Einen Ökonomen, so glauben Geisteswissenschaftler, muss man sich als glücklichen Menschen vorstellen. Er spekuliert nicht, sondern rechnet; er sucht nicht mühsam nach der Wahrheit, sondern hält sie freudig in den Händen. Deshalb nennt man ihn den "Weisen", den Wirtschaftsweisen.

Dieses Bild hatte schon immer Risse, aber nun ist es spektakulär zu Bruch gegangen. Der Berufsstand der Wirtschaftswissenschaftler hat sich gespalten und führt, man kann es nicht anders sagen, einen Krieg um die Wahrheit. Angeführt von Hans-Werner Sinn, haben über 200 Ökonomen gegen Angela Merkels Euro-Krisenpolitik protestiert, woraufhin ihnen zwei andere Expertengruppen widersprochen haben. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) zweifelt bereits an der Weisheit der ökonomischen Zunft: "Von allen denkbaren Verfahren in der Bewältigung dieser Krise ist das am wenigsten taugliche die Umsetzung von Expertenempfehlungen gewesen." Lammert hat recht. Die Euro-Krise hat den Fachmann vom Thron gestürzt und ihn zum irrtumsfähigen Zeitgenossen humanisiert. Auch der Ökonom operiert in einer hypothetischen Zone: Er weiß es auch nicht besser.

Warum die Verheißungen von Wirtschaftswissenschaftlern oft mit Vorsicht zu genießen sind, ist nicht schwer zu sagen: Das Schatzkästlein ihrer Theorie ist gut gefüllt mit Denkfiguren, die aus uralten Nachbardisziplinen stammen. Der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl hat einmal aufgezählt, welche "Gesetzmäßigkeiten" sich Ökonomen von Theologen und Philosophen ausgeliehen haben: Die Vorstellung etwa, dass Märkte unvernünftige Menschen durch eine unsichtbare Hand wieder zur Räson bringen, stammt aus der Moralphilosophie. Die Idee von der unsichtbaren Hand wiederum hat ihre tieferen Wurzeln in der Theologie. Die Lieblingsmelodie von Ökonomen, Märkte strebten gesetzmäßig nach einem Gleichgewicht, erinnert Vogl an die Lehre von der prästabilisierten Harmonie des Weltalls.

Seit der Finanzkrise hat sich herumgesprochen: Trotz vernünftiger Entscheidungsprozesse sind die Märkte durchaus fähig, systematisch Unvernunft zu produzieren. Wenn Ökonomen dann solche Krisen analysieren, dann beschreiben sie eine Realität, die sie selbst mit herbeigeführt haben, unter Berufung auf angeblich objektive Gesetzmäßigkeiten. Ökonomen sind also Teil einer Welt, die sie als Wissenschaftler selbst mit produziert haben – und zwar, nebenbei bemerkt, so "wertfrei", dass die Reichen wie durch Zauberhand immer reicher wurden.

Kluge Ökonomen haben längst erkannt, dass sie sich über ihre heimlichen Grundannahmen Aufklärung verschaffen müssen, und sie tun es auch. Aufklärung ist übrigens nichts Schlimmes; Philosophen zum Beispiel haben diese Prozedur bereits hinter sich. Auch sie glaubten lange an die zeitlosen Gesetze der irdischen Vernunft, bis jemand bemerkte, dass es die Philosophen selbst waren, die diese Gesetze erst in die Weltgeschichte hinein- und dann mit viel spekulativem Lärm wieder herausgelesen haben. Niemand wird behaupten, den Philosophen habe diese Selbstaufklärung geschadet. Deshalb: Willkommen im Club.