Früher kamen die Besucher von weit her nach Todenmann, um kiloweise Kirschen zu kaufen. 25, 30 Stände säumten im Sommer die Hauptstraße, an der der Ortsteil der niedersächsischen Kleinstadt Rinteln liegt. Die Früchte leuchteten gelb, gelbrot oder dunkelrot, manche waren oval, andere rund. Einige schmeckten süß, andere herb, wieder andere sogar süßsauer. Bis in die achtziger Jahre verdienten die Bauern so gut an ihnen, dass sie mit den Einnahmen über den Winter kamen.

Dann aber brachten Lastwagen Früchte aus Südeuropa in die Supermärkte, allesamt dunkelrot und groß wie Zwei-Euro-Münzen. Sie faulten trotz tagelanger Fahrt nicht und konnten preiswert angeboten werden. Die Mon-Chérie-Kirsche wurde zum neuen Leitbild für Obstbauern, Züchter und Verbraucher. Plötzlich waren nur noch pflegeleichte Sorten gefragt, die auf niedrigen Stämmen wuchsen. Die sind nicht nur einfacher zu ernten: Ganze Plantagen können überdacht werden, damit die Früchte bei Regen nicht platzen.

Zusätzlich schützen Netze und Pestizide die Früchte vor Vögeln, Insekten und Pilzerkrankungen. Das Sortenpotpourri in Todenmann entsprach nicht mehr den Erwartungen der Kunden. Und das Pflücken lohnte sich immer weniger, weil die alten Bäume bis zu zwanzig Meter hoch wachsen. Die Stände an der Straße verschwanden, die Bäume verbrannten im Kamin.

Jetzt soll die Tradition wiederbelebt werden. Den Anstoß gab eine EU-Verordnung: Ein Ort, der als Erholungsort anerkannt werden will, muss 11.000 Übernachtungen pro Jahr vorweisen. Weil Todenmann das nicht kann, drohte es seinen Status und damit eine wichtige Einnahmequelle zu verlieren. Gerd Beu vom Heimat- und Verschönerungsverein hat daher das Projekt "Kirschenrettung" ins Leben gerufen. "Die Kirschen sollen unseren Ort attraktiver machen für den Fremdenverkehr, die Gaststätten und die Bürger", sagt Beu.

Zusammen mit dem Bürgermeister Uwe Vogt führt er durch den Ort und erzählt von seinen Plänen, den Charakter des Ortes und die einzigartige Sortenvielfalt zu erhalten. Einen Kirschenrundwanderweg soll es geben und ein Kirschmuseum. Vielleicht auch eine Genossenschaft, die die Früchte zu Marmelade und Spirituosen verarbeitet. Hagen im Teutoburger Wald, 135 Kilometer von Rinteln entfernt, dient als Vorbild. Die Gemeinde, die einst ebenfalls ein Kirschanbaugebiet war, lockt seit 2006 Touristen mit der Vielfalt alter Sorten. Liköre, Marmelade und auch die Früchte würden sich verkaufen "wie verrückt", behauptet Uwe Vogt. Zudem ist Hagen inzwischen Teil der Deutschen Genbank Obst , einer Art lebenden Archivs für bedrohte Obstsorten , das die Bundesregierung angelegt hat, um die biologische Vielfalt zu erhalten. Es umfasst derzeit 289 Süß- und 97 Sauerkirschsorten.

Die Rettungsaktion beginnt gerade rechtzeitig. Ungefähr die Hälfte seines Bestandes hat Todenmann schon eingebüßt, jedes Jahr sterben etliche der um die 90 Jahre alten Exemplare. 680 Bäume gibt es in Todenmann noch. An Straßenrändern und auf Streuobstwiesen, in Gärten und Hinterhöfen stehen sie, teils uralte Gewächse und vielfach seltene Sorten, die es andernorts kaum gibt. Ihre Eigenarten sind das Werk jahrhundertelanger Züchtung – und sie sind von unschätzbarem Wert. Baumschulen handeln die meisten alten Kirschsorten nicht mehr, weshalb 70 bis 80 Prozent vom Aussterben bedroht sind. Gehen die Bäume in Todenmann ein, ist ihr Erbgut verloren.

Nun ist Hans-Joachim Bannier dabei, die alten Sorten im Dorf zu bestimmen. Der Bielefelder Sortenspezialist parkt unter einem Baum am Rand der Straße und holt eine Teleskopschere aus seinem Wagen. Damit schneidet er einen Zweig Kirschen vom Baum. Schon die Früchte und die Form der Krone liefern ihm Anhaltspunkte für die Bestimmung. Aber den Ausschlag gibt der Stein, der bei jeder Sorte anders aussieht. Nachdem Bannier eine Frucht gegessen hat, zieht er einen blauen Frotteelappen aus der Hosentasche, um den Kirschkern zu polieren. Er rollt ihn auf der Handfläche hin und her, während er vor sich hin überlegt: "Von der Frucht her hätte ich gesagt, eine Hedelfinger Kirsche. Aber vom Stein her: keine Hedelfinger."

Wenn sich auf diese Weise nicht sofort erkennen lässt, um welche Sorte es sich handelt, hilft Bannier der Vergleich des fraglichen Steins mit seiner Sammlung. Er beugt sich über eine Kiste mit vielen Dutzend Plastikschachteln, die er oft im Kofferraum mit sich führt. Darin kullern Hunderte Kerne, säuberlich nach Sorten geordnet. "Die Hedelfinger Kirsche hat einen länglichen Stein, der unten breiter wird", erklärt er. "Schneiders Späte Knorpelkirsche hingegen ist oben am breitesten." Er dreht die Steine zwischen Daumen und Zeigefinger und vergleicht die Form, die Textur und die Furchen. Irgendwann hebt er den Kopf und sagt: "Schneiders Späte Knorpelkirsche. Aber kleiner als üblich, eine Schattenfrucht."