Es ist die Stille, die am meisten irritiert. Kein öffentlicher Aufschrei, keine flammende Rede. Nichts. In einem voll besetzten Flugzeug, sagt man, ist der Moment größter Gefahr auch der Augenblick größter Ruhe. Wenn die Triebwerke ausgefallen sind und das Flugzeug nur noch segelt. Wenn kein Motorengeräusch den Gleitflug stört. Wenn die Passagiere an Bord noch nicht gemerkt haben, was sie erwartet. Dann ist es ganz still. Und die Katastrophe ganz nah.

So ist es in diesen Tagen mit dem Euro.

Kein Politiker appelliert jetzt noch an den Zusammenhalt der Währungsunion, kein Wirtschaftsführer trommelt für den Erhalt des Euro in seiner derzeitigen Form. Die Kanzlerin? Hörte erst Wagner in Bayreuth und wandert nun in Südtirol. Der Finanzminister? Will abwarten, was die kommenden Wochen bringen. Die Opposition? Hat der Regierung immer vorgeworfen, zu wenig für den Euro zu tun, und tut jetzt selbst nichts mehr dafür.

Es ist ganz still in Berlin.

Man kann das als übliche Sommerroutine sehen. Oder als Hinweis darauf, dass demnächst die Währungsunion zerbricht. Ist dies der Sommer, in dem sich der Norden Europas vom Süden verabschiedet?

19 Krisengipfel hat es seit dem Ausbruch der Turbulenzen gegeben. Milliarden um Milliarden wurden zur Rettung der gemeinsamen Währung aufgebracht. Aber das Problem ist nicht kleiner geworden, im Gegenteil. Immer mehr Geld brauchen die angeschlagenen Staaten im Süden, immer neue Reformen sollen sie wieder auf die Beine bringen.

Wir geben euch Geld, wenn ihr euch anstrengt, eure Misere zu beheben – das war das Rettungsversprechen des Nordens. Nun aber ist die Staatspleite Griechenlands nur noch eine Frage von Wochen. Zu viel Zeit ist in den innenpolitischen Wirren rund um Neuwahlen und Regierungsbildung verloren gegangen, um die zugesagten Reformen noch einhalten zu können.

In Spanien beschleunigt sich die Krise: Gerade erst hat das Land 100 Milliarden Euro zur Rettung seiner Banken erhalten, doch auch dieses Geld reicht nicht. Mehrere Regionen stehen vor der Pleite, die Zentralregierung in Madrid muss Rekordzinsen zahlen, um noch an Kredite zu kommen. Wenn sie überhaupt noch an Kredite kommt.

In Italien regt der frühere Regierungschef Silvio Berlusconi an, das Land solle doch einfach die Lira wieder einführen, wenn der Norden den Italienern nicht zu Hilfe komme. Berlusconi will bei den Wahlen im kommenden Jahr wieder antreten.

Und in Deutschland wird auf einmal der Preis der Rettung benannt: Die Rating-Agentur Moody’s warnt vor Risiken auch für den hiesigen Staatshaushalt. Die Bundesrepublik könnte ihren Status als solider Schuldner verlieren.

Eine Schlacht, heißt es, geht nicht dann verloren, wenn die Feinde näher rücken – sondern wenn die Freunde sich entfernen. Das ist die entscheidende Veränderung im Kampf um den Euro in diesen Tagen. Man rückt von ihm ab.

So wie Peer Steinbrück am vergangenen Sonntag.

Der frühere Finanzminister gilt gemeinhin als Freund des Euro. Steinbrück wird gerne historisch, wenn er über die Währung spricht, er betont dann die besondere Verantwortung der Deutschen. Am Wochenende gab er der Bild am Sonntag ein Interview, in dem er den Blick nicht zurück, sondern nach vorn richtete. Bei ihm mehrten sich »in einigen Fällen« die Zweifel, »ob alle Länder in der Euro-Zone gehalten werden können«.

Anders ausgedrückt: Das war’s dann wohl.

Der Sozialdemokrat Steinbrück gehört nicht der Regierung an – und dennoch könnte dieser Satz für den weiteren Verlauf der Krise sehr wichtig werden. Denn für die großen Veränderungen, die der Umbau der Währungsunion mit sich bringt, braucht die Kanzlerin eine Große Koalition – wenn schon nicht formell, dann zumindest informell. Bislang hat die SPD die Rettungsmaßnahmen immer mitgetragen, wenn in den Reihen der Regierungsparteien der Rückhalt fehlte. Die Sozialdemokraten gaben sich zu Beginn dieser Krise als bedingungslose Europäer, sie waren sogar einmal für Eurobonds.

Doch je näher die Bundestagswahl rückt, desto mehr fürchten die Genossen die Strafe der Wähler, denen die Rettung immer schwerer zu erklären ist – vor allem weil immer deutlicher wird, dass der Währungsbund nur halten wird, wenn neben den Staaten auch die Banken mit Steuergeld saniert werden. Mehr als 70 Prozent der Deutschen sind gegen eine Vergemeinschaftung der Schulden, wie sie internationale Experten fordern. Und das macht auch der Opposition zu schaffen.