Die Lektüre ist noch heute wie Rausch und Kater in einem, drogenartig, dröhnend, ein schweres Gewitter. Und erst recht bedeutet Gaddas Roman für das klassizistische, disziplinierte Stilideal der italienischen Literatur noch immer den absoluten Ausnahmezustand. Die labyrinthischen, beschreibungstrunkenen Sätze, die Dialekte, Fach- und Sondersprachen, die er mischt, der Spott und das Gift, die gegen alles und jeden gehen, sein quasi multidirektionaler Sarkasmus, der keinen bestimmten Gegner, sondern die ganze Moderne zum Feinde hat – sie sind zugleich das Modernste, was Italien bis heute kennt. Manche wollten ihn mit Joyce und Faulkner vergleichen, aber das führt in die Irre. Man muss sich eher eine Alliance von Sigmund Freud und Jean Paul vorstellen, von hocherhitzten Metaphern und kalter Seelenkunde, und einen Autor dazwischen, der leidet, aber seinem Leiden misstraut.

Die zwanzig Jahre seiner großbürgerlichen Jugend vor dem Ersten Weltkrieg blieben für Gadda (1893 bis 1973) der Sehnsuchtsort, den Krieg und Faschismus zerstörten – und alles Spätere war ihm nur Ruinenlandschaft. Er setzt seine Welt von gestern nicht mehr zusammen wie Giorgio Bassani oder Tomasi di Lampedusa, er macht nur mehr eine Inventur des bourgeoisen Sperrmülls, mit jener Empfindung, die bei der Entrümpelung des Elternhauses zwischen Nostalgie und Entsetzen schwankt. Aus seinem Werk ragen zwei Romane heraus, Die grässliche Bescherung in der Via Merulana (1957), die ihn bekannt machte, und Die Erkenntnis des Schmerzes (1963).

In die sechziger Jahre gehört dieser Roman nur durch das Erscheinen der Buchausgabe, geschrieben und in einer Zeitschrift zu Teilen veröffentlicht wurde das Werk 1938 bis 1941, ein riskantes Unternehmen, denn den Hintergrund der Mutter-Sohn-Geschichte bildet eine kaum verhüllte Faschismus-Parodie. Man weiß am Ende nicht genau, ob die Mutter vom Sohn oder nicht vielmehr von faschistischen Bütteln umgebracht wurde, die der Sohn angestiftet hat. Und wer ist diese Mutter überhaupt? Man könnte sie, ungeachtet allen psychologischen Realismus, auch allegorisch deuten: als Verkörperung Italiens, das von seinen Söhnen an Mussolini verraten wurde.

Vollständig veröffentlicht, mit einem bis dahin unbekannten Schluss, wurde das Buch 1971, als es vollends nicht mehr in die Zeit passte. Den Linken missfiel die Faschismustheorie, die nicht ihre war; im Übrigen galt Gadda als bürgerlich dekadenter Formalist. Die Kanonisierung zum Klassiker wurde erst zwanzig Jahre später zu seinem 100. Geburtstag vollzogen.