Der Mann, von dem sie in Azaz sagen, er sei ganz ohne Angst geboren, läuft die Straße entlang. Die Straße ist menschenleer. Glassplitter knirschen unter seinen Sandalen. Der 29-jährige Ahmed* läuft in immer gleicher Geschwindigkeit, in einem eigentümlichen Wiegegang, mit weit ausgreifenden Schritten. Ahmed hat das Downsyndrom. Er weicht Trümmern aus, die von den Hauswänden auf die Straße gestürzt sind, verschwindet für einen Moment in den Rauchschwaden einer neuen Explosion. Er streckt die Hand nach einer Wand aus, weil 200 Meter entfernt eine Mörsergranate einschlägt. Es ist Krieg in Azaz, einer Kleinstadt im nördlichen Syrien . Die meisten der 70.000 Einwohner sind geflohen oder haben sich tief in ihren Häusern versteckt, nur Ahmed bleibt auf der Straße; seine Familie hat ihn zurückgelassen. Er ist einer der letzten Zivilisten.

"Ein Engel wacht über ihn", heißt es in der Stadt über Ahmed, der wie unbeteiligt durch Tod und Zerstörung wandelt. Ich begegne ihm an einem Tag besonders schweren Beschusses, als die Imame der Stadt von ihren Minaretten den Schutz Gottes erflehen und ich mich in ein Gebäude flüchten will. Ahmed breitet auf der Straße seine Arme aus und drückt mich fest an seine Brust. Drückt sein Gesicht in meinen Nacken. Ich möchte ihn hinter die Mauern des Hauses ziehen, aber Ahmed sträubt sich, mit unbestimmtem Lächeln, und läuft weiter die Gasse hinab.

Es war lange ruhig geblieben in diesem Teil Syriens, nur sieben Kilometer hinter der türkischen Grenze. Die Zentren der Revolution lagen weit entfernt, in Homs, in Hama und Daraa. Doch haben sich in dieser Region immer mehr Dörfer aus dem Assad-Regime herausgelöst . Sie verjagten die Bürgermeister der Staatspartei, die Polizisten und die Spitzel. Hier entsteht ein neues Syrien, Assad beherrscht nur noch kleine isolierte Areale. Von der Grenze bis 40 Kilometer ins Land hinein sind die meisten Ortschaften der Kontrolle des Staates entglitten, darunter mehrere kleine Städte; die größte davon: Azaz.

Die Armee beschränkt sich meist auf Bombardements aus der Ferne

Dieser unscheinbare Ort, so hoffen die Rebellen, könnte für die syrische Revolution das werden, was die Stadt Bengasi für die Rebellen in Libyen war: Hauptquartier und Rückzugsraum. Der Anfang vom Ende Assads. Nicht die Rebellentruppe der Freien Syrischen Armee (FSA) ist hier belagert, sondern die syrische Armee. Was in Azaz geschieht, ist ein Trend im ganzen Land. Die Regierungstruppen schaffen es nicht mehr, Gebiete dauerhaft zurückzuerobern. Die heimliche Waffenhilfe aus dem Ausland zeigt Wirkung. Jeden Tag verlieren die Assad-Truppen Checkpoints und Basen. Nach Monaten scheinbaren Stillstands laufen immer mehr Soldaten zu den Rebellen über . Jede Bodenoperation birgt die Gefahr von Desertionen. Deshalb beschränkt sich die Armee in vielen Gebieten auf das Bombardement aus der Ferne. Dieser Beschuss macht jedoch nicht nur die Beschossenen mürbe, sondern allmählich auch die Schützen.

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Der Tag, an dem ich Ahmed treffe, hat morgens um 5.40 Uhr mit zwei schweren Explosionen begonnen. Das Beben des Bodens weckt mich, neben mir dreht sich Jamal auf seiner Matratze um. "Unsere Leute", murmelt er, "sie haben den Angriff begonnen." Seit zwei Wochen rennt die FSA in der Stadt gegen den letzten Armeestützpunkt an. Jamal ist der Leiter des örtlichen Medienzentrums des Aufstandes. Zwölf Aktivisten arbeiten in unserem Versteck rund um die Uhr, in Schichten, es sind Universitätsstudenten unterschiedlichster Fakultäten. Jamal, der englische Literatur studierte, schläft wieder ein. Er ist in diesen Tagen mein Begleiter, mein Beschützer, Gastgeber, manchmal auch Zensor. Abdul, massig und kurzatmig, steht lange vor dem Spiegel im Innenhof, er kämmt sich sorgfältig die lichten Haare. Dann geht er.

"It’s game time", ist auf sein T-Shirt gedruckt. Er wird auf das höchste Wohnhaus steigen und eine Liveschaltung einrichten. Abdul schaut von dort oben aus auf die ganze Stadt, den rosablauen Himmel des frühen Morgens über sich. Im Westen sieht er das Quartier der Militärpolizei, die Bastion der Assad-Truppen. 300 Mann und ein Panzer sollen hier noch den Rebellen Widerstand leisten. Alle anderen Feuerstellungen hat die Armee in den vergangenen Wochen räumen müssen. Die Soldaten haben faustgroße Löcher in die Wände ihrer Festung gebrochen, durch die sie nach außen feuern. Scharfschützen sitzen in den beiden Minaretten der angrenzenden Moschee. "Meide die Türme", hat mich Jamal gewarnt. Im Süden sieht Abdul den Militärflughafen von Minakh, wo die Hauptstreitmacht von Assad steht, die größte Basis der Region, 2000 Mann angeblich. Von dort beschießen schwere Artillerie, Panzer und Raketenwerfer die Stadt. Abdul wird die Kamera zwischen diesen beiden Orten hin und her schwenken. Heute übertragen drei arabische Fernsehsender live seine Bilder. Auch Al-Dschasira . Ein großer Erfolg. Üblicherweise riskiert Abdul sein Leben für revolutionäre Facebook-Foren und tausend Klicks am Tag. "Tausend Klicks sind super!", sagt er.

Als das Bombardement einsetzt, die Artillerie aus der Ferne schießt, bleibe ich im improvisierten Medienzentrum, einem Haus mitten im Gassengewirr, Erdgeschoss, von allen Seiten geschützt, so ist das Kalkül. Ich höre über mir das Bersten der Explosionen, den trockenen Doppelknall der Panzergranaten, das pfeifende Röhren der Raketen. Um mich herum tippen ungerührt die Aktivisten auf ihren Laptops, sie sitzen auf dem Boden und laden eben aufgenommene Videos ins Internet. Hin und wieder werfen sie einen Blick auf den Fernseher, wo das Standbild von Abdul flimmert, um zu überprüfen, an welchen Plätzen in der Stadt die Granaten einschlagen. "Schau, die Moschee", sagen sie, und: "Das Haus meines Onkels."