Es ist fast ein Vierteljahrhundert her, dass der französische Designer Philippe Starck sein erstes Hotel entworfen hat: das Royalton in New York. Ein Haus, das die Hotelwelt revolutioniert hat, obwohl oder vielleicht gerade weil die Stühle unbequem waren und auch der Rest nicht eben vor Sinnlichkeit strotzte. Danach tobte sich Starck in so ziemlich allen Bereichen des Lebens aus. Er entwarf eine Säuglingsflasche für die US-Billigmarke Target, schuf Behältnisse für die Küche und machte selbst vor der Kreation einer Klobürste nicht halt. Das Zeug war nicht sonderlich innovativ, es sah nur etwas cooler aus.

In der Hotelwelt war es um Starck in den letzten Jahren ruhig geworden, bis wieder eine Herberge mit königlichem Namen den Designer auf den Plan rief: das Royal Monceau, eine Institution in Paris seit seiner Eröffnung 1928, beliebt bei Künstlern wie Jean Cocteau oder Josephine Baker. Rund 100 Millionen Euro sind seit 2008 in die Renovierung geflossen. Und entgegen aller Skepsis, mit der man nach Paris gereist ist, um das Hotel gleich um die Ecke des Arc de Triomphe zu sehen: Es ist sinnlich, elegant und für ein Projekt von Starck geradezu lauschig.

Beim ersten Betreten allerdings ist man noch kurz irritiert: Denn die Lobby eröffnet sich einem nicht gleich in voller Opulenz, sondern versteckt sich hinter einer weiteren Tür aus Glas und Stahl. Davor wird eingecheckt und Gepäck abgegeben, dahinter beginnt das Vergnügen.

In der Lobby läuft man über schräg liegende Teppiche, in die Artischockenmuster gewebt sind. Unter mildem Licht stehen Sofas und Sessel wie zufällig gruppiert. Aber was heißt hier Lobby? Eher hat man das Gefühl, in einer Theaterhalle zu sein, mit Blick auf gleich mehrere grandiose Bühnenbilder. Links eine Treppe in einem Spiegelkabinett aus Glas und Kronleuch-tern – es erinnert an die Galerie des Glaces im Schloss Versailles. Rechts die Bar, in der Starcks Verspieltheit sich erst bei genauem Hinsehen zeigt: Kein Cocktailglas gleicht dem anderen, und in einer Säule steckt ein kleiner Glaskubus, in dem ein Käfer sitzt.

Geradeaus schließlich das Restaurant La Cuisine. Weiße, rosafarbene und rote Weinflaschen türmen sich an der Stirnwand auf Glasregalen, indirekt beleuchtet. Auch dieser Raum wird von Säulen gestützt, an ihnen hängen Schwarz-Weiß-Fotos aus den dreißiger Jahren. Der Kellner sieht einem an diesem Mittag schon an, dass man noch etwas müde ist, und empfiehlt einen Platz auf einem der Sofas des Restaurants. Da sitzt man bequem und wird zugleich ein Mitspieler in der Inszenierung des Raums. Die gedünstete Seezunge in Arbois-Weinsauce ist übrigens grandios!

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Geschickt in Szene gesetzt fühlt man sich überall in diesem Hotel. Eine kleine Panne erleidet die Inszenierung dann, kurz nachdem man sein Zimmer aufgesucht hat. Man öffnet die Tür der Toilette, die vom Bad getrennt und so schummerig wie ein Darkroom beleuchtet ist. Der Klodeckel öffnet sich automatisch, doch kaum sitzt man auf der beheizten Brille, da eröffnen sich auch die Probleme. Die Symbole auf der Bedienungsarmatur sind nicht zu erkennen. Beim ersten Versuch wird man von heißem Saharawind überrascht, der von unten gegen den Po bläst. Beim zweiten glaubt man, auf den Fontänen eines Versailles-Springbrunnens zu sitzen. Glücklicherweise gibt es Papier, das von einer Rolle kommt – und fast archaisch anmutet.

Ja, das war stressig. Deshalb beschließt man, das Spa aufzusuchen, um sich ein bisschen verwöhnen zu lassen. Also ab in den Bademantel. Er hängt im Bad, das einem Spiegelkabinett gleicht, während das Zimmer an eine skurrile, aber stilvolle Sammlung von Requisiten erinnert. Hier steht eine Gitarre, dort eine hölzerne Hand, die eine Perlenkette hält. Anderswo würde die gesteppte, champagnerfarbene Tagesdecke im Stil der fünfziger Jahre piefig aussehen, hier wirkt sie geradezu erotisch. Der Schirm der Nachttischlampe ist von Hand beschrieben ("Wiedersehen um 16 Uhr?"), darunter hängt ein gerahmter Originalbrief von Jean Cocteau.

Man darf sich freuen, dass man mit seinem Bademantel im Spa überhaupt bemerkt wird; denn hier ist alles weiß: Boden, Wände, Regale, Tücher. Und wieder ist man auf einer Bühne. Diesmal erscheint sie so minimalistisch wie bei einer Inszenierung von Robert Wilson. Auch die Akteure spielen ihre Rollen perfekt. Der Bademeister am Beckenrand sitzt in seiner ganzen Schönheit da und wartet schweigend auf seinen Einsatz. Als man sich anschließend auf die vorgeheizte Liege legt, fragt die Masseurin, ob einem Jazz oder Klassik genehm ist oder ob man lieber gar nichts hören möchte. Anschließend löst sie jede Verspannung. Wenn doch nur jede Inszenierung so erholsam wäre wie diese!