Kein schöner Tag, der 22. September 1844. Es regnet. Für Johann Adam Itzstein ist er dennoch einer der schönsten. In seiner Wohnung drängen sich die Gäste. Eine Delegation von Parlamentariern aus ganz Baden ist gekommen, um ihn zu ehren. Einen direkten Anlass gibt es nicht, aber der Festakt ist lange schon geplant: Eine goldene Gedenkmedaille wird überreicht, ein teures Stück, für das alle tüchtig gesammelt haben. Sie preist ihn als »Vertreter der Volksrechte«, als Beschützer der Freiheit und der Verfassung. Itzstein dankt mit einer kleinen Rede, großer Jubel. Dann folgt das Festbankett im Mannheimer Theatersaal, einige Hundert Gäste sitzen an den Tischen. Plötzlich erheben sie sich und stimmen zur Melodie der polnischen Hymne »Noch ist Polen nicht verloren« ein Lied an: das Itzsteinlied. Itzsteins Freund Heinrich Hoffmann von Fallersleben hat es wenige Tage zuvor gedichtet: »Vaterland, freue dich! / Deine Nacht wird immer heller: / Itzstein, unser Stern, / leuchtet nah und fern.«

Der 68-jährige Alterspräsident der Zweiten badischen Kammer steht im Zenit seiner Popularität. Landauf, landab in Baden erhält er Ehrenkronen, hängt sein Bild in Wirtshäusern neben dem des Großherzogs. Und der »Stern« Itzstein leuchtet weit über die badischen Grenzen hinaus in Deutschlands Metternacht. Er ist ein Leitbild der Liberalen und Demokraten im ganzen Reich. Vor allem aber verkörpert er eine Tradition, eine ungebrochene Kontinuität. Von den Tagen der Französischen Revolution, von der Mainzer Republik 1793 bis zum Hambacher Fest 1832 war er dabei, hat er in Deutschland für Freiheit und Menschenrechte gekämpft – und 1848 wird er noch zur Deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche gehören.

Ein Weg, der Adam von Itzstein kaum vorbestimmt war. Zwar hat schon der Vater auf das Adelsprädikat keinen Wert gelegt. Dennoch waren die Itzsteins nicht als Rebellen bekannt, sondern stellten seit Generationen treue Diener für den Kirchenstaat Kurmainz. Der Vater, Hofgerichtsdirektor, zählt zur vermögenden Beamtenschaft. Adams Mutter, Anna Maria Kerz, ist des Vaters zweite Frau, die erste starb früh. Die 15 Kinder aus den beiden Ehen – Adam, am 28. September 1775 in Mainz geboren, ist das vorletzte – werden spartanisch erzogen. Noch als Student sind Wein oder Tabak tabu für ihn, das Taschengeld bleibt karg bemessen.

Nach Domschule und höherer Lehranstalt bleibt er zum Jurastudium in Mainz. Die Universität der Residenzstadt gilt als eine der aufgeklärtesten katholischen Hochschulen im Reich. Neben dem Weltumsegler und Gelehrten Georg Forster leben hier Geistesgrößen wie der Dichter Wilhelm Heinse, der Historiker Johannes von Müller und der Arzt Samuel Thomas Soemmerring.

Schon bei Itzsteins Studienbeginn 1792 rumort es an der Hochschule. Es ist Krieg zwischen dem Reich und den revolutionären Franzosen, und die Studenten halten zu den herannahenden »neufränkischen« Truppen. Sie tragen die blau-weiß-rote Kokarde und prügeln sich mit adligen Emigranten. Itzsteins Lehrer, der Philosophieprofessor Andreas Joseph Hofmann, prophezeit vom Katheder herab den baldigen Sieg der Revolution. Ironie der Geschichte: Einer der Kommilitonen ist Graf Klemens Wenzel von Metternich. Er sollte später, als allmächtiger Staatskanzler in Wien, zu Itzsteins großem Gegner werden.

Als die Franzosen im Herbst 1792 Mainz einnehmen, beginnt für den gerade 17 Jahre alten Itzstein eine bewegte Zeit. Im verwaisten kurfürstlichen Schloss versammeln sich zwanzig Mainzer zur Gründung einer »Gesellschaft der Freunde der Freyheit und Gleichheit«, darunter etliche Studenten und Hochschullehrer. Auch Itzstein wird Mitglied. In den Reden dort, in einer Flut von Schriften und den ersten freien Zeitungen bricht sich die demokratische Stimmung Bahn. Höhepunkt der Entwicklung sind im Februar und März 1793 die Wahlen zum Rheinisch-Deutschen Nationalkonvent, dessen Deputierte Itzsteins Lehrer Hofmann zum Präsidenten bestimmen. Am 18. März 1793 ruft er vom Balkon des Deutschhauses am Rhein (heute Sitz des rheinland-pfälzischen Landtags) den Freistaat aus, die erste moderne Republik auf deutschem Boden.