Zeitlebens missfiel es Natalia Ginzburg (1916 bis 1991), außerhalb Italiens zu sein. Aber es half nichts. Im Jahr 1958 wurde ihr Ehemann zum Leiter des italienischen Kulturinstituts in London berufen. Sie folgte ihm, fand alles um sich herum rußig, freudlos, deprimierend. Beste Voraussetzungen also für ein literarisches Werk aus dem Geist der Melancholie und aus der Werkstatt der Erinnerung. Im Frühjahr 1961 begann Natalia Ginzburg mit der Arbeit an einer kleinen Erzählung, aus der ein Roman wurde, Le voci della sera. Noch im selben Jahr erschien er bei ihrem Hausverlag Einaudi, wo sie, Tür an Tür mit Cesare Pavese, in den Aufbruchsjahren nach 1945 Lektorin gewesen war.

Die Stimmen des Abends markieren einen Einschnitt in Ginzburgs Werk. Unmittelbarer, unverhüllter als je zuvor erschuf sie aus den Räumen ihrer Herkunft den Imaginationsraum des Schreibens. Fern von Italien wurde das Verschwundene, wurden Orte, Personen, das ganze Milieu des piemontesischen Bürgertums zum Anfassen nah. Der Roman spielt in der Zeit des Faschismus und ein paar Jahre darüber hinaus. Ort des Geschehens ist ein Dorf in der Nähe Turins, das von der reichen Industriellenfamilie De Francisci dominiert wird – vielmehr wurde. Denn ihre Geschichte folgt dem Muster von Verfall, innerer Entkräftung und äußerer Stagnation. Mit der bourgeoisen Familie aber geht auch eine Epoche unter. Die Epoche des alten Italiens, welches in Tomasi di Lampedusas Epos Der Leopard noch als das neue Italien über die Aristokratie des 19. Jahrhunderts triumphiert hatte.

Natalia Ginzburg braucht weniger als 200 Seiten für ihren mächtigen Erzählstoff. Seit je schrieb sie in schlichten, knappen, vollkommen lakonischen Prosasätzen. In den Stimmen des Abends erreichte ihr literarischer Minimalismus seine Meisterschaft. Kein Wort der Introspektion, keine psychologische Deutung. Die Epochendämmerung vollzieht sich hauptsächlich in Dialogen. Dieses Understatement ist zum ein poetisches Programm, der Widerstand italienischer Nachkriegsautoren gegen den Rhetorikpomp ihrer Vorgänger. Zum anderen aber liegt in der radikalen Reduktion auch eine Aussage über das Ohnmachtsverhältnis des Menschen zur Geschichte. Er kann sie allenfalls belauschen. Als episches Panorama überblicken kann er sie nicht.

Elsa, die Erzählerin, kann nur erdulden. Sie erduldet das nie verstummende Geschwätz ihrer Mutter, die über alles Bescheid weiß und nichts versteht. Mit diesem Geschwätz der Kleinbürgerin beginnt und endet die Erzählung. Es ist bis heute zu hören.