Eigentlich verstehe er nur zwei Menschen, den Mystiker und den Wüstling, hat Julien Green (1900 bis 1998) einmal notiert. Alle Figuren in Jeder Mensch in seiner Nacht, dem großen Roman aus dem Jahre 1960, sind genau das: Mystiker und Wüstlinge. Und sie denken ausschließlich an zwei Dinge: Sexualität und Religion. Liest man dieses in den amerikanischen Südstaaten spielende Epos heute wieder, so kommt es aus einer anderen Welt, ja, man kann sich leicht einen jungen Leser vorstellen, der nicht versteht, worum es hier geht. Nun, Wilfred, gute zwanzig Jahre alt, steht in der Mitte eines Dramas, das ihn schließlich das Leben kostet. Er ist zerrissen zwischen seinen allnächtlichen sexuellen Abenteuern und seinem katholischen Glauben. Damit nicht genug, stellt Julien Green ihm seinen verliebten Cousin Angus gegenüber, der die Wahrheit seines homosexuellen Begehrens nicht aussprechen kann, seinen puritanischen Onkel James Knight und dessen junge, unbefriedigte Frau Phoebe, in die wiederum Wilfred sich verliebt, der hier statt Sex die Liebe zu finden glaubt, sowie den zwielichtigen Max, der in einem Männerbordell arbeitet und die Erlösung mal in der Kirche, mal bei Wilfred sucht.

Nie mehr hat Julien Green einen Roman geschrieben, der von seinem Umfang, der Dramatik, aber auch von seinen erlösungssüchtigen Gestalten her so stark in dostojewskische Dimensionen vorstößt; zu jenen metaphysischen Redeschlachten zwischen Menschen, denen es in jeder Minute ums Ganze geht. In einer lichtlosen Atmosphäre zeichnet Green nächtliche Straßen und Lokale, ein Landhaus, in dem sich die Schicksale kreuzen und wo James Knight auch einmal schweigend einen Revolver, um Wilfred auf die Folgen verbotener Liebe hinzuweisen.

Treffen aber wird Wilfred die Kugel von Max, und wenn dieser Sekunden später um Vergebung fleht, wird sein Opfer ihm mit letzter Kraft verzeihen. Julien Green war der Meinung, Jeder Mensch in seiner Nacht sei sein einziger Roman mit glücklichem Ende. Dieses Bekenntnis ist so verstörend wie das Buch. Kaum ein Roman kann befremdlicher wirken in der schönen neuen Welt, wo die Sexualität längst befreit ist aus dem Dunstkreis moralischer Probleme und die Religion zu den Altlasten der Vergangenheit zählt. Spricht das gegen Julien Greens Roman? Dieses Meisterwerk ist wie alle bedeutende Literatur gegen die eigene Zeit geschrieben. Und vielleicht ist es tatsächlich der letzte große Roman, der noch einmal eines der übermächtigen Themen der europäischen Kultur in einem düsteren Drama durchspielt. An dem Tag, da man dieses Drama nicht mehr versteht, wird ein Kapitel der Geschichte Europas zu Ende sein.