles unkontrolliert, alles neu, im Neuen keimt aber schon wieder der Verfall. Sobald sie etwas errichtet haben, bröselt und bröckelt es und bricht. Alle Dinge sind aus der Balance. Auch die Menschen. Nirgendwo verbrennen sich mehr Frauen als in der 300000-Einwohner-Stadt Herat, 75 waren es allein 2011, nirgendwo in Afghanistan zählen die Behörden mehr Scheidungen. Die Entführungsindustrie floriert. Im Ringen zwischen Tradition und Moderne ist Herat so etwas wie Afghanistans Brandungszone.

Es wird Winter vor den Mauern der Besserungsanstalt, bald gilt er als der strengste seit Jahrzehnten. Raureif blüht in den Fugen, das Radio meldet zweistellige Minustemperaturen. Im Dezember schneidet sich Halima mit einer Rasierklinge tief in die Hände. Eine Freundin verrät es der Psychologin Saliha, die zweimal in der Woche die Frauen besucht. »Was willst du, Mädchen«, fragt die 45-Jährige. »Du willst sterben, aber du willst auch mit Rafi leben, das ist doch ein Widerspruch.« Halima überlebt diesen Winter, und Rafi findet inzwischen immer neue Wege, Nachrichten in den Mädchentrakt zu schmuggeln. Er besticht die Wärterin Jontab, steckt ihr Geld zu, gibt ihr Trockenfrüchte. Er bleibt freundlich zu Jontab, auch wenn sie launisch ist und Halima absichtlich falsche Nachrichten zuträgt. »Ich liebe dich nicht mehr«, hat Jontab ihr – angeblich von Rafi – ausgerichtet. Halima brach in Weinkrämpfe aus. So spielt die Alte ihre Macht aus. Einmal in der Woche, zum Besuchstag, kommen der Bruder oder der Onkel vorbei und versorgen Rafi mit neuem Geld.

Die Direktorin ist eine studierte Juristin aus gutem Hause, die das Kinn hart hochzieht, wenn ihr etwas nicht behagt. Sie trägt kunterbunte Kopftücher und hat es sich in ihrem Knast nach eigenem Gutdünken gemütlich gemacht. Sie könnte die Zwillingsschwester der Herzkönigin aus Alice im Wunderland sein. »Ich stehe immer im Dienst der Kinder«, sagt sie. Doch meistens schaut sie in einem Hinterzimmer fern, sommers wie winters, beleibt und leicht reizbar, die Beine auf einem Hocker. Nur im Notfall verlässt sie diese Position. Ihr dreijähriger Sohn saust tagein, tagaus durch die Gänge und bespuckt aus Spaß das Personal. Zum Beispiel den Anstaltsarzt, der gelangweilt vor seinem Pillenschränkchen hockt und den inhaftierten Mädchen, so heißt es, mit Vorliebe Injektionen in die Oberschenkel gibt. »Hier kommen die Jugendlichen schlimmer raus, als sie reingekommen sind«, räsoniert der Arzt über die Anstalt. »Ich persönlich wäre ja für die Prügelstrafe.« Der Kleine rennt auf seinen Runden auch am Büro des Buchhalters vorbei, der es zur hohen Kunst entwickelt hat, hinter dem Schreibtisch mit offenen Augen zu schlafen. Rennt weiter von Tür zu Tür, hinter denen Sachbearbeiter für diverse Zuständigkeiten dösen, ohne etwas Sinnvolles zu tun. Gleichzeitig bleiben die jungen Häftlinge in ihren Zellentrakten sich selbst überlassen. Die älteren tyrannisieren die jüngeren. Selten setzt ein Erwachsener einen Fuß hier herein.

