Bisher hat Bannier erst die Hälfte der Bäume in Todenmann identifiziert und schon knapp 40 Sorten ausgemacht. Die meisten gibt es nicht mehr im Handel, viele sind ausgesprochen rar. Zwei existieren wahrscheinlich nur in Todenmann: die Bernsteinkirsche, eine geschmackvolle gelbrote Sorte, und die herzförmige, dunkelrote Ochsenherzkirsche. Ganz sicher ist sich Bannier allerdings noch nicht. Bevor er tatsächlich vom Fund einer neuen Sorte spricht, können Jahre vergehen. Erst einmal vergleicht er Kerne, Fotos und seine handschriftlichen Beschreibungen des Obstbaums mit historischen Aufzeichnungen und Kernsammlungen im In- und Ausland.

Bannier schwärmt von den Raritäten. Die in Vergessenheit geratenen gelben und rotbunten seien bekömmlicher als die dunkelroten Kirschen. Und das Aroma der Weißen Spanischen und der Lucienkirsche steche allemal die Supermarktware aus. Viele alte Sorten interessieren ihn aber auch, weil sie besonders widerstandsfähig sind. Der langjährige Fokus der Züchter auf Größe und sattes Rot mache insbesondere den Ökobauern große Probleme, sagt Bannier.

Die neuen Züchtungen seien extrem krankheits- und schädlingsanfällig, dürften im Biolandbau aber nicht mit Chemikalien behandelt werden. Er möchte nun spezielle Sorten für Biobauern auf den Markt bringen. Die ersten 500 Kerne einer Kreuzung aus der wohlschmeckenden Maibigarreau und der robusten Schneiders Späte Knorpelkirsche hat er in Todenmann schon gesammelt. Gegen die Kirschfruchtfliege wiederum, die das Dorf seit einigen Jahren heimsucht, hilft es, besonders auf frühreife Sorten zu setzen. Die Made des Schädlings kriecht von Ende Juni an in die Früchte und macht sie unverkäuflich. Sorten aber, die früher reifen, werden von ihr nicht befallen.

Während aus den Kernen der Kirschen Keime mit neuem Erbgut sprießen, kann man durch Veredelung quasi junge Klone alter Bäume erstellen. Das macht Marcus Koch von der Baumschule Spiess im hessischen Lippoldsberg. Nur wenige Betriebe in Deutschland bieten diesen Service noch an, weil er sehr aufwendig ist. Koch pfropft einen zehn Zentimeter langen Trieb eines alten Baumes auf den Stamm einer jungen Kirsche. Bald versorgt diese den fremden Ast, und der Trieb wächst weiter. "Die Reiser alter Bäume bereiten viele Schwierigkeiten, weil sie schlecht wachsen", sagt Koch. Dennoch gelingt es ihm, aus acht von zehn Asttrieben ein neues Gehölz zu ziehen. Er gilt damit als einer der besten Kirschveredler bundesweit.

Ein Problem, für das er in Todenmann eine Lösung finden muss, ist die Größe der Bäume. Manche der alten Originale ragen bis zu 20 Meter hoch, ihre Kronen nehmen gut und gerne 80 Kubikmeter ein. Früher kletterten die Pflücker auf lange Holzleitern, um sie abzuernten; nicht wenige von ihnen stürzten und verletzten sich dabei. Das Risiko bei der Ernte will heute keiner mehr auf sich nehmen; zudem sind viele Gärten in Todenmann zu klein für solche Baumriesen.

Zunächst versuchte Marcus Koch daher, Miniaturausgaben hochwachsender Sorten zu ziehen. Dafür pfropfte er die Reiser auf einen speziellen niedrigwachsenden Baum, einen Verwandten der Kirsche namens GiSelA 5. Die so veredelten Gewächse bekommen früher Früchte als jeder Hochstamm. Doch die kleinen Bäume tragen sich an ihren Früchten "fast tot", wie Koch sagt. Die Blätter können den Baum nicht mehr ernähren. Wenn man die Äste nicht regelmäßig stutzt, wird das Gewächs krank und wirft die Früchte ab. Zudem zeigt sich an der Apfelsorte Gravensteiner, dass eigentlich aromatische Früchte in der Miniaturversion an Geschmack verlieren. Marcus Koch rät deshalb dazu, die bedrohten Sorten auch im Großformat zu erhalten.

Der Sortenspezialist Bannier hat da noch eine Idee. Er will den Dorfbewohnern eine neue Schnitttechnik beibringen, die die großen Bäume klein hält. Für die älteren Bewohner des Ortes ist das wahrlich ein Bruch mit der Tradition. Einen Kirschbaum schneidet man nicht, sagen sie. Die Dorfverschönerer sehen den Protest gelassen. Vieles, aber nicht alles soll beim Alten bleiben.

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