Da kommt sie", sagt der Fährmann, zwanzig Ausflügler drehen den Kopf und folgen seinem Blick. Auf dem Wasser nähert sich ein zweiter Kahn, gesteuert von einer blonden Frau; blaue Kleidung, vor sich ein großes Paket. Kaum haben die Touristen erkannt, wer da kommt, schwenken alle Kameras zum Kahn.

Eine halbe Stunde früher: Es ist zwölf Uhr, und für Andrea Bunar beginnt der zweite Teil ihres Arbeitstages. In Lübbenau im Spreewald hat sie schon drei Stunden lang Post zugestellt. Jetzt parkt sie ihren Kastenwagen an einem Nebenarm der Spree. Ein langer Schuppen steht hier, auf dunklem Holz ein gelbes Schild: "Bootshaus für Postkahn". Andrea Bunar kurbelt das Tor hoch, schiebt einen flachen Aluminiumkahn in den Fluss und lädt sechs Pakete und eine Postkiste ein. Dann steigt sie ins Heck und stößt sich mit einer Schubstange ab. Der Kahn bewegt sich nach vorn, und sie atmet tief ein, ihr Gesicht entspannt sich. "So ruhig heute", sagt sie. Der Himmel ist grau, die Luft riecht nach Regen. Andrea Bunar stakt los.

Ihr Postkahn gleitet über einen der zahlreichen Wasserläufe, die den Spreewald durchziehen wie feine Adern. Fließe werden sie genannt, und dieses Fließ führt nach Lehde, einem Ortsteil von Lübbenau, 100 Kilometer südlich von Berlin. Bis 1929 war Lehde nur mit dem Boot zu erreichen. Heute sind fast alle Häuser an Straßen angeschlossen, aber der kürzeste Weg führt immer noch über das Wasser. Wenn die rund 150 Dorfbewohner zu ihren Nachbarn wollen oder in die Stadt, fahren sie weiterhin mit dem Kahn. Schon Theodor Fontane erinnerte das an Venedig, er lobte den Ort in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Per Kahn kommt heute die Müllabfuhr, per Kahn kommt seit mehr als 100 Jahren schon die Post. Das ist deutschlandweit einmalig – und die Aufgabe von Andrea Bunar. Seit April bringt und holt sie Briefe in Lehde.

Bunar, 41, hat hellgrün lackierte Fingernägel und trägt Turnschuhe. Seit fast 25 Jahren arbeitet sie für die Post, zuletzt als Zustellerin in Calau in der Lausitz. Sechs Jahre lang hat sie hin und wieder die frühere Kahnpostbotin vertreten. Als die in den Ruhestand ging, übernahm sie den Kahndienst. Das Staken mit der Schubstange hat sie sich zeigen lassen und dann geübt. Gleichmäßig stößt sie nun die Schubstange gegen den Grund und zieht sie wieder hoch. Die Fließe sind im Durchschnitt 1,50 Meter tief. Das Wasser sieht ruhig aus, aber unter der Oberfläche drückt die Strömung gegen das abgeflachte Ende ihrer Stange. "Rudel" heißt sie im Spreewald, und Andrea Bunar muss aufpassen, dass sie nicht festhakt, sonst verliert sie das Rudel oder, schlimmer, ihr Gleichgewicht.

30 Pakete, 600 Briefe und Karten in der Woche

Ein Ortsschild kündigt Lehde an. Dazu gehören dunkle Blockhäuser, Gehöfte und direkt am Wasser hölzerne Briefkästen. Andrea Bunar wagt ein kleines Manöver. Sie steuert dicht an einen Kasten heran, lässt den Kahn gleiten und schiebt die Briefe während der Fahrt in den Schlitz. Als das klappt, strahlt sie und stakt zum nächsten. Die Fließe haben Namen, wie richtige Straßen, Lischka zum Beispiel oder Dolzke, aber Andrea Bunar kennt in der Flusslandschaft auch so jedes Haus und seine Bewohner. Den nächsten Briefkasten steuert sie so leise wie möglich an. Mit dem rechten Fuß tritt sie an Land, mit dem linken hält sie den Kahn in Position. Es bleibt still, trotzdem stößt sie zügig ab, sobald die Briefe im Kasten sind. Der große Hund der Hausbewohner kam hier einmal auf sie zugeschossen, vor Schreck ist sie mit dem Schuh ins Wasser getreten. Mehr ist ihr oder der Fracht zum Glück nie passiert. Pro Woche bringt Andrea Bunar durchschnittlich 30 Pakete und mehr als 600 Briefe und Karten, aber was ihre Arbeit besonders ungewöhnlich macht, zeigt sich erst, als es aufklart.

Nach einer halben Stunde sind die ersten Touristen in Sicht. Ein Kahnfährmann mit grüner Weste stakt sie durch das Fließ. Sein Boot ist ausgerüstet mit Tischen und Bänken, die Touristen sitzen entspannt, bis der Fährmann sie auf die Postbotin hinweist. Riesige Aufregung: "Die Post!" – "Ick dreh durch!" – "Das glaubt uns doch kein Mensch!" Rentner in beigen Anoraks winken. Fotoapparate, eben noch locker auf dem Schoß gehalten, werden hochgerissen. Und es klickt und klickt und hört gar nicht mehr auf, weil alle fotografieren. Andrea Bunar lächelt freundlich in die Kameras.