Beim steilen Abstieg unter die Stadt kann es ältere deutsche Besucher schon mal wie ein Blitz treffen. Erinnerungen an ihre Kindheit in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs überfallen sie dann. Denn Kellerluft schlägt ihnen entgegen, Fliegeralarm schrillt aus Sirenen, flackernde Notbeleuchtung simuliert Einschläge in die Nachbarhäuser.

Die jüngeren Touristen aus aller Welt, die Studenten und Schüler dagegen beeindruckt fürs Erste mehr, wie schnell sie Andalusiens Hitze entflohen sind. Der kühle, enge Gang, durch den sich die etwa 30-köpfige Gruppe in neun Meter Tiefe drängt, verläuft parallel zur Magistrale der im Sommer glühend heißen Hafenstadt Almería mit ihren 190.000 Einwohnern.

Das Tunnelsystem stammt aus der noch immer mehr verschütteten als bewältigten Vergangenheit des Spanischen Bürgerkriegs , der dem Zweiten Weltkrieg vorausging – als Hitlers Luftwaffe und Kriegsmarine im Bündnis mit dem Putschistengeneral Francisco Franco Spaniens Städte bombardierten. Um nicht hilflos ausgeliefert zu sein, trieben die Verteidiger der Republik in Almería ihre kilometerlangen Luftschutzstollen in die Erde.

Wer diese Männer und Frauen waren, wofür sie kämpften, darüber erfahren die Besucher hier allerdings so gut wie nichts. Die Stadt präsentiert ihre Bunkeranlage seltsam politikfern und vermarktet sie touristisch unter dem modisch vagen Titel Refugien – ein Raum für das Leben. Die Museumsführerin eilt, technische Details ratternd und schnatternd, durch die schier endlosen, gleichförmig ausbetonierten Gänge: "Einmalig in Europa" sei das 4,6 Kilometer lange Tunnelsystem, 34.144 der damals 50.000 Stadtbewohner bot es Schutz mit 30 Zentimeter dicken Betonwänden, einem Operationssaal und 67 Eingängen. Beim Bau einer Tiefgarage wurde es vor einigen Jahren "wiederentdeckt". Gut ein Kilometer sei jetzt originalgetreu ausgebaut worden, "damit wir das nie vergessen".

Aber was? Der Name Franco fällt nicht, kein Wort über Terror und Massenmorde, über die Erschießungen der Verteidiger und Tunnelbauer von Almería, als diese letzte, kleine Bastion der Republik 1939 fiel. Und Almería – das bombardierten "die Deutschen und die anderen".

Wer mehr wissen möchte, muss schon in die Geschichtsbücher schauen; der Spanische Bürgerkrieg und auch die Beteiligung der deutschen Wehrmacht an diesem dreijährigen Konflikt sind wissenschaftlich gut durchleuchtet. Es war Mitte Juli 1936, als Spaniens rechtsorientiertes Offizierskorps gegen die 1931 – nach dem Sturz der Monarchie – ausgerufene Republik und ihre demokratisch gewählte Regierung putschte. Wenige Tage später schon, kurz vor den "friedlichen" Olympischen Spielen in Berlin, bildete Hitlers Luftwaffen-Chef Hermann Göring einen Sonderstab. Dieser sollte die deutsche Hilfe für die Putschisten um General Francisco Franco koordinieren.

Bald darauf begann die Verlegung der sogenannten Legion Condor auf die Iberische Halbinsel. Rund 5.000 Mann waren es am Ende permanent. Für Austausch wurde gesorgt; denn möglichst viele Soldaten sollten in Spanien für Hitlers Eroberungskriege "geschult" werden. Auch galt es, neue Brand- und Sprengbomben, Messerschmitt-Jäger und Heinkel-Bomber zu testen. Vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal gab Göring 1946 zu Protokoll: "Franco sandte einen Hilferuf um Unterstützung, besonders in der Luft [...]. Der Führer überlegte es sich, ich drängte lebhaft, Unterstützung unter allen Umständen zu geben, [...] um meine junge Luftwaffe bei diesem oder jenem technischen Punkt zu erproben."

Die "Erprobung" begann noch 1936. Es wurde zum Jahr des ersten massiven Luftkriegs der Geschichte. Deutsche und italienische Bomber testeten die Wirkung systematischer Flächenbombardements, wie beim ersten Ansturm der Franquisten auf Madrid im November 1936, als man so die Moral der Bevölkerung brechen wollte. Berüchtigt ist der vier Stunden währende Angriff auf die südspanische Hafenstadt Cartagena am 25. November 1936, die später immer wieder bombardiert wurde. Die Kathedrale sank in Schutt und Asche; Hunderte Menschen starben. Die Vernichtung des baskischen Städtchens Guernica am 26. April 1937 war dann, nach einem Wort des britischen Historikers Hugh Thomas, die "erste Probe des totalen Krieges, der Zivilisten und nicht Soldaten zum Ziel nahm". Auch andere Städte hatten unter schweren Luftschlägen zu leiden: Valencia, Alicante, Tarragona und vor allem Barcelona, das im März 1938 von den Italienern und dann im Januar 1939 von der Legion Condor tagelang bombardiert wurde. Über tausend Menschen kamen dabei um.