Was empfindet ein KZ-Häftling, dessen Aufgabe es ist, die Menschen, die im Gas ermordet werden sollen, aus den Güterwagen zu treiben, ihnen den letzten Besitz abzunehmen, sie auf Lastwagen zu pferchen und die Leichen der Kinder, die schon während des Transports erdrückt wurden, hinterherzuwerfen?

In Tadeusz Borowskis Erzählband Bei uns in Auschwitz wird eine schockierende Antwort auf diese Frage gegeben: Er empfindet Wut, jedoch nicht oder zumindest nicht nur auf die SS-Leute, die ihn zu dieser schrecklichen Arbeit zwingen, sondern auch Wut auf die Menschen, die in den Tod gehen – weil sie es zu langsam tun, weil sie zu laut klagen, weil sie die unangenehme Arbeit in die Länge ziehen.

Der polnische Autor Tadeusz Borowski (1922 bis 1951) schrieb als junger Mann Gedichte von einer eigentümlichen poetischen Kraft. 1943 wurde er verhaftet, kam als politischer Häftling nach Auschwitz-Birkenau. In den ersten Jahren nach Kriegsende verfasste er die Kurzgeschichten, die in Bei uns in Auschwitz zusammengefasst sind und in denen er nüchtern beschreibt, was er in Auschwitz gesehen hat. Erstaunlicherweise verzichtet er fast völlig auf die Beschreibung von Emotionen. Aber Gefühle waren in Auschwitz lebensgefährlich.

Nach seinem ersten Einsatz an der Rampe staunt Tadek, die Hauptperson aller Geschichten, noch darüber, dass er kein Mitleid empfindet – das sei doch pathologisch. "Ach wo! Ganz im Gegenteil!", beruhigt ihn ein erfahrener Kollege: "Das ist normal, vorgesehen und im Voraus berechnet. Die Rampe geht dir auf die Nerven, du kriegst Wut, und die Wut kannst du am besten an den Schwächeren auslassen."

Borowski zwingt uns, in Abgründe der menschlichen Psyche zu blicken: Mitgefühl ist situationsbedingt, jeder Mensch kann zur Waffe gemacht werden. Nach dem Krieg wurde der Autor von katholischer Kirche und Kommunisten gleichermaßen als Zyniker kritisiert. Aber ein Zyniker war Borowski nicht. Er war einer, der seines Glaubens an die Empathiefähigkeit der Menschen brutal beraubt worden war, einer, der mutig genug war, den Verlust dieses Glaubens zu bekennen, und zugleich einer, der zu idealistisch war, um ohne diesen Glauben leben zu können: 1951 nahm er sich im Alter von 28 Jahren mithilfe von Gas das Leben. Damit ging nicht nur ein wichtiger Zeuge verloren, sondern auch ein literarisches Genie, dessen Werk nicht genug Beachtung erhalten kann.