Bevor man ihn zu Gesicht bekommt, riecht man es buchstäblich: Der Altkanzler ist auf dem Posten. Um 10 Uhr morgens kriecht dicker Zigarrenqualm durch die Ritzen ins Foyer der Gründerzeitvilla, als sei hier gerade der letzte nächtliche EU-Gipfel zu Ende gegangen. Dann geht die Tür auf. Keine Aktenberge, keine überquellenden Aschenbecher und Rotweinflaschen, stattdessen: ein gut gebräunter, gut gelaunter Gerhard Schröder, der im Büro seiner Anwaltskanzlei im hannoverschen Zooviertel empfängt.

In Berlin und Brüssel quält sich Angela Merkel mit Augenringen durch die europäische Krise, die SPD laboriert an ihrer eigenen Troika und ihrem eingebauten Grübelzwang. Schröder aber geht’s gold. Kürzlich war er in London, danach in Istanbul, Ende Juli fährt er nach China, um dort zu referieren. Alle wollen sie ihn, den früheren Kanzler, alle wollen wissen: Wie haben Sie das gemacht, Herr Schröder, dass es Deutschland so gut geht, wo es dem Rest Europas so schlecht geht? Die Agenda 2010, die ihn die Macht gekostet hat, ist Schröders persönliches Konjunkturprogramm, sein Exportschlager. Jetzt fehlt, wie bei jedem großen Erfolg, nur noch eines: eine Fortsetzung.

Natürlich sei nicht ALLES der Agenda zu verdanken , sagt Schröder, ganz bescheidener Staatsmann. Man habe erstens die Industriestruktur des Landes gegen angelsächsisches Denken verteidigt, gegen die Vorstellung, Industrie sei out, Finanzdienstleistungen dagegen die Zukunft. Zweitens habe man die Sozialpartnerschaft und die Mitbestimmung verteidigt. Das habe sich nach dem Zusammenbruch des Bankhauses Lehman Brothers als äußerst hilfreich erwiesen, weil die Gewerkschaften durch moderate Lohnabschlüsse geholfen hätten, die Krise zu meistern. Punkt Nummer drei sei "in der Tat" die Agenda. "Wir haben früher kapiert, dass es eine neue Balance zwischen staatlicher Fürsorge und Wettbewerb geben muss", sagt Schröder. Das ist es in etwa, was er der Welt erklärt, wenn die nach dem deutschen Erfolgsgeheimnis fragt, in English of course, was mit gewissen Schwierigkeiten verbunden sei, aber inzwischen ganz gut klappe.

An der Wand hinter seinem Schreibtisch hängen die Kanzler in Schwarz-Weiß, fotografiert vom Kanzler-Fotografen Konrad R. Müller, links Adenauer, rechts er selbst. Die Merkel kriege auch noch ihren Platz – wenn sie abgewählt sei.

Wurmt es ihn, dass sie nun die Ernte einfährt für seine Agenda und Geschichte schreibt, während er als Ehemaliger durch die Weltgeschichte gurkt und nur reden kann? Man könne daran ein grundlegendes Problem von Politik ablesen, sagt Schröder: "Sie müssen Entscheidungen treffen, die für Menschen negative oder auch nur vermeintlich negative Folgen haben und deren Erfolg sich erst später einstellt. Das schafft eine Lücke, und in diese Lücke fällt demokratisch legitimierte Politik." Damit hat er nun perfekt die Situation beschrieben, in der seine Nachfolgerin mit Europa steckt.

Was ihn wurmt: "Wie sehr die Agenda überall auf der Welt als Erfolg angesehen wird, nur von meiner Partei nicht." Das, sagt Schröder, und lacht, sei schon "erstaunlich". Wenn die SPD die Kraft gehabt hätte, die Agenda zu ihrem Projekt zu erklären, davon ist er überzeugt, wäre sie die modernste politische Kraft Europas.

Man muss wissen: Wenn Schröder sich angegriffen fühlt, dann wird er nicht giftig, dann lacht er. Er lacht dann sein "Ich bitte Sie!"-Lachen, so wie damals, als er nach seiner Wahlniederlage die Idee, Merkel könnte Kanzlerin werden, mit den Worten "Jetzt wollen wir die Kirche doch mal im Dorf lassen!" für völlig absurd erklärte.