Wenn der Mann, der seit Wochen im Verborgenen lebt, einmal einen Ausflug in die Öffentlichkeit unternimmt, wird der geheime Besuch zum großen Auftritt. Shahin Najafi soll nur ein kurzes Radiointerview geben, aber er hält an diesem Nachmittag ein ganzes Rundfunkhaus auf Trab. Beim WDR in der Kölner Innenstadt besteht Sicherheitsalarm. Die Eingangstüren öffnen sich nur auf Knopfdruck des Portiers. In der Lobby darf sich nur aufhalten, wer hier arbeitet oder angemeldet ist. Schuld ist eine dunkle Gestalt, die durch das Foyer schlurft.

Der Mann trägt eine Pilotensonnenbrille, eine Felljacke, die langen schwarzen Haare nachlässig im Nacken zusammengebunden, die Schnürsenkel der Wildlederboots offen. Er erinnert an einen Trapper, der aus der Wildnis kommt, an einen Outlaw, der sich in die Zivilisation verirrt hat. Falls er nicht auffallen wollte, dann hat er das Gegenteil erreicht.

Der iranische Sänger Shahin Najafi muss sich seit zwei Monaten verstecken, weil iranische Ajatollahs seinen jüngst veröffentlichten Song Naghi als Gotteslästerung betrachten. In den Augen islamischer Fundamentalisten kommt das einem Todesurteil gleich, das überall, jederzeit vollstreckbar ist. Die iranische Website Shia-Online hat ein Kopfgeld von 100.000 Dollar auf ihn ausgesetzt, angeblich gestiftet von einem Araber aus den Golfstaaten.


Der Fall Najafi passt gut in eine Diskussion, die in den vergangenen Wochen die deutschen Feuilletons beschäftigte. Ausgelöst hat sie der Schriftsteller Martin Mosebach mit seinem Text Vom Wert des Verbietens, den Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung veröffentlichten. Mosebach dachte darüber nach, ob es in Deutschland nicht an der Zeit sei, Blasphemie in der Kunst wieder unter Strafe zu stellen . Unter anderem deshalb, weil der Islam hier immer stärker werde und gläubige Muslime in Bezug auf Blasphemie "keinen Spaß" verstünden. Mosebach schreibt, er könne sich nicht empören, wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern "einen gewaltigen Schrecken einjagen". Beispiele nennt er keine, er erwähnt nicht den Fall Salman Rushdie , der sich jahrelang verstecken musste und dessen japanischer Übersetzer getötet wurde, nicht den umstrittenen Mohammed-Karikaturisten Kurt Westergaard , auf den es Mordanschläge gegeben hat, und auch nicht den niederländischen Filmemacher Theo van Gogh, der 2004 von einem Islamisten ermordet wurde . Wie es sich für einen Künstler anfühlt, wenn ihm beleidigte Muslime einen "Schrecken einjagen", kann man aber derzeit ganz gut an Shahin Najafi beobachten.

Verboten: Einkaufen, essen gehen, ausgehen, Bahn fahren, Taxi nehmen

Shahin Najafi lebt seit 2005 in Deutschland. Er kam als Flüchtling. "Ich war im Iran wegen eines Liedes zu drei Jahren Haft und 100 Peitschenhieben verurteilt worden", sagt er. Seit Mitte Mai steht der 31-jährige Musiker jetzt unter Polizeischutz. Wenn er die Wohnung verlassen will, von der kaum einer weiß, wo sie liegt, muss er den Beamten Bescheid geben. Seine Handynummer, sagt er, habe nur sein Freund und Manager. Der organisiere nun sein Leben. Najafi kann nicht einkaufen, nicht essen gehen, nicht Bahn fahren, auch kein Taxi nehmen, weil so viele der Fahrer Exil-Iraner sind. Er verbringt täglich mehrere Stunden online, das Internetkabel ist die Nabelschnur, die ihn mit der Außenwelt verbindet, während er in seinem Unterschlupf sitzt.

Bevor Najafi an jenem Nachmittag das WDR-Gebäude verlässt, gibt er am Empfang Bescheid, dann huschen er und sein Manager durch die Hintertür und machen sich auf die lange Fahrt zu der geheimen Wohnung. Sein Versteck liegt in einem Innenhof. Man geht durch ein Haus, über einen Hof, durch eine Garage, durch einen zweiten Hof, der Weg ist so verwirrend, dass ihn der Besucher, kaum ist er ihn gegangen, wieder vergessen hat.

Untergetaucht, abgetaucht – das klingt geheimnisvoll, aber nach zwei Monaten hat sich in Najafis Alltag vor allem das Gefühl der Langeweile breitgemacht. Die Bedrohung ist real, aber sie fühlt sich für Shahin Najafi mit der Zeit immer irrealer an. Es gibt keinen konkreten Gegner. Dann entdeckt er im Internet ein Video, in dem zwei maskierte Männer drohen, sie würden ihn finden. Sie sprechen Persisch und Deutsch. "Man muss aufpassen, dass man nicht verrückt wird", sagt Najafis Manager, der seinen Namen geheim halten möchte. Najafi tröstet sich damit, dass er kein Gefangener ist. "Ich kann ja raus. Ich tue es nur nicht, um mich zu schützen." Gleichzeitig versucht er, die Bedrohung beiseitezuschieben. "Wenn ich die Angst zulasse, kann ich nicht arbeiten."

Man könnte meinen, dass einer, der so selten rauskommt, draußen auflebt und drinnen in sich versinkt. Bei Shahin Najafi ist das Gegenteil der Fall. In seiner Wohnung wird aus dem düsteren Sonderling ein lebhafter Erzähler. Er trägt hier, wie Intellektuelle überall auf der Welt, eine geschliffene Hornbrille, dazu ein gelbes T-Shirt mit Smiley. Er sieht um Jahre jünger aus als auf den Aufnahmen seiner letzten Auftritte, er hat abgenommen. Neuerdings macht Najafi jeden Tag Sport und hat aufgehört zu rauchen, er achtet auf seine Ernährung. Sein Körper ist jetzt sein Tempel, den es zu schützen gilt. "Ich habe gemerkt, wie wichtig es ist, dass ich am Leben bleibe. Ich fühle mich plötzlich sehr gebraucht", sagt er. Er spielt Gitarre, schreibt Gedichte und sieht sich zwei bis drei Filme am Tag an, zurzeit französische Autorenfilme der 60er Jahre. Manchmal, sagt Najafi, fühle er sich wie ein Fallschirmspringer, die Gefahr, in der er lebe, habe auch etwas Interessantes. Er verarbeitet sie zu neuen Songs.