Ernst Jünger (1895 bis 1998) war immer ein Autor, zu dem sich die Deutschen auf Distanz bringen wollten. Nicht erst der demokratische Geist der Bundesrepublik konnte mit dem früheren Stoßtruppführer wenig anfangen. Jüngers ganze antibürgerliche Attitüde hatte es ihrerseits seit je darauf abgesehen, seinen Zeitgenossen durch eine unheimliche Kälte Schauder über den Rücken zu jagen. Das war ihm auch im Jahr 1949 mit Strahlungen, seinem Tagebuch aus dem Zweiten Weltkrieg, erneut gelungen . Der Autor ist hier zwar weiterhin im Waffenrock unterwegs, in Deutschland, in Frankreich und in Russland, aber den Krieg als Urelement vitaler Erneuerung feiert er schon lange nicht mehr. Eine zynische Melancholie ist seine Grundstimmung.

Jünger ist in den S trahlungen zum hellwachen Beobachter des Schreckens geworden, dessen stilistische Willensanstrengung vor allem einem Ziel dient: sich von den Entsetzlichkeiten, deren Zeuge er vor allem im Kaukasus wird, nicht erschüttern zu lassen. Der Jünger des Zweiten Weltkriegs ist Fatalist. Er ist ein so abgründiger anthropologischer Pessimist, dass ihm jede Haltung der moralischen Empörung als lächerlich unangemessen und naiv erscheinen muss im Angesicht der mörderischen Vorgänge, die er mit unbestechlicher Schärfe registriert. Es ist die Pose des Dandys, wie sie von Oscar Wilde her kommt, die Ernst Jünger von einer ästhetizistischen Attitüde zu einer apokalyptisch-moralischen umdeutet: Dass die Welt ein Ort des Grauens ist, gilt als die unhinterfragbare Prämisse. Und weil das Schicksal dieser Welt für Jünger durch keine gute Politik zu wenden ist, richtet er sich im Pathos der Distanz ein: Man muss sich auf Abstand zur Welt bringen, um ihren Irrwitz mit dem sachlichen Interesse eines Zoologen in den Blick zu nehmen. Strahlungen ist ein einzigartiges Dokument der Grauen des Zweiten Weltkriegs, von schmerzhafter Nähe in der Aufzeichnung konkreter Grausamkeiten, zugleich aus einer unheimlichen, nicht einholbaren Distanz zu allem Geschehen geschrieben. Die anrührendsten Seiten sind deshalb jene, an denen man sieht, wie viel Kraft es Jünger kostet, seine unmittelbare Zeugenschaft immer wieder zurückzuzwingen in eine Beobachtungsposition planetarischer Ferne.

Wenn man die Rezeptionsgeschichte Jüngers schematisierend abkürzen wollte, könnte man sagen: Lange galt die Empörung Jüngers angeblich ästhetizistischer Pose, die statt moralischer Empörung eine poetologische Phänomenologie des Albtraums bot. Später hieß es, Jünger sei ein schlechter, nämlich aufgeblasener und parfümierter Stilist. Vielleicht kann man es so sagen: Jünger ist in seiner Sprache und in seinen Bildern immer beides: gläsern, hart und transparent, und extravagant, gesucht, surrealistisch zugleich. Diese Kombination, in der sich die Apotheose der Anschauung in der Goethe-Nachfolge mit dem geheimen Assoziationsnetz der Romantik verbindet, kann einem in Strahlungen für manche menschliche Düsternis die Augen öffnen.