Überraschend nimmt Halimas Vater seine Zustimmung zur Heirat eines Tages wieder zurück. »Er fordert jetzt eine Million Afghani Brautgeld oder ein Mädchen aus Rafis Familie für seinen ledigen 50-jährigen Bruder«, klagt die Anwältin Khisrawi. Inzwischen ist es Februar. Rafis Familie ist entsetzt. Die horrende Summe von umgerechnet fast 16000 Euro kann sie nicht aufbringen. Rafis Schwestern seien mit sieben und zehn Jahren fürs Heiraten noch zu jung, findet seine Mutter. Die Verhandlungen zwischen den Familien scheinen erneut festgefahren. Rafi brennt sich an diesem Tag mit einem Bügeleisen den Buchstaben H in die Armbeuge. Es ist jetzt schon das vierte H auf seinem Körper. Auf der Schulter prangt bereits eines, das hat er sich mit Rasierklingen in die Haut geschnitten, am rechten Oberarm trägt er eine H-förmige Brandwunde, die er sich mit Streichhölzern zugefügt hat, mit Nadeln stach er sich ein H in den linken Arm. Er liegt in seiner Zelle lange wach und grübelt bis weit hinein in die Nacht.

Dem Land vor den Anstaltsmauern steht schon wieder eine Zeitenwende bevor. In der Hauptstadt Kabul plant die Regierung Karsai für die Jahre nach 2014. Bis dahin werden die ausländischen Bündnistruppen Afghanistan verlassen haben. Der Westen hat angekündigt, obendrein die Entwicklungshilfe drastisch zu kürzen. Karsai sucht einen Interessenausgleich mit den Taliban, gegen deren Kämpfer er sich nicht halten kann. Das gibt den konservativen Mullahs in der afghanischen Politik wieder Raum, spürbar gewinnen die Radikalen an Einfluss. »Wir Frauenrechtlerinnen werden jetzt geopfert«, fürchtet Khisrawi. Die Anwältinnen haben Angst, verbringen ihre Mittagspausen im Büro mit bangen Diskussionen. Im Präsidentenpalast hat die Versammlung der Mullahs, die Ulema, vor ein paar Tagen ihre neuesten Beschlüsse verlesen, und Karsai hat dazu kräftig applaudiert: Frauen dürfen künftig nicht mehr ohne männliche Begleitung aus dem Haus. Frauen dürfen nicht mehr mit fremden Männern reden. Es wird ihnen das Recht entzogen, Anteil am öffentlichen Leben zu nehmen. Listen dieser neuen Verbote werden bereits überall im Land in den Moscheen verteilt. Noch sind es nur Empfehlungen, noch haben sie keine Gesetzeskraft. Als aber neulich eine der Anwältinnen für eine Weiterbildung nach Kabul fliegen wollte, wurde sie prompt am Flughafen angehalten. Ob ein Mann ihrer Familie Bescheid wisse? Seit der Taliban-Herrschaft, sagt Khisrawi, sei das nicht mehr vorgekommen.

Das Verhandeln mit Halimas Vater wird zum Wettlauf gegen die Zeit. In den ersten Apriltagen soll das Paar entlassen werden. Ein Gnadenersuch der Anwältinnen beim Obersten Gericht in Kabul hatte Erfolg. »Ich will 250000 Afghani«, sagt der Vater zwei Wochen vor Haftende. Noch einmal haben sich beide Familien im Mediationszentrum getroffen. Am Ende einigen sich die Parteien auf 5000 Dollar, zahlbar in zwei Tranchen, die eine sofort, die andere am Tag der Hochzeit. Mit ihren Fingerabdrücken besiegeln sie den Vertrag.

In ihrer Zelle probiert Halima das Brautkleid an

Am Tag vor der Entlassung hat die Direktorin Halima und Rafi zu sich ins Büro bestellt. Es ist das erste Mal seit ihrer Festnahme, dass sich die Liebenden wiedersehen. Sie sitzen auf Polstermöbeln, mustern einander und sind verblüfft. Wie sehr hat die Gefangenschaft sie doch verändert! »Halima ist jetzt ganz anders«, sagt Rafi hinterher verunsichert. »Sie war so still. Das ist nicht das Mädchen, das ich kenne.« Er hat sie heiter in Erinnerung. Am Telefon hatte sie früher mit ihm herumgealbert.

Aber auch Halima ist von Rafi überrascht. Das Gefängnis, erzählt sie ihren Freundinnen in der Zelle, habe einen anderen aus ihm gemacht. »Wie der mit der Direktorin reden konnte. So selbstbewusst.« Über sich sagt Halima, die Anstalt habe ihren Lebensmut zerstört. Rafi dagegen tröstet sich und schiebt Zweifel rasch beiseite. Sobald sie hier raus ist, glaubt er, wird sie wieder ganz die Alte sein.

»Ich habe große Angst um Halima«, sagt die Psychologin Saliha am selben Abend. Ihr Vater ist bei seinem letzten Besuch in der Anstalt belauscht worden, wie er zum wiederholten Mal einem Wärter verriet: »Ich mache das jetzt bloß, damit sie rauskommt. Aber das Mädchen muss sterben.« In der Nacht können beide Liebenden nicht schlafen. Rafi redet mit seinem besten Freund in der Anstalt, einem 14-jährigen Dieb, der sich ohne ihn schutzlos fühlt. Die Jungs weinen. Halima schläft auch nicht, weil zur Aufregung auch noch ihre Regel kommt. Unterleibskrämpfe, schmerzhaft wie nie zuvor.

»Fühlst du auch das Glück, das ich fühle?«, flüstert Rafi am nächsten Morgen in ein schneeweißes Handy. Er hat einen Wachmann bestochen, um Halima anrufen zu können. Sie wiederum hat der alten Jontab Geld zugesteckt, um telefonieren zu können. »Was machst du? Stehst oder sitzt du?« Jedes Mal, wenn einer der Wächter in den Raum kommt, verbirgt er das Telefon in der hohlen Hand. »Erinnerst du dich, dass ich dir gesagt habe, eines Tages kommen wir raus? Heute ist dieser Tag!«

Im Leben von Halima und Rafi beginnt das Räderwerk der Traditionen wieder zu greifen, seine Regeln und Bräuche. Erleichtert weiß jeder, was bei den Hochzeitsvorbereitungen zu tun ist. Daheim hat Rafis Familie ein Zimmer mit neuen cremefarbenen Wandbehängen dekoriert. Hier sollen die Frischvermählten die ersten Nächte verbringen. Die Tanten kaufen Bonbons, mit denen der Weg ins Haus bestreut wird. Cousinen gehen auf den Markt, um Fleisch und Gemüse fürs Festmahl zu holen. Idyllisch liegt das Lehmhaus an einem kleinen Fluss, der sich durchs Viertel windet. Die Baumschule des Onkels ist gleich nebenan. Der Winter ist vorbei, aus den Kiefern brechen zarte Triebe. »Ich werde mein Leben geben, um meinen Neffen vor Halimas Vater zu beschützen«, sagt sein Onkel in einer ruhigeren Minute. »Aber wenn Rafi noch ein Mal Schande über uns bringt, breche ich mit ihm.«

Rafis älterer Bruder ist für die Hochzeit aus Kabul zurückgekehrt. Er ist bleich und in sich gekehrt. Seit einigen Monaten transportiert er als Lastwagenfahrer Mineralwasser zwischen Herat und der Hauptstadt hin und her. Als Maurergehilfe verdient er zu wenig, um Halimas Brautgeld zu bezahlen. Eine riskante Arbeit. Er zeigt Bilder, die er auf der Fahrt mit dem Handy gemacht hat: Wracks ausgebrannter Lkw. Die Armee fackelt bei Kandahar Opiumfelder ab. Taliban beschießen die Truppen. Rafis Bruder fand sich auf der Straße plötzlich zwischen den Fronten. »Drei meiner Freunde haben sie in den letzten zwei Monaten getötet«, sagt er. Zweien haben sie auf der Straße den Kopf abgeschlagen, den anderen banden sie ans Lenkrad und zündeten den Lkw an.

In ihrer Zelle probiert Halima das hautenge Hochzeitskleid an

Am Tag, an dem die Welt in ihre Ordnung zurückgehoben werden soll, dem Tag der Hochzeit und der Haftentlassung, füllt sich das Gefängnis mit den Mitgliedern beider Familien. In Festtagstracht treten sie durch das Tor. Rafis Mutter unter der Burka, Onkel und Tanten, der ältere Bruder, der Imam, der die Trauung vornehmen wird, die kleine Gruppe der Anwältinnen.

Halima probiert in ihrer Zelle ein lachsfarbenes Hochzeitskleid an, eng geschnitten, dazu Stöckelschuhe, ein Geschenk ihrer älteren Schwester. So unsichtbar die afghanischen Mädchen sonst sein sollen, so herausfordernd stellen sie bei der Hochzeit ihren Körper zur Schau. »Ich zieh das nicht an!«, schreit Halima. »Das sitzt viel zu eng!« Zwei Freundinnen umsorgen sie, stimmen sie um, packen ihre Koffer. Dann wird Halima herausgeführt, vor das Zimmer der Direktorin, wo die anderen warten. Rafi, in weißen Kleidern, die Brust goldbestickt, läuft nervös den Gang auf und ab.

Die Direktorin tritt aus der Tür, das Kinn wieder einmal ganz oben, kein gutes Zeichen. Noch am Vortag bestand sie darauf, die Zeremonie im eigenen Büro abzuhalten. Jetzt sagt sie: »Das alles ist illegal!« – »Du Dreckstück!«, schreit sie Jontab, die Wärterin, an. »Bring das Mädchen wieder in die Zelle!« Warum Halimas Vater nicht da sei, brüllt sie dann, und obwohl dieser einen Onkel beauftragt hat, ihn zu vertreten, akzeptiert die Direktorin seine Abwesenheit nicht.

Als der Onkel Halimas schließlich den Vater anruft, bangen die Anwältinnen. Sie haben Glück. Laut schallt es aus dem Hörer: »Ich bin mit der Hochzeit einverstanden!« Trotzdem verweigert die Direktorin die Zeremonie. Sie verfolgt eigene Interessen. Schon frühmorgens hat sie ihren Buchhalter in Rafis Zelle geschickt. Wem Gutes widerfahre, der solle auch anderen Gutes tun, ließ sie ausrichten. 300 Euro will die Direktorin von Rafis Familie. Der Junge lehnte ab, zu viele Schulden hat sein Onkel schon für ihn gemacht.

Die Hochzeit platzt. Halima wird in ihre Zelle zurückgeführt und bricht dort zusammen. Sie kriecht unter das Bettlaken und weint. Ihre Zellengenossinnen, die sonst streiten und zetern, streicheln sie jetzt flüsternd. Die Anwältinnen ringen mit der Direktorin eine Stunde hinter verschlossener Bürotür. Danach stürmen sie heraus, mit hochroten Gesichtern. »Vielleicht hat sie einen Handel mit dem Vater gemacht«, vermuten sie, »das wäre nicht das erste Mal.« Immer wieder, das wissen Frauenrechtlerinnen in Herat, entlässt die Anstaltsleitung Mädchen vorzeitig und übergibt sie den Familien, die ihnen nach dem Leben trachten. Es soll Staatsanwälte geben, die solche Machenschaften decken und die Hälfte der Bestechungssummen erhalten. Das Jugendgefängnis ist eine Anlage zur Abschöpfung von Korruptionsgeldern.

»Dich liebe ich wie meinen Sohn«, sagt die Direktorin zu Rafi, als er sich von ihr verabschiedet, immer noch in weißen Hochzeitskleidern. Ein Wachmann breitet grinsend die Arme aus. »Kein Geschenk?« Die Direktorin steht daneben und lässt ihn gewähren. Rafi entschuldigt sich, er sei pleite, dann beeilt er sich hinauszukommen – nach zehn Monaten Haft. Als die Familie in der Registratur steht, wo sich Besucher ein- und austragen müssen, sagt der Pförtner, ein Hazara, zu Halimas Onkel: »Wie kannst du es wagen, eins unserer Mädchen an die Tadschiken zu verheiraten! Hast du schon vergessen, was die uns angetan haben?« Der Onkel schweigt.

In dieser Liebesgeschichte, in der es so viel Glück wie Unglück gibt, ist es ein großes Glück, dass die Familien bis zum nächsten Morgen nicht die Geduld verlieren. In den Fluren des Familiengerichts treffen sie wieder aufeinander. Die Anwältinnen wollen die Trauung hier vollziehen lassen. Die Gerichtsbeamten sind freundlich, wollen aber die Personalausweise der Brautleute sehen – weder Rafi noch Halima haben einen. In Afghanistan hat fast niemand so etwas. Ein zweites Mal droht die Hochzeit zu scheitern.

»Machen wir es doch einfach bei uns zu Hause«, schlägt jetzt Rafis Onkel vor. Halimas Onkel stimmt zu, auch die Anwältinnen nicken. »Warum nicht? Eine Nikah«, sagen sie. Es ist die althergebrachte Art, in Afghanistan zu heiraten. Dazu braucht es nur den Imam. Drei Suren, die dreimal wiederholte Zustimmung der Brautleute. Eine Sache von zwei Minuten. Die Anwältinnen haben die Ehe aus Angst vor Halimas wankelmütigem Vater offiziell beurkunden lassen wollen. Aber weil sich das als so gut wie unmöglich erwiesen hat, wenden die Familien sich ab von den Institutionen ihres neuen Staates, von all den Paragrafen und Klauseln, den aktenüberfrachteten Büros und zahllosen Stempeln, die für sie letztlich nutzlos sind.

Eine ungewisse, aber gemeinsame Zukunft

Im Taxi fährt Halima in die Freiheit. Der Wind weht durch das offene Fenster. Er lässt Halimas Kopftuch an den Rändern flattern. Sie legt den Kopf auf die Schulter ihrer Tante. Rafi sitzt vorne, er lacht über das ganze Gesicht. Für einen Moment sind die Morddrohungen des Vaters vergessen. Der Wagen ist an den Flanken verrostet, die Reifen sind ohne Profil. Der gelbe Lack ist in breiten Streifen abgeplatzt, doch für Halima und Rafi könnte es keine schönere Hochzeitskutsche geben.

Rafi will sich eine Arbeit als Lastwagenfahrer suchen, wie der Bruder, trotz aller Gefahr. Die Schulden müssen abgetragen werden. Halima möchte an der Universität in Herat Computerwissenschaft studieren, vielleicht. Sie ist nun auch die Einzige in Rafis Familie, die schreiben kann. Die nächsten Wochen über wird das Paar nicht aus dem Haus gehen, aus Angst vor Halimas Vater.

Der Imam hebt die Arme, Rafi tut es ihm nach, Halima sitzt nebenan im Zimmer der Frauen. Sie hört durch die Wand das Rezitieren der Koransuren und weint. Halimas Onkel geht vom Zimmer des Bräutigams in das der Braut und fragt sie, ob er in ihrem Namen zustimmen könne. Sie sagt: »Ja.« Er zählt das Brautgeld, das Rafis Onkel mitgebracht hat. Ein Vertrag wird aufgesetzt, auf der Seite eines Schulheftes, und der Erhalt des Geldes bestätigt. Zwei Männer und das Hochzeitspaar unterschreiben das wichtigste Dokument im Leben der jungen Leute mit ihren Fingerabdrücken: vier blaue Flecken, dicht im Kern, an den Rändern auslaufend, schön wie Sternennebel.

Dann sitzen die Liebenden endlich nebeneinander, zum ersten Mal seit ihrer Flucht, für das Hochzeitsfoto. Fast können sie sich mit den Knien berühren. Rafis Familie macht sich Sorgen, die beiden könnten sich bald entzweien. Sie fragen sich, ob Halima zu den Frauen des Hauses passt. Hoffentlich, sagen sie, ist das nicht bloß eine Verrücktheit zweier Kinder, sondern tiefe Liebe, hoffentlich ist nicht alles längst vorbei. Rafi starrt in die Kamera. Halima schaut zu Boden. Klick. Beim zweiten Foto hebt sie den Kopf ein bisschen. Klick. Bei der dritten Aufnahme lächelt sie.

Dann lächeln beide zusammen.

MITARBEIT: ANTONIA ZENNARO