Dieses Mal wollte man es genau wissen. In der Studie Lisa&Ko über das Lernverhalten von Kindern verließ Leiter Hans Brügelmann sich nicht nur auf Fragebögen und Schultests, sondern versuchte, die Kinder wirklich kennenzulernen. 1999 ging es los: Insgesamt 128 Kinder zwischen 5 und 15 Jahren aus dem Großraum Siegen wurden mehrmals besucht. Jeweils ein Lehramtsstudent beschäftigte sich mehrere Monate intensiv mit dem Kind, führte herkömmliche Schulleistungstests durch, begleitete das Kind aber auch im Schulalltag, auf Jugendgruppentreffen und in den Sportverein. Zusätzlich wurden Interviews mit dem Kind, den Eltern und auch den Lehrern und Trainern geführt. Schließlich wurde die Entwicklung in sogenannten Lernporträts festgehalten.

DIE ZEIT: Herr Professor Brügelmann, haben Sie durch Ihre ausführliche Studie das Geheimrezept für den Schulerfolg gefunden?

Hans Brügelmann: Nein. Kinder sind komplex und eben keine Variablen, die man steuern kann. Das ist die zentrale Botschaft.

ZEIT: Was sind denn dann die neuen Erkenntnisse Ihrer Studie?

Brügelmann: Die Kinder werden oft zu einseitig betrachtet. Viele Studien haben nur die Didaktik im Blick und sind lediglich auf messbare Leistungen in der Schule fokussiert, vernachlässigen aber das übrige Umfeld der Kinder. Oftmals werden dann Schlussfolgerungen gezogen, die nicht der Realität entsprechen. Wir haben nun versucht, die Kinder in möglichst vielen Facetten zu erfassen. Wir konnten also schauen, was sich hinter einem Kreuz im Fragebogen verbirgt.

ZEIT: Haben Sie ein Beispiel, wo bisherige Untersuchungen zu kurz gegriffen haben?

Brügelmann: Die Behauptung vieler Studien zum Beispiel, die Leseleistung von Kindern sei schwach, weil sie keine Bücher mehr lesen. Das stimmt nicht. Kinder lesen nicht weniger, als es ihre Eltern in der Kindheit taten. Übrigens gab es auch damals schon Kinder, die das langweilig fanden. Und wir stellten fest, dass manche Kinder viel lesen und trotzdem in dem Lesetest schlecht abschneiden, andere lesen zu Hause gar nicht und sind im Test gut.

ZEIT: Trotzdem gibt es doch einen Trend. Das Buch scheint vom Fernseher verdrängt zu werden.

Brügelmann: Natürlich gibt es Kinder, die nicht lesen und dafür fernsehen. Die meisten machen aber beides. Der Fernseher wird auch gerne als Grund für schlechte Schulleistungen genannt. Auch das kann ein Fehlschluss sein. Vielleicht ist einfach niemand zu Hause, der sich um das Kind kümmert und bei den Hausaufgaben hilft. Hoher Fernsehkonsum und schlechte Schulnoten sind dann nur Symptome oder Folgen von etwas Drittem.

ZEIT: Wer kann aus solchen Ergebnissen am meisten lernen?

Brügelmann: Ein Ziel von Lisa&Ko war es, die Studenten, als angehende Lehrer, dafür zu qualifizieren, später im Berufsleben selbst Forscher zu werden. Lehrer wie auch Eltern sollten die Ergebnisse der Großstudien nur als Hypothesen nehmen und bei dem einzelnen Kind prüfen, ob diese Befunde auch wirklich zutreffen.

ZEIT: Was sollten Eltern konkret beachten, um ihr Kind bestmöglich zu unterstützen?

Brügelmann: Ein Kind sollte keine Angst haben müssen, wenn es nicht mit einer Eins nach Hause kommt. Eltern sollten auch andere Noten akzeptieren und das Kind in dem fördern, was es kann. Also den Nachwuchs mit Musikbegabung nicht zum Naturwissenschaftler prügeln, nur weil Papa Arzt ist.

ZEIT: Und was heißt das für die Schule und die angehenden Lehrer?

Brügelmann: Es muss im Unterricht mehr Raum für die Interessen der Kinder geben. Also nicht alle auf Seite 24 im Sachkundebuch arbeiten lassen, sondern das Kind, dessen Onkel Imker ist, vor der Klasse erklären lassen, wie Bienen Honig machen. So kann jedes Kind eher sich und seine eigenen Interessen und Voraussetzungen einbringen. Diese Idee ist natürlich nicht neu. Nur ist Schule leider neben dem Vatikan so ziemlich die trägste soziale Institution, die wir haben.