Will man als Laie eine Wanderzeit ermitteln, kann man also so vorgehen: Man rechne in flachem Gelände mit 4,2 Kilometern pro Stunde und addiere für jede Höhendifferenz von 300 Metern bergauf eine zusätzliche Stunde. Beträgt die horizontale Entfernung bei einer Tour beispielsweise 12,6 Kilometer und der Aufstieg 600 Meter, dann ergibt sich als Wanderzeit: 3 + 2 = 5 Stunden. »Als erste Annäherung ist das durchaus brauchbar«, sagt Andreas Wipf.

Für den Profi sind solche Faustregeln natürlich viel zu ungenau. Der rechnet nämlich mit der Formel: »t_to = {L • [C0 + (C1 • S) + (C2 • S2) + (C3 • S3) + (C4 • S4) + (C5 • S5) + (C6 • S6) + (C7 • S7) + (C8 • S8) + (C9 • S9) + (C10 • S10) + (C11 • S11) + (C12 • S12) + (C13 • S13) + (C14 • S14) + (C15 • S15)]} / 1000« – der ultimativen Formel zur wissenschaftlich exakten Wanderzeitenberechnung.

»Das sieht komplizierter aus, als es ist«, beruhigt der Wanderwegespezialist Felix Kromer. t_to sei das Kürzel für die Wanderzeit zwischen zwei Orten, L stehe für die Horizontaldistanz und S für die Steigung zwischen Start und Ziel. Und dann gibt es noch 15 Konstanten, die sich aus mathematischen Gründen als notwendig herausgestellt haben, etwa C0 = 14,27, C1 = 0,37, C2 = 0,03. »Die Kurve, die dieses Polynom 15. Grades beschreibt, sieht aus wie der Schwanz eines Drachen«, versucht Kromer die Sache plastisch zu machen, »eine Wellenlinie mit acht Bögen nach oben und sieben nach unten.« Und für die Wanderzeiten sei vor allem das U-förmige Teilstück des letzten Bogens maßgebend: »Die dortigen Steigungen entsprechen denjenigen der Wanderwege.« Einziger Nachteil der Formel: Bei Wegstrecken mit einer Steigung von mehr als 40 Prozent ist sie überfordert.

Mit Wehmut erinnert sich Kromer, der von 1987 bis 2004 Technischer Leiter der Schweizer Wanderwege war, an die Zeit, als diese Zauberformel entstand. Ein Kollege vom Bundesamt für Landestopografie leistete Pionierarbeit und recherchierte im Wanderwegenetz der Schweiz nach Routen mit konstanter Steigung. »Eine echte Herausforderung«, erinnert sich Kromer. Insgesamt fand der Mann 162 solche Wegstrecken, alle unterschiedlich steil. In Testwanderungen marschierte er sie persönlich ab und stoppte die Zeit. Der Sohn dieses engagierten Mannes wiederum war EDV-Experte und entwickelte auf Basis der erwanderten Daten das Polynom 15. Grades. Vater und Sohn dürfen daher mit Fug und Recht als die Einsteins des Wanderns gelten.

Kromer, der heute Geschäftsführer der Firma Kromer Mobility ist, ließ den Algorithmus in ein Geoinformationssystem namens gowalk implementieren. Zwar mussten die Höhenmeter der einzelnen Wegweiserstandorte noch nach der alten Methode aus der Landkarte herausgemessen werden. Anschließend aber gab man die Daten in den Computer ein und bekam sofort ein Resultat. Das erste digitale Geländemodell der Schweiz namens DHM25 – ein landesweites Raster aus Quadraten mit 25 Meter Seitenlänge – sei ein weiterer Schritt nach vorn gewesen, erzählt Kromer. Jetzt macht gowalk es möglich, Wanderzeiten automatisch zu berechnen. 18 der 26 Schweizer Kantone setzen mittlerweile auf dieses System.

Deutschland ist von solchen Verhältnissen weit entfernt. Immerhin: Im Schwarzwald – wo noch um das Jahr 2000 rund 150 unterschiedliche Markierungssysteme verbreitet waren – wurden die Wegweiser und Wanderzeichen nach Schweizer Vorbild vereinheitlicht. Doch die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Viele Wanderer wünschten sich gar kein flächendeckendes Angebot optimierter Wanderpfade, meint der Soziologe Rainer Brämer vom Deutschen Wanderinstitut in Marburg . Sie suchten »erlebnisoptimierte Leitwege«.

Trotz der Aufwertung des Wegenetzes im Schwarzwald stieg die Popularität anderer deutscher Wandergebiete stärker an. »Die gezielte Orientierung an den tatsächlichen Wünschen der ›Wanderkunden‹ hat sich gegenüber der flächendeckenden Bereinigung des Leitsystems als zumindest touristisch vorteilhafter erwiesen«, schreibt Brämer in einer Studie. Sein Verdacht: »Viele Gäste tun sich im Schwarzwald heute schwer, aus der Vielfalt der Wegenetzmaschen selbst einen attraktiven Rundweg zusammenzustellen.«

Was treibt sie wirklich um, die Wanderer? Das Deutsche Wanderinstitut hat dazu zahlreiche Umfragen durchgeführt: Mehr als die Hälfte der Deutschen (55 Prozent) geben an, dass sie zumindest gelegentlich wandern. Der Imagewandel hin zum Trendsport für junge Leute, den viele Tourismus-Marketingexperten anstreben, scheint jedoch nicht gelungen: Wie in früheren Jahrzehnten ist der durchschnittliche deutsche Wanderer 48 Jahre alt. Die Durchschnittswanderzeit ist allerdings dramatisch gesunken, auf gerade mal zweieinhalb Stunden. Ebenfalls erstaunlich: Nicht die Großstädter zieht es in die Natur, sondern prozentual häufiger die Bewohner von Kleinstädten.

Bei den Nichtwanderern, so hat die Forschung festgestellt, gehören rund drei Viertel zur Gruppe der »naturfernen Nichtwanderer«. Sie für das Wandern zu interessieren wird sehr schwerfallen. Interessanter für die Wanderlobby ist das kleinere Segment der »verhinderten Wanderer«. Der Soziologe Rainer Brämer hat erforscht, was die Nichtwanderer konkret am Wandern hindert. Neben gesundheitlichen Problemen nannten die Befragten vor allem »zu langweilig« und »zu anstrengend« (jeweils 27 Prozent). Immerhin 7 Prozent gaben aber auch »Orientierung zu schwer« als Grund an.