Erwachsenwerden ist nicht leicht. Das gilt für Menschen genauso wie für Unternehmen. Vor wenigen Jahren noch war Facebook das coole Kid der Jugend. Es war die Vernetzungsmaschine, die die Welt auf Kinderzimmergröße verkleinerte und sie heimelig machte. In der Pubertät wurde es dann schon schwieriger: Die Leute rannten weiter zu Facebook, aber die Datenschützer begannen zu schreien: Stoppt den Datenkraken! Und den Sprung in die Berufskarriere vermasselte der Quasi-Monopolist völlig. Sein 18. Geburtstag, der Börsengang, wurde zur Katastrophe. Der Aktienkurs stürzte am ersten Tag ab und hat sich seitdem nicht wieder erholt.

Heute, zwei Monate nach dem Börsengang, versucht Facebook, mit den Bürden des Erwachsenseins klarzukommen. Es muss jetzt möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen, das verlangen die Aktionäre. Wie die Kalifornier das anstellen wollen, wurde in den vergangenen Wochen sichtbar. Zunächst poppte bei manchen nach der Anmeldung auf Facebook ein neues Fenster mit der Frage auf: "Ist dies der echte Name deines Freundes?" Die Nutzer konnten das wegklicken. Sie konnten aber auch antworten und schreiben: Nein, mein Freund heißt nicht "Rainer Zufall", sondern "Michael Müller".

Facebook will, dass sich jeder im Netzwerk ausweist. Vorbei sind die verspielten Zeiten mit Zweit- und Drittidentität. Das Internet wird zum Melderegister, und in freundlichem Gewand gibt’s eine Neuauflage totalitärer Methoden: Facebook fordert Freunde auf, Freunde zu verpfeifen. Denn Datenpakete von einzelnen Nutzern lassen sich nun einmal viel besser verkaufen, wenn sie mit einem Klarnamen versehen sind. Sie entfalten ihr volles ökonomisches Potenzial erst, wenn sie mit anderen Daten über dieselbe Person verknüpft werden können. Hinter der PR-Lektion "Wir sind ein seriöses Netzwerk, da könnt ihr besten Gewissens mit eurem richtigen Namen erscheinen" steckt also: Wir wollen euch in echt, nur mit eurem echten Namen können wir richtig Kohle machen.

Die zweite Neuerung kam von Joe Sullivan, dem obersten Sicherheitschef von Facebook. Stolz verkündete er, dass Facebook bei der Jagd auf Verbrecher behilflich sei. Ein Programm durchsucht private Gespräche nach Schlüsselbegriffen – als Referenz dienen alte Chat-Protokolle, die sexuellen Übergriffen vorausgegangen sind. Sullivans leuchtendes Beispiel: Ein Mann aus Florida, Anfang 30, schrieb sich mit einem jungen Mädchen. Das Programm schlug Alarm. Die Facebook-Mitarbeiter lasen den Chat, riefen die Polizei, und die nahm den Mann fest. Auch in Deutschland gehe Facebook "proaktiv" auf die Ermittlungsbehörden zu, sagt das Unternehmen.

Facebook fährt damit einen riskanten Kurs: Die großen Provider und Netzwerke kämpfen seit Jahren dagegen, dass sie für die Inhalte auf ihren Seiten verantwortlich gemacht werden können. Sie fürchten, dass sie sich damit paralysieren und ihre Geschäftsmodelle einbrechen könnten. Facebook weicht diesen strikten Kurs auf, tritt die Flucht nach vorne an und will dem Staat mit der Verbrecherjagdhilfe zeigen: Wir sind auf deiner Seite. Wir kämpfen zusammen für das Gute, für eine Welt, in der all die Breiviks, Faschos und Sexmonster keinen Platz haben. Dass sie damit tief in die Privatsphäre der einzelnen Nutzer eingreifen? Dass sie ihre Macht der Totalüberwachung bedenkenlos ausspielen? Geschenkt. Wichtig ist ihnen der Kuhhandel: Wenn Facebook etwas für den Staat tut, soll der Staat auch etwas für Facebook tun. Und zwar: keine neuen Restriktionen beim Thema Datenschutz beschließen.

Von Kindesbeinen an ist das Dilemma von Facebook der Widerspruch zwischen den ökonomischen Zielen der Macher und dem freundschaftlichen Gewand, das dem Nutzer suggerieren soll: Hier ist dein privates Reich, kein Mensch kommt dir in die Quere. Niemand kann Facebook jetzt, da es erwachsen ist, vorwerfen, dass es Geld verdienen will. Das wollen alle Unternehmen. Aber die ewig bange Frage für die Kalifornier ist: Machen die Mitglieder weiter so brav mit wie bisher? Denn wenn irgendwann alle Gesichter auf allen Fotos zugeordnet sind, wenn alle Mitglieder mit Klarnamen angemeldet sind, wenn alles Unreine, alle Faschos und Sexmonster erfolgreich aus Facebook vertrieben sind, kann der ökonomische Optimierungswahn leicht ins Gegenteil umschlagen. Dann könnte das einst so hippe Facebook-Kid als Erwachsener vor allem eins werden: langweilig und bedrückend.