Ob der Oxforder Kommunismushistoriker Robert Service bei der Vorstellung seiner Trotzki-Biografie wirklich gesagt hat, mit dem Buch hoffe er zu vollenden, was Stalins Eispickel nicht geschafft habe, bleibt offen. Dementiert hat er den Zeitungsbericht nicht – aber einigen Kollegen offenbar aus der Seele gesprochen. So überschrieb Norman Stone seine Rezension in knorrigstem Kasinohumor: »Der Eispickel naht!«

Dieser tief sitzende Brass auf einen lange Verstorbenen ist ein merkwürdiges britisches Syndrom: vielleicht nur eine späte Revanche für entnervende Erfahrungen mit trotzkistischen Sympathisanten in Seminaren der siebziger Jahre; vielleicht aber auch ein fernes Echo aus Weltkriegszeiten, als die Londoner Times zum Mord an dem russischen Revolutionär Trotzki im August 1940 schmallippig vermerkte, das werde »den Kreml von nicht wenigen Ängsten befreien und dem größten Teil der Menschheit nur wenige Tränen entlocken«. Im gleichen Geist hatte Winston Churchill gegenüber dem sowjetischen Botschafter früher schon einmal die Moskauer Schauprozesse begrüßt: »Er (Trotzki) ist Russlands böser Geist, und es ist sehr gut, dass Stalin mit ihm abgerechnet hat.«

Wenn man als Tory schon jemanden in Russland bewunderte, dann lieber gleich Stalin. Der war ein Mistkerl, aber ein Kerl. So war auch Service’ Stalin-Biografie von 2007 in einem deutlich anerkennenderen Ton gehalten, denn: »Die Zeit war überreif, das bestehende Stalin-Bild infrage zu stellen.« Der Georgier war sicherlich »ein Killer« von Format, aber doch »eine weitaus dynamischere und vielschichtigere Figur« als angenommen: »ein nachdenklicher Mann« und »auf seine eigene Art ein Intellektueller« von beeindruckenden Fähigkeiten. Vor allem war er anders als Trotzki ein echter »Führer«, ein unermüdlicher »Verwalter und Staatsmann«.

Das ist nicht einmal völlig falsch. Nur kommt es auf die Intonation und Fließrichtung der Argumentation an. Im Fall Trotzkis schreibt Service mit genau umgekehrter Tendenz krampfhaft gegen eine Verehrung an, die diesen Märtyrisierten und Gescheiterten angeblich bis heute umgebe. Service beansprucht sogar, »die erste vollständige Biographie Trotzkis von einem nichtrussischen Autor, der kein Trotzkist ist«, vorgelegt zu haben – angesichts von zwei Dutzend unterschiedlichen Arbeiten in mehreren Weltsprachen, aber auch angesichts seiner beschränkten und flüchtigen Quellenauswertung eine höchst anmaßende Behauptung.

Was stimmt, ist nur dies: erstens, dass das Bild Trotzkis zu einem großen und literarisch äußerst wirkungsvollen Anteil von ihm selbst mitgeprägt worden ist, und zweitens, dass es für eine gute neue Trotzki-Biografie unbedingt an der Zeit wäre. Sie müsste den Mann aus dem ideologischen Pulverdampf der Weltkriegsepoche herausrücken und stattdessen versuchen, durch das Prisma dieser komplexen Figur einen geschärften Blick auf die Geschichte der Revolution und des Zeitalters zu gewinnen. So, mit größerer historischer Tiefenschärfe, könnte auch die Lebenskurve Trotzkis mit all ihren shakespearehaften oder dostojewskiwürdigen Wendungen narrativ wie analytisch noch einmal aufgerollt werden. Für die letzten Jahre der totalen Vereinsamung im mexikanischen Exil, immer dichter durchsetzt von Agenten und umstellt von Mordkommandos, hat Bertrand M. Patenaude das fern jeder Devotion vor Jahren beispielhaft getan (Der verratene Revolutionär, 2009).

Nichts von alledem findet man bei Service. Er hält seinen Protagonisten als Menschen, Intellektuellen und politisch Handelnden nun einmal für ziemlich nichtswürdig; und diese Verweigerung eines Minimums an sympathetischem Interesse macht jede noch so kritische Biografie schon vorab stumpf. Selbst Trotzkis schriftstellerische Fähigkeiten sind dann eine Art permanenter Vorwurf: Gewiss sei er »ein Meister der prägnanten, eleganten Prosa« gewesen, aber nur, um einen »Anschein von Einfachheit und Ehrlichkeit« oder sonstige Fassaden aufrechtzuerhalten. Sein viel gerühmter Versuch einer Autobiographie wie seine große Geschichte der russischen Revolution zeichneten sich durch eine raffinierte »Mischung aus Demagogie und Verschlagenheit« aus. Stets »triumphierte der Stil über den Inhalt« und gab es einen »ultimativen Mangel an intellektueller Ernsthaftigkeit«. So, in endlos perseverierender Weise, putzt Service seinen Protagonisten Seite um Seite herunter.

Der bleibt denn auch eine papierne und leblose Gestalt, ein leerer Signifikant, der Kapitel nach Kapitel mit Zitaten beklebt und über die Bühne geschleift wird, während die nächste historische Hintergrundfolie aufgezogen wird, wie in einer endlosen PowerPoint-Präsentation. Es gibt in dieser Biografie keine psychologische Entwicklung, keine Dramaturgie, keine aus irgendwelchen anderen Quellen geschöpften atmosphärischen Elemente. Nichts findet sich von der historischen Spannung und Problematik, in der die Akteure sich bewegten. Man wagt es kaum zu sagen: Aber es gibt hier eigentlich gar keine Geschichte im Sinne des Wortes.