Bamberg ist ein Sonderfall. Da sitzt eine Reihe von Kunst- und Antiquitätenhändlern, denen es nun schon seit 17 Jahren gelingt, mit einer konzertierten Aktion im Sommer nicht nur regionale Aufmerksamkeit zu erregen. Die Stadt ist auch deshalb ein Sonderfall, weil sie mit einer historischen Bausubstanz, wie sie an anderen vergleichbaren Schauplätzen nur mehr rudimentär vorhanden ist, das Interesse von Besuchern erweckt. Die Stadt lebt ganz offensichtlich mit ihrer Geschichte, weiß das auch zu vermitteln, ohne gleich überall Seidentücher mit dem schönen Bamberger Reiter zu verteilen. Das historische Zentrum mit dem imposanten Inselrathaus zwischen den Flussarmen der Pegnitz, den mittelalterlichen Stadthäusern unter dem Domberg, im 17./18. Jahrhundert unter fürstbischöflicher Kuratel aufs Modernste barockisiert, wurde im Lauf der Jahrhunderte nicht weiter in Mitleidenschaft gezogen. Auf Bamberg fielen kaum Bomben im Zweiten Weltkrieg. Auch dies ein Sonderfall.

Die elf Händler, die während der Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen (23. Juli bis 20. August) ihr Angebot, begleitet von Veranstaltungen und getrüffelt mit besonderen Stücken, vorstellen, zeigen in diesem Jahr in ihren Räumen auch frische Arbeiten der Jahrgangsstipendiaten, die im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia leben und arbeiten. Ein riskanter Spagat, dessen Gefahr darin liegt, dass die zeitgenössische Kunst zum Dekor altehrwürdiger Kostbarkeiten verkommt; ein schönes Signal der Öffnung beider Seiten ist diese Kooperation allemal.

Schon vor Jahrzehnten zeigte sich, dass das Potenzial des Bamberger Kunst- und Antiquitätenhandels in einem maßvoll rivalisierenden, pragmatischen Miteinander lag. Kollegen kamen hinzu, allmählich wurde das Gebiet um die Karolinenstraße, die historische Auffahrt, die auf den Domberg führt, zu einem einzigartigen Kunsthandelszentrum. Die Anfang der siebziger Jahre beschlossenen Regelungen zum Denkmalschutz des historischen Stadtkerns, die gute Abschreibungsmodalitäten verhießen, hatten (freilich nicht nur) die Händler angespornt, ehemalige Adelspaläste, Bürger- und Handwerkerhäuser nach allen Regeln der Kunst zu restaurieren und zu konservieren. Das tat nicht nur den Häusern und dem Flair der Stadt gut, sondern war Beleg von Stil und Geschmack, war Anregung und Vorbild. Und gut fürs Geschäft, allerdings mit begrenzter Wirkmacht. Tag für Tag strömten Touristen vorbei, fotografierten rasch den ein oder anderen Putto, bewunderten die gotischen Madonnen im eleganten Faltenwurf, die fein intarsierten Kommoden – und strebten zu Riemenschneider und Veit Stoß, oben am Berg im gewaltigen Dom. Stillstand drohte.

Mit Einführung der Kunst- und Antiquitätenwochen etablierten die Bamberger Kunsthändler einen festen Termin parallel zu den Wagner-Festspielen im nahen Bayreuth. Wer dort hinkam, war kunstsinnig und in der Regel auf Ring- Länge, das waren meist mehrere Tage, gebunden. Die Rechnung ging auf. Heute ist der Sommertermin Tradition in der internationalen Sammlerwelt, die sich den Möbeln der Dresdner, Breslauer, Braunschweiger Ebenisten verschrieben hat, dem Nürnberger und Augsburger Silber, dem frühen Porzellan, den raren Belegstücken vergangener Handwerksblüte.

Einen speziellen Stellenwert haben die Skulpturen im Bamberger Sortiment. Besonders gepflegt von dem seit vierzig Jahren ansässigen Händler Walter Senger, der auch auf der weltweit wichtigsten Kunst- und Antiquitätenmesse TEFAF in Maastricht ausstellt und dort naturgemäß auch als Botschafter Bambergs auftritt. Christian Eduard Franke hat neben herausragend – will heißen: im originalen Zustand – erhaltenen Schreibmöbeln, darunter der frühbarocke Kabinettschreibtisch eines Bamberger Meisters, einen den nemeischen Löwen bezwingenden Bronze-Herkules, der Anfang des 17. Jahrhunderts von einem Augsburger oder Münchner Künstler als Wandbrunnen gestaltet wurde. Matthias Wenzel, dessen Vater vor sechzig Jahren hier als Erster ein Antiquitätengeschäft eröffnete, offeriert eine ganze Riege Lüsterweibchen, frühe Exemplare aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Diese kuriosen, farbig gefassten hölzernen Frauenbüsten, wie Galionsfiguren vor mächtige Geweihstangen montiert, dienten mit ihren aufgesteckten Kerzen als Leuchter und waren Beleg der jagdlichen Kunst des Hausherrn, sie trugen das Wappen der Familie und hatten, bei aller christlichen Gesinnung ihres Besitzers, eine magische Aura, die – man weiß ja nie – Unheil abwehren sollte. Im 19. Jahrhundert fand man, nachdem sie schier in Vergessenheit geraten waren, wieder Gefallen an ihnen, mit der heidnischen Magie war es da freilich längst vorbei.

An ein besonders dem französischen Kunsthandwerk zugewandtes Publikum richten sich Ulf und Marlene Härtl mit ihren eleganten Ensembles des Louis XV. und Louis XVI., an Entdecker der – vom Säbel bis zur Biedermeierschatulle – breit aufgestellte Michael Mühlberger. Ein ganz wichtiger Aspekt wird nicht zuletzt durch den »Neuzugang« Julian Schmitz-Avila berührt: Der Sohn des renommierten Bad Breisiger Kunsthändlers leitet die Bamberger Dependance und dürfte mit seinen 26 Jahren gute Überzeugungsarbeit bei dem gerade für den Antiquitätenhandel so wichtigen und nicht besonders zahlreichen Sammlernachwuchs leisten. Auch Walter Senger setzt bei aller Erfahrung und Kennerschaft in seinem Familienbetrieb auf Tochter und Schwiegersohn und damit auf Kundengespräche in Augenhöhe. Dass sich solche Gespräche in der mit Bedacht gestalteten Umgebung des eigenen Ladens oft überzeugender vertiefen lassen als auf einer Kunstmesse, wird nach einigen Minuten in der Werkstatt des aus Ingolstadt zugezogenen Restaurators Schmidt-Felderhoff klar. Mit viel Herzblut beschreibt er die detektivische Komponente bei der Untersuchung eines Möbels und dessen oft langwierige und viel Geschick erfordernde Rückführung in seinen ursprünglichen Zustand – bevor dann das Stück, wieder zum Leben erweckt, den Besitzer wechseln kann.