Die Wucht und Geschwindigkeit, mit denen 1958 der postum erschienene Roman eines sizilianischen Adeligen über das Leben seines Urgroßvaters zum Welterfolg wurde, sind bis heute erstaunlich. Wer sollte sich Mitte des 20. Jahrhunderts noch für den Niedergang des sizilianischen Hochadels im 19. Jahrhundert interessieren und seiner verlöschenden Lebensform melancholisch nachsinnen? Der Autor selbst, Giuseppe Tomasi, Fürst von Lampedusa, Herzog von Palma und Palermo, Baron von Montechiaro etc. etc. (1896 bis 1957), hatte seinen ersten und einzigen Roman jedenfalls nicht mehr vor seinem Tode veröffentlichen können. Erst ein Jahr danach platzierte ihn der Schriftsteller Giorgio Bassani bei Feltrinelli; aber fünf Jahre später war er schon mit Burt Lancaster, Claudia Cardinale und Alain Delon in den Hauptrollen verfilmt und brachte dem Regisseur Luchino Visconti die Goldene Palme in Cannes.

War es nur ein schwerer Fall von Nostalgie, der Sehnsucht nach Prunk und Verfeinerung einer entschwundenen Zivilisation, der den Erfolg des Romans befeuerte? Das Buch selbst ist frei von jeder Verklärung; es sieht stürzen, was stürzen muss, ohne indes dem Neuen, was mit dem Aufstieg des Bürgertums und mit der italienischen Staatsgründung im 19. Jahrhundert heraufzieht, sonderliche Sympathien entgegenzubringen. Die Liebesgeschichte, die im Mittelpunkt des Romans steht, geht nicht glücklich aus; sie ist geradezu ein Sinnbild für die pessimistische Geschichtsphilosophie des Autors. Der junge Prinz Tancredi heiratet dort die Bürgerstochter Angelica; die Ehe ist sozusagen der historische Kompromiss, den der alte Feudaladel mit der neuen Bourgeoisie schließt, um sein Überleben zu sichern. "Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert", lautet Tancredis Maxime. Sie erweist sich als Irrtum.

Unter den Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft gibt es so oder so, mit Ehe und bürgerlichem Geld oder ohne, keinen Platz mehr für den Adel; es sei denn als dekorative Hülle. Aber auch das Bürgertum – und hier beginnt die zeitgenössische Brisanz von Tomasis Roman – erweist sich bei aller vulgären Vitalität schon als brüchig und gefährdet durch die Heraufkunft einer organisierten Massengesellschaft, die der Autor am Horizont sieht. Dieses sanfte und ironische, elegische und poetische Buch ist im Kern auch eine Geschichte der Klassenkämpfe; nicht zufällig avancierte es zu einer Lieblingslektüre marxistischer Literaturwissenschaft.

Nur freilich teilte Tomasi di Lampedusa nicht den Erlösungsoptimismus der Marxisten. In der Geschichte wechseln sich die herrschenden Klassen ab; eine jede geht zu Recht zugrunde, aber ohne Humanitätsfortschritt im Ganzen. Der Feudaladel war ungerecht, aber treu und stabil; das dynamische Bürgertum herrscht schon weitaus brutaler, aber seine Ausbeutungstechnik provoziert auch den Aufstand der Massen, die indes an der Macht gewiss nicht erfreulicher sein werden. In den demagogischen Exzessen der italienischen Staatsgründung lässt der Autor schon den Fanatismus der totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts, rechter wie linker Couleur, ahnen.

Insofern schildert das Buch keine Welt von gestern; ohne die Erfahrung von Hitler, Mussolini und Stalin hätte es so nicht geschrieben werden können. Tomasi di Lampedusa begreift das 19. Jahrhundert als Vorgriff auf das 20., als Probelauf kommenden Unheils und kommender Irrtümer – nur freilich mit dem poetischen Vorzug, dass sich dort noch das Verhängnis mit Bitterkeit und Süße, Ironie und mitfühlender Menschlichkeit erzählen lässt.

Übrigens war der Autor ein glühender Bewunderer Stendhals; das stilistische Vorbild ist überall zu entdecken und gibt mit seiner Knappheit und Eleganz dann doch auch ein Zeugnis des 19. Jahrhunderts, das die Feuertaufe der Moderne mühelos überstand.