Wozu brauchen wir die Kunst? Die romantische Idee des Gesamtkunstwerks antwortet: Um dieser erbärmlichen Welt eine bessere, schönere entgegenzusetzen. Die Kunst soll den Menschen für das Höhere öffnen, sie soll ihn zum Licht, zum Göttlichen führen. Und deshalb gilt: "Kunst und Religion müssen sich einen." Das sagte der Neoromantiker Johann Michael Bossard und schritt zur Tat, kaufte 1911 ein 30.000 Quadratmeter großes Grundstück in Jesteburg am Rand der Lüneburger Heide und errichtete in rund vierzig Jahren tatsächlich ein Gesamtkunstwerk, eines der abstrusesten und zugleich schönsten, der verwegensten und zugleich rührendsten, die man je gesehen hat.

Umgeben von einer Monolithenallee, einem Klostergarten und einem Skulpturenpark, stehen da ein hochgiebeliges Atelierhaus und ein veritabler Kunsttempel. Nach Süden zu wandelt sich das Gelände in eine offene Heidelandschaft, im Norden nimmt es die strenge Form eines riesigen, von Fichten gebildeten Omegas an. Die Kunststätte Bossard ist ein Ensemble aus Landschaftsgarten, Architektur und Malerei, aus Steinplastiken, Schnitzereien und keramischen Arbeiten. Jede Mauerkante, jeder Türsturz trägt vielsagende Bildwerke, und das Ganze strahlt beides aus: unschuldige Anmut und übermächtige Ambition.

Bossard, der aus der Schweiz stammte und in Hamburg an der Kunstgewerbeschule lehrte, hat seine Idee 1925 so beschrieben: "Den Heidewanderern, den sehnsüchtigen jungen Menschen der Großstadt, soll zum Naturgenuß der weiten Ebene und des hohen Himmels des niederdeutschen Landes der Atem Gottes, wie er am reinsten und doch menschennahesten aus dem großen einheitlichen Kunstwerk quillt, eine schönheitliche Quelle, eine Stätte innerer Einkehr errichtet werden." Ja, so hat man damals geredet, um nicht zu sagen gefaselt.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Kommt aber nun der spottlustige Großstädter aus der Wüstenei der Gewerbegebiete und Autobahnen gen Bossards Tempel gewandert, so erfasst ihn, kaum steht er in dem lichtdurchfluteten, von Bildern und Farben überquellenden Raum, dann doch die "schönheitliche Quelle". Fast fühlt er sich in eine altdeutsche Kapelle versetzt, wo dem Eingang gegenüber das Altarbild leuchtet. Hier zeigt es eine Lichtgestalt in Regenbogenfarben. Der alte Gott, der neue Mensch? Wohin der Besucher auch blickt, blicken Bilder zurück und ziehen ihn hinein in die Tiefe mythischer Erzählungen. Er ahnt Theosophisches, Lebensreformerisches, aber er muss die Allegorien und Zahlensymbole nicht entschlüsseln, um die Schönheit des Raums zu erfahren. Auf unklare Weise ist er gerührt, weil ihm das Wollen Bossards zuweilen stärker scheint als sein Können, und eben auch beeindruckt, weil hier jemand etwas gewollt hat, das größer war als er. Und wenn dann plötzlich das Klimagerät in die Stille hinein zu rattern beginnt, erschrickt der Besucher und spürt: Er war in einer anderen Welt.

"Und dann war ich aus der Welt ausgetreten", schreibt die Studentin Jutta Bossard kurz nach der Hochzeit mit ihrem fast dreißig Jahre älteren Professor. Die Kunststätte wird ihr gemeinsames Projekt. Zusammen haben sie alles ausgemalt und geschmückt, die Fassaden, die Türen, die Fenster und Oberlichter. Das Atelier ist eine Orgie nordischer Sagen, wo selbst die Heizkörperverkleidung noch bedeutungsvoll ist. Man atmet den zivilisationsmüden, antimodernen Geist jener Jahre, in denen auch Hans Henny Jahnn seine Ugrino-Gemeinde gründete (ebenfalls in der Heide, es scheint ein besonderer Boden), eine utopische Künstlerkommune, aus der nie etwas wurde. Auch Bossard hatte wohl die Idee, sein Projekt zu einem Lebenskunstwerk zu machen, in dem der neue Mensch heimisch werden könnte, aber er war dann doch zu sehr am Handwerk interessiert, um ideologisch abzuheben, und man staunt, welche Stile er beherrschte: die akademische Zeichnung ebenso wie einen abstrakten Expressionismus, um dann wieder in einen manchmal sentimentalen Symbolismus zu verfallen.

Das stört den Besucher nicht. Er ist ja nicht als Kunstkritiker gefragt, wie er sofort spürt, sondern als Wanderer, der aus der Gegenwart kommt und sich einem anderen Geist öffnen soll. So geht er denn umher und staunt und wundert sich – und freut sich, dass Stadt und Land und Stiftungen die Restaurierung des Ensembles ermöglicht haben, hier unter dem hohen Himmel des niederdeutschen Landes.