Manchmal kommt es Helfried Dietrich so vor, als befinde er sich mitten in einem Hase-und-Igel-Spiel. Als er Mitglied des Sozialverbandes Deutschland wurde, zum Beispiel. Der SoVD vertritt nach eigener Auskunft die Rechte von Rentnern, Versicherten und pflegebedürftigen Menschen. Er würde auch ihm dabei helfen, zu seinem Recht zu kommen, dachte Dietrich.

Also schilderte er dem zuständigen Referenten seinen Fall, erzählte ihm von seiner Ausreise aus der DDR im Sommer 1989, kurz vor dem Fall der Mauer. Eine drei Jahre dauernde Geduldsprobe war dem vorausgegangen, mit immer neuen Besuchen von der Stasi, mit dem Versuch, ihn und seine Frau von ihren Söhnen zu trennen. Dietrich beschrieb dem SoVD-Mitarbeiter die Ankunft der Familie im Aufnahmelager Gießen, das im Sommer 1989 bereits brechend voll war, er beschrieb ihm den Moment, als er den Aufnahmeschein in der Hand hielt, dieses Gefühl, endlich angekommen zu sein und dazuzugehören. Und dann erzählte er von dem Augenblick, in dem er erfuhr, dass all die Versprechungen des Westens nicht das Papier wert waren, auf dem sie gedruckt waren: Bei seiner Ankunft in Deutschland bekam er ebenso wie alle anderen Eingereisten zugesichert, dass sie bei der Berechnung der Rente so behandelt werden würden, als seien sie schon immer Bürger der Bundesrepublik gewesen – später aber, nach der Wende, machte man ihn im Nachhinein wieder zum DDR-Bürger. Ohne sein Wissen, durch einen Federstrich. Mit der Folge, dass er 600 Euro weniger Rente bekommt, als ihm eigentlich zusteht, sodass er jetzt, mit 72 Jahren, noch arbeiten muss.

Manche rechneten jahrzehntelang mit einigen Hundert Euro mehr Rente

»Es war wie immer«, sagt Dietrich. »Erst ungläubiges Staunen, dann gespanntes Nachfragen und später – Abwiegeln.« Das mit dem Abwiegeln kann er sich im Nachhinein erklären. Der Referent hatte inzwischen mit dem rentenpolitischen Berater des Sozialverbandes Rücksprache gehalten. Und der war vor seiner Pensionierung ein höherer Beamter in der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) gewesen – zuständig für die Rente des Helfried Dietrich. Da könne man leider nichts machen, sagte ihm der Referent plötzlich, das habe schon alles seine Ordnung so.

Und Dietrich fühlte sich wie der Hase, der immerzu läuft und läuft, doch wo er auch hinkommt, der Igel ist schon da.

Die Geschichte des ehemaligen Ingenieurs aus Erfurt, der im Sommer 1989 einen Staat verließ, von dem er sich innerlich schon Jahre vorher verabschiedet hatte, wäre schon empörend, wenn sie ein Einzelfall wäre. Aber das ist sie nicht. Mehr als 300000 Menschen, die vor der Wende in den Westen gingen, sind von einem rentenpolitischen Skandal betroffen, der erst 20 Jahre später in seinen ganzen Ausmaßen deutlich wird. Ein Skandal, den die Verantwortlichen seit Jahren erfolgreich herunterspielen.

Jetzt aber können die Betroffenen zum ersten Mal Hoffnung schöpfen: Vor wenigen Tagen hat der Bundestag eine mehrere Jahre alte Sammelpetition auf einstimmige Empfehlung des Petitionsausschusses bestätigt und das zuständige Bundessozialministerium aufgefordert, kurzfristig nach einer Lösung zu suchen. Damit sind nun alle Parteien im Bundestag dafür, dass die augenfällige Ungerechtigkeit beseitigt wird. Das Ministerium unter Ursula von der Leyen müsste nur noch seine Zustimmung geben und eine Änderung vorbereiten.

Es wäre eine verspätete Korrektur: Als Bundesrepublik und DDR im Einheitstaumel 1990 die Sozialunion aushandelten, einigten sie sich darauf, dass im Osten geleistete Arbeitsjahre auf der Grundlage des DDR-Sozialversicherungsausweises auf die künftige gesamtdeutsche Rente angerechnet werden sollten. Ein Rentenüberleitungsgesetz, kurz RÜG genannt, sollte später die Details regeln.