Salzburg 1937, Bühnenprobe Zauberflöte. Ein junger Pianist aus Budapest springt als Korrepetitor ein, setzt sich ans Klavier, wartet, der Dirigent erscheint verspätet: Arturo Toscanini persönlich gibt die Einsätze. "Ich folgte ihm, als ob mein Leben davon abhinge", erinnert sich der Pianist an die Probe. Nach einer Stunde macht der 70-jährige Maestro eine Pause, wendet sich an den jungen Unbekannten und sagt kurz und leise: "Bene." Das ist der Ritterschlag. Nie wird György Stern die knappe Bemerkung vergessen, sie lässt ihn durchhalten, als er, vor den Nazis in die Schweiz geflohen, acht Jahre warten muss, bis er endlich dirigieren darf. Dann wird er als Georg Solti zu einem der Größten.

Und zu einem jener fünf großen Dirigenten, die 1912 zur Welt gekommen sind. Das Schicksal hat sich den schier feuilletonistischen Spaß erlaubt, fast alle bedeutenden Vertreter einer Dirigentengeneration im selben Jahr auf die Welt zu schicken. Im Januar wird Günter Wand in Elberfeld geboren, im März Erich Leinsdorf in Wien, im Juli Sergiu Celibidache im rumänischen Iaszi, im September Kurt Sanderling im ostpreußischen Arys, im Oktober Georg Solti in Budapest – um nur die Big Five zu nennen. Die bloße Jahreszahl lässt sie zusammenrücken.

Soltis Begegnung mit Toscanini ist typisch für eine Generation europäischer Musiker , deren Vorbilder alle noch aus dem 19. Jahrhundert kommen. Mahler war ein Jahr zuvor gestorben , Debussy wurde 50, Strawinsky saß am Sacre. Die Kinder dieses Jahres verbinden uns mit einer Epoche, in der großartige Werke des Repertoires entstanden. Mit Mitte zwanzig, in blühendsten Jahren, geraten sie ins "Dritte Reich", in die Emigration, in den Zweiten Weltkrieg , bei Kriegsende sind sie noch so jung, dass sie bis ins späte 20. Jahrhundert prägend bleiben.

Noch jetzt – oder: aufs Neue – setzen sie Maßstäbe. Sicher nicht, weil es derzeit keine großen Dirigenten gäbe. Eher schon, weil der antiautoritäre Reflex gegenüber den Orchesterzuchtmeistern nachgelassen hat. Weil man sich für die musikalischen Linien interessiert, die vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart führen. Selbst der einst schier überpräsente Herbert von Karajan , nach seinem Tod lange Zeit seltsam beschwiegen, wird mittlerweile neu entdeckt. Doch die biografischen Brüche, die kreativen Schübe der 1912er erzählen mehr über das "Jahrhundert der Extreme", auch in ihrer unterschiedlichen Ästhetik.

Ganz weit oben begann Sergiu Celibidache: Der Sohn eines rumänischen Offiziers war 1936 nach Berlin gezogen, als viele der Besten schon von dort emigriert waren. Weil Wilhelm Furtwängler, den Alliierten politisch verdächtig, zeitweilig nicht die Berliner Philharmoniker dirigieren durfte und sein Stellvertreter Leo Borchard durch ein Missverständnis am Checkpoint Charlie erschossen wurde, sprang 1946 der junge Rumäne ein, der noch nie am Pult eines Orchesters gestanden hatte. Mitschnitte aus jenen Jahren lassen keinen Zweifel daran, dass hier einer fürs Dirigieren geboren war.

Erich Leinsdorf musste sich wie Solti und Sanderling als Jude vor den Nazis retten. Noch vor dem "Anschluss" verließ der Wiener Musikersohn seine Heimat gen New York, wo er, von Toscanini empfohlen, sogleich an der Met dirigierte. Georg Solti bekam seine Chance in München, wo die amerikanische Militärbehörde 1946 einen unbelasteten Mann für die Oper suchte. "Stinkend vor Talent", wie er sich beschreibt, legte Solti einen Steilstart hin. Kurt Sanderling, Kaufmannssohn wie Wand und Solti, floh 1935 aus Berlin nach Stalins Moskau, bis dahin hatte er nur als Korrepetitor gearbeitet. Sein Metier lernte er dann im sibirischen Exil der Leningrader Philharmoniker als Assistent von Jewgeni Mawrinsky – mithin vor einem der besten Orchester der Welt.

Alle drei Emigranten erreichten als Mittvierziger erste Gipfel, die nachzuhören sind. 1956 entstand Sanderlings heute legendäre Aufnahme der von Schwulst befreiten Vierten Sinfonie von Tschaikowsky, 1958 sprang Solti ein für eine Decca-Aufnahme von Wagners Rheingold mit den Wiener Philharmonikern. Neben dieser 24-Kanal-Aufnahme klingen andere Einspielungen jener Jahre wie mit dem Faustkeil ins Vinyl graviert. Der Rheingold- Erfolg führte zur ersten Gesamtaufnahme des Rings, deren Weltglanz und Schärfe bis heute unübertroffen sind. Leinsdorf landete keinen solchen Hit, aber er setzte in Mozarts Opern neue Maßstäbe inspirierter Präzision.

Sie verbanden die Musik mit ihrem Leben

Und so sprechend und klar, wie er später als Chef des Boston Symphony Orchestra Mozarts Sinfonien realisiert, ist er der Revolution der historischen Aufführungspraktiker um 20 Jahre voraus. Dass man nicht einfach spielen kann, "was da steht", sondern die historischen Bedingungen des Komponisten ergründen sollte, schrieb Leinsdorf 1981 in seinem Buch Composer’s Advocate als Resümee der eigenen Arbeit, während andere über einen neuen Weg zur Klassik erst nachzudenken begannen.

Während Leinsdorf durch Neuauflagen seiner Aufnahmen aus dem Schatten tritt, scheint die Begeisterung für einen anderen Maestro etwas zu ermüden. Celibidache hatte nach dem frühen Triumph die bitterste Kränkung erlebt. Als es um Furtwänglers endgültige Nachfolge ging, entschieden sich die Berliner Philharmoniker für Herbert von Karajan. Das schlug eine Wunde, aus der nach langen Wanderjahren das Wunder seiner späten Jahre blühte: Von 1979 an machte Celibidache die Münchner Philharmoniker zum Weltklasseorchester mit Anton Bruckner als Hausheiligem.

Man muss den späten Celibidache live erlebt haben, um ihn zu verstehen – er, der Schallplatten als "tönende Pfannkuchen" ablehnte, sah das selbst so. Wer Filmmitschnitte sieht, begreift die Faszination eines Mannes, der durch suggestive Gestik und Mimik und schiere Präsenz die Musik selbst hervorzubringen scheint. Wer aber die Liveaufnahmen von Bruckners Siebter auf CD vergleicht, die Sergiu Celibidache und Günter Wand in ihren Achtzigern machten, versteht, warum "Celi" das Publikum spaltete. Einst brennend genau, lässt er im Alter alles fließen. Subkutan liquidiert er das Metrum, willkürlich verkürzt er Generalpausen und löst in verschmelzenden Übergängen die Architektur der Registerwechsel auf.

Gerade die führt bei Günter Wand und dem NDR-Sinfonieorchester zu Momenten der Größe – wenn etwa ein neuer Klang an den alten punktgenau andockt – unheimlich, berührend. Wand ist nie suggestiv. Eher wird etwas enthüllt, als dass es entstünde, die spirituelle Dimension darin hat etwas Aufgeklärtes. Und die Demut entspricht der Geduld des Dirigenten, der seinen Durchbruch zur internationalen Größe erst erlebte, nachdem er 35 Jahre lang treu der Stadt Köln und ihren Orchestern gedient hatte und dann aufs Altenteil gedrängt wurde. Da startete er einen Bruckner-Zyklus, wurde mit 70 Jahren an die Spitze des NDR-Orchesters gerufen und in den verbleibenden 20 Jahren seines Lebens zum Gegenpol des schamanischen Celibidache.

Parallel dazu begann der späte internationale Ruhm des Kurt Sanderling, der 2011 als letzter der Titanen starb . Wenn er Schostakowitschs fünfzehnte Sinfonie aufführte, leicht vorgeneigt, den großen Kopf mählich wendend, knappe, ruhige Gesten, erlebte man die Erzeugung von Bewusstsein. Im Finale begab sich Schostakowitsch gleichsam auf einen Aussichtsplatz im Kosmos, während Sanderling hören ließ, was man von da sieht. "Die Welt, wie sie ist, nicht, wie sie sein sollte", dieses Wort Sanderlings über Musik von Sibelius beschreibt auch das Horizonterweiternde seiner Kunst.

1960 war Sanderling in die DDR gezogen, um das Berliner Sinfonieorchester zur Antwort auf Karajans Philharmoniker zu machen, während Solti ab 1969 sein Chicago Symphony Orchestra zur Perfektion trieb. Wie die beiden Mahlers Neunte realisierten, Sanderling 1978, Solti 1981, das ermöglicht einen der spannendsten Vergleiche. Im ersten Satz hat man den Eindruck, die Welt einmal bei Nacht und einmal bei Tag zu sehen. Sanderlings Mahler ist zerfetzt und todesnah. Disparates bleibt getrennt, Melodien sind so einsam wie verlassene Kinder. Solti bietet diesen Kindern ein Zuhause, eine Geborgenheit ist ahnbar, keine verharmlosende, sondern die einer fantastisch gut gebauten Partitur.

Hinter seiner Präzision leuchtet die Zuversicht, deren Verlust Sanderling mit brennendem Herzen nachweist. Beides ist wahr. Es ist die Verbindlichkeit, die die 1912er für uns wichtig bleiben lässt. Sie verbanden die Musik mit ihrem Leben, mit den Linien, Visionen, Katastrophen und der Kindheit jenes Jahrhunderts, aus dem unseres immer noch hervorgeht. Autoritäten, von denen wir gern ein "bene" hören würden. Aber 500 lieferbare Aufnahmen helfen ja auch.