Heinrich Bölls Kritiker pflegen zu sagen, er sei ein guter Mensch gewesen, aber ein schlechter Schriftsteller, und nebenbei klingt mit, das moralisch Aufrechte erzeuge in der Regel das literarisch Krumme. Bölls Werk jedoch beweist, dass sich Moral und Ästhetik beflügeln können – im geglückten Fall, und die Ansichten eines Clowns, erschienen 1963, sind ein solcher Fall. Einerseits sind die Monologe des in seinem Beruf und in seiner Liebe gescheiterten Clowns Hans Schnier ein Generalangriff auf das Justemilieu der frühen Bundesrepublik, auf ihre moralische Verlogenheit, auf das Fortwirken der alten Nazis und auf einen Katholizismus, der sich den Mächtigen andient. Kein Wunder, dass der Roman seinerzeit heftigste Empörung hervorrief.

Aber Bölls Kritik an Geiz und Gier und doppelter Moral ist aktueller denn je. In seinem ebenfalls großartigen Roman Billard um halb zehn (1959) sagt der Held: »Ich bin nicht versöhnt, nicht versöhnt mit mir und nicht mit dem Geist der Versöhnung.« Nicht versöhnt: das war auch Böll, den man sich allzu leicht immer als den Versöhnlichen denkt. Dieser Zorn treibt auch die Ansichten eines Clowns voran. Böll (1917 bis 1985) wählt zwar die Form der Ich-Erzählung, aber Hans Schnier ist nicht Böll. Natürlich denkt man an den Satiriker Böll, wenn Schnier von seiner Mutter erzählt, dass sie einst glühende Nationalsozialistin war und jetzt »Präsidentin des Zentralkomitees zur Versöhnung rassischer Gegensätze« ist. Solche für die Nachkriegszeit typischen Koinzidenzen hat Böll ja immer aufgespießt. Dennoch sollten wir den Clown nicht als Alter Ego des Autors missverstehen. Denn er treibt seinen Erzähler an den Rand des Erträglichen, um ebendies deutlich zu machen: das Selbstbezogen-Genießerische seines Schmerzes. Wenn ein Prälat zu Hans Schnier sagt: »Das Schreckliche an Ihnen ist, dass Sie ein unschuldiger, fast möchte ich sagen, reiner Mensch sind«, dann entlarvt das den Prälaten, aber es trifft auch zu. Schniers Einfalt ist nicht nur rein, sondern auch dumm. Wer derart selbstverliebt mit seiner geliebten Marie umgeht, der hat diese Liebe nicht verdient. Dieser Clown besitzt den reinen und hellen Zorn eines Kindes ebenso wie dessen Realitätsuntüchtigkeit. Darin gleicht er seinem Autor dann doch, und deshalb kommt er uns nahe. Ein Hauptsatz von Bölls Poetik lautet: Literatur ist nicht dann triftig, wenn sie realitätsnah ist, sondern wenn sie einer höheren Wahrheit entspricht. Diese Wahrheit ist moralisch